Frankfurter Gemeine Zeitung

„Steiner, Steiner über alles“ und ein Hilferuf

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Wer weiß etwas über den Verbleib des seit sechs Wochen verschwundenen Journalisten Thorsten Kraechan aus Mörfelden-Walldorf?

Ich habe den so ziemlich untergegangenen Beruf des Buchhändlers in Trier erlernt, in einer ziemlich großen, ziemlich guten Buchhandlung. Eine Buchhandlung, die es lange nicht mehr gibt. Wenn es sie noch gäbe, dann würde sie als ein leuchtendes Beispiel einer dem Zeitgeist und Einkaufsverhalten diametral entgegengesetzten Institution gefeiert werden. Eine Buchhandlung, die auf fast 1000 qm eher einer Bibliothek glich. In der noch vorbildlich ausgebildet wurde, in der noch Menschen arbeiteten, welche die Berufsbezeichnung Buchhändler zu recht trugen.

Eine Macke hatte jedoch der Chef, oder seine zweite Ehefrau. Die war Anthroposophin. Es gab eine große Abteilung mit den ungezählten Pamphleten des „Universalgenies“ und der seiner Jünger. Anfang der achtziger Jahre waren die Anthroposophen auch in Trier eine gut vernetzte Gesellschaft: Waldorfschulen, Lesekreise, Malwerkstätten und was das spinnerte „Genie“ Steiner noch alles so losgetreten hatte. Und ich schwöre, noch ehe die sie nur ein Wort gesagt hatten, wußte ich, ihnen mußte ich den Weg in den ersten Stock weisen. Man entwickelte schnell ein Sensorium für die Mitglieder dieser „Sekte“, anders lassen sich für mich diese von „Geheimwissen“ erleuchteten Menschen nicht beschreiben.

Das „ganzheitliche“ Lernen wurde als große Errungenschaft propagiert. „Ganzheitlich“ hieß jedoch Abschottung der Kinder vor den „Gefahren“ der modernen Gesellschaft, vom untersagten Eisessen bis zum Fernsehverbot. Kritisches Infragestellen der verqueren Ideologie des „Meisters“ war verpönt.

Vor nun 150 Jahren hat sich das sterbliche Gefäß Rudolf Steiners bequemt, zu uns zu kommen. Und die bürgerliche Presse eiert in erstaunlichem Maße in ihren Gedenkartikeln herum. Sicher, er war („zeitweise“) ein Rassist, er war hatte zu allem und jedem was zu sagen, 6000 Vorträge hat er landauf, landab gehalten, als ein schamloser Eklektiker. Einer, meine ich, dem gegenüber sich ein Freiherr zu und ab Guttenberg sich als Gralshüter abendländischem Wissenschaftsethos positionieren könnte. In den publizistischen Steiner-Gedenkfeiern löst man den „ganzheitlichen“ Erziehungs- und Gartenanbaugedanken aus dem verquasten „Gesamtgedankengebäude“ heraus und fördert so frohgemut die Rehabilitation eines, mit Verlaub, Scharlatans. Möglicherweise, weil man es sich nicht mit den Abonnenten einer der Scientology verwandten Organisation verderben will?

Nur ein Artikel nannte Roß und Reiter. Am 26. Februar veröffentlichte die Berliner Tageszeitung Die junge Welt einen Artikel von Thorsten Kraechan zum Thema mit dem Hinweis: “Die junge Welt bittet um Mithilfe: Thorsten Kraechan, der Autor des obenstehenden Artikels, ist seit mehr als sechs Wochen verschwunden. Seine Wohnung in Mörfelden-Walldorf hat er seitdem nicht mehr betreten, auf seinem Konto gibt es keinen Zahlungsverkehr. Seine Angehörigen und seine Freunde haben nichts mehr von ihm gehört. Wer ihn zuletzt gesehen hat, meldet sich bitte bei der Feuilletonredaktion dieser Zeitung; cm@jungewelt.de. Telefon: 030 / 53 63 55-12
Ich kenne Thorsten Kraechan nicht persönlich, unterstütze aber diese Suchanfrage.

Zur wohlgefälligen Beachtung sei Kraechans Artikel hier wiedergegeben.

“In ihm wohnt etwas
Anruf von außerhalb unseres Planetensystems: Rudolf Steiner hätte 150. Geburtstag

Von Thorsten Kraechan

»Sehen Sie, so hat sich die Sache entwickelt, daß diese fünf Rassen entstanden sind. Man möchte sagen, in der Mitte schwarz, gelb, weiß und als ein Seitenhieb des Schwarzen das Kupferrote, und als ein Seitenzweig des Gelben das Braune – das sind immer die aussterbenden Teile. Die Weißen sind eigentlich diejenigen, die das Menschliche in sich entwickeln.«

Rudolf Steiner, Die Schöpfung der Welt und des Menschen

Am Sonntag vor 150 Jahren wurde der spirituelle Führer der Anthroposophen, Rudolf Steiner, geboren. Im Vorfeld des Jubiläums wurde der Okkultist mit großangelegten Kampagnen zur Bildungsbürger-Ikone aufgebaut. Während der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst weilte er an Bushaltestellen in Plakatform wenigstens optisch unter den Lebenden, in den Messehallen hatten seine Jünger unter einem dezenten Steiner-Schrein mehrere Kubikmeter druckfrische Echolalien seiner eklektischen Vorträge aufgebahrt. Steiner schrieb nicht, er ließ schreiben. Kaum ein Thema, das es schaffte, nicht auf diesem Weg ganzheitlich von ihm bewältigt zu werden, wenigstens posthum per Miniheft, das Steiners spezielle Sicht auf dieses oder jenes spezielle Thema erläutert.

Nachdem aus Steiners stofflichem Leib 1925 das Leben wich, blieb der Steinerismus ein lebendiger Kult. Das Konterfei des dandyesken Denkasketen mit den Argusaugen starrt in unzähligen Einrichtungen von den Wänden. Im Leben vor dem Tod hatte er so viel über das Leben danach diktiert, daß seine eigene Todesursache mysteriös bleiben mußte: Er starb nicht an ordinärem Magenkrebs, sondern »der Ätherleib (konnte) nicht mehr richtig in die Verdauungsorgane eingreifen« (Michael Grandt, »Schwarzbuch Waldorf«).

Wie begehen die Jünger das Wiegenfest? »Statt großer Geburtstagsfeiern« wünscht die erweckte Diplomingenieurin Judith von Halle in den infoseiten anthroposophie, daß »auch die Vertreter der Anthroposophischen Gesellschaft weniger ein Spiegel gegenwärtiger Zeitgeist-Erscheinungen wären, sondern Fackelträger christlicher Spiritualität«. Zeitgeist ist für von Halle alle »wohlwollende bis vollmundige« Kritik an Steiner, die in der Regel »lediglich die eigene Mediokrität zum Ausdruck bringt«. Ihre Fackel ist nicht die des »weltabgewandten Spiritismus«, sagt sie. »Im Gegenteil. In erster Linie geht es nicht darum, wie man nun (endlich) Zugang zu höheren Welten gewinnt, sondern darum, ein für das soziale Gefüge brauchbarer Mensch (…) zu werden.« Ihr geht es um die Abrichtung des einzelnen. Wer sich nicht nach oben strampelt – Steiners Welten liegen in großen Höhen –, ist unbrauchbar.

Scharf kritisiert die Tugendwächterin ihre Glaubensgemeinschaft für die Anpassung an die (uneingeweihte) Öffentlichkeit: So »ergeht man sich fast ausschließlich in der Hervorhebung dessen, was außerhalb anthroposophischer Kreise salonfähig erscheint: Sozialimpuls, Landwirtschaft, Schule«, statt »zu einem solchen Anlaß einmal ernsthaft auf die okkulte Biographie Rudolf Steiners einzugehen«. Von Halles eigene okkulte Biographie kann sich sehen lassen: Nach vierjähriger Nulldiät, die nötig war, um ihre »Sinneswahrnehmung (…) wie bei einem Raubtier« zu schärfen, wurde sie christliche Märtyrerin mit Stigmata-Performance und gelangte zur geheimwissenschaftlichen Überzeugung, AIDS sei eine »Folge des Glaubens«, daß der Mensch »vom Affen abstamme« (nach Steiner verhielt es sich genau umgekehrt).

In der Anthroposophie kommt ein Unding selten allein. Neoliberaler Leistungskult verschmilzt mit völkisch-rassistischem, latent antisemitischem Elitebewußtsein und faschistoider Wellness-Ästhetik. (…) Vom Alltag in ihrem Bienenstaat erzählt ein Comicstrip im Wellness-Magazin von Weleda. Eine Musterfrau, als Comicfigur eher antik, schmiert früh am Morgen die Pausenbrote für ihre Musterkinder, die sie im Kleinwagen zur Schule fährt. Den eleganten Gatten bekommt sie erst abends zu Gesicht. Bleibt sie morgens auch nur ein paar Minuten liegen, rächt sich das. Sie vergißt Unterlagen für ein Meeting. Ihr Chef ist ein riesiger Eierkopf mit schnabelförmiger Nase und Hut, ohne Körper. Abends ißt sie allein, aber lernt aus ihrem Fehler, schläft weniger, und prompt erscheint die Welt in warmen Grüntönen. Startet sie nur munter genug in die Sklaverei fürs soziale Gefüge, ist der straff durchorganisierte Stundenplan der ganzheitlichen Familie gerettet, bis zum »gemeinsamen Abendessen« mit dem Gatten. Der Chef erscheint als normal proportionierter, angenehmer Gesprächspartner mit weichen Gesichtszügen. »Kaffeepause und interessantes Gespräch mit dem Chef« notiert die Scherenschnitt-Mutter. Die Vorstellung von ihm als Eierkopf war eine Folge ihrer Faulheit. Eigentlich gibt es keine unangenehmen Chefs; nur faule, maulende Angestellte, die lieber schlafen, als anständig zu arbeiten.

Weleda-Leutchen sind in ihrer Freizeit heiter-gestreßte und aktiv-entspannte Rasenmäher, Wiesenausstecher, Leergutordner, Wandanstreicher, Geräteruderer, Heimwerker, Putzkräfte, Schrankauswischer, Tintenfaßfüller und Laubsauger. Sie wissen: »Morgens eine halbe Stunde vertrödelt, ist manchmal der ganze Tag im Eimer. Wer zeitig anfängt, macht sich das Leben schöner«. Welcher Nachbar liebt sie dafür nicht?

Auch »der deutsche Psychologe« Robert Betz pflegt Kontakte zu höheren Welten und Wesen mit enormer Willensstärke. Seine Bücher und CDs für das Wachwerden und »Anfangen« füllen Regale. Betz operiert völkisch und antiintellektuell, ohne Fachchinesisch; er übersetzt anthroposophisches Vokabular (von höheren Welten über Engel bis zu Indigo-Menschen) ins Kumpelhaft-Bodenständige. Sein Werk umfaßt tiefsinnige Sprüche wie »Wenn eine Frau zuviel Männersamen abbekommt, wachsen ihr kleine Bärte«, oder »das Leben ist kein Arschloch«, haha. Die ordinäre Masche ist Teil der Marketingstrategie. Bei Onkel Betz orakeln die Engel aus »unverbogenem« Kindermund. Das entspricht Steiners Vorstellung vom »kindlichen Menschen« als einer Art »Telefonverbindung« zu Gott: »Haben wir ein Kind vor uns, das schon zu sich ›Ich‹ sagt, das wir also in gewissem Sinn als einen Menschen ansprechen, so müssen wir uns klar sein darüber: In ihm wohnt etwas, was eine Spiegelung ist von etwas, das nicht außerhalb unserer Erde, sondern außerhalb unseres Planetensystems tätig ist.« (Steiner, »Elemente der Erziehungskunst«).

Betz zufolge leiden die Geschlechter heute darunter, daß sie nicht genügend sie selbst sind – also nicht »ganz Frau« und nicht »ganz Mann«. Gesund macht, wenn die Frau sich auf ihr Urbild als wässriges Wandlungsprinzip bzw. »Salzkorn im Meer« besinnt und von Natur aus »empfangend« ist, während der Mann mit seiner angeborenen »Grundgeilheit« als »orgastisch tätiger« Urquell »mit ganz viel Lust durch die Welt geht«. »Der kleine Führer zum großen Erfolg«, Betz, läßt Frauen ihre Leiden kurieren durch Rückbesinnung auf »das Grundprinzip des Weibchens, sich zu öffnen«, bis »die Schleier sich heben«. Zu den Erretteten zählt Andrea Schirnack, die nach eigenen Angaben »aus der knallharten Journalismusbranche (RTL, Sat.1)« kam, bevor sie vom »hohen Gesetz« »beauftragt« wurde, auf das »Goldene Zeitalter der Liebe« hinzuarbeiten.

Hartz-IV-Empfängern wird mit Lektion eins in Betz’ Buch »Pinke, Knete, Mäuse« geholfen: »Ich akzeptiere den Gedanken, daß ich (…) meine finanziellen Probleme selbst erschaffen habe, und ich weigere mich, irgend jemanden, irgend etwas sonst dafür verantwortlich zu machen.« Schon gar nicht die Gesellschaftsordnung: »Erste Aufgabe eines Unternehmens ist es, gewinnorientiert zu arbeiten, nicht Arbeitsplätze zu sichern; Aldis und Lidls machen ihre Umsätze auch nicht in erster Linie mit Hartz-IV-Empfängern«.

Wer selbst für diese Discounter unbrauchbar ist, muß sich mit Betz’ »Wir sind Deutschland«-CD in Frage stellen: »Will ich weiter nur ein Nutznießer sein oder gar Schmarotzer des Gemeinwesens Deutschlands«? Hier wiegt das Schmarotzen besonders schwer, unter anderem weil es hier »so herrlich viele Brot- und Wurstsorten« gibt. Aber nicht nur, meint Betz: »Ich bin stolz auf Fähigkeiten, die es zwar auch in anderen Ländern gibt, aber selten so durchgängig und oft anzutreffen wie bei uns, so daß ich mich nicht scheue, sie als typisch deutsch zu bezeichnen. Dazu zähle ich unter anderem Professionalität, Präzision und Gründlichkeit, Qualitätsbewußtsein, Schaffensfreude, Schaffensdrang und Kreativität, Pünktlichkeit und Termintreue, Struktur, Ordnung und Sauberkeit«.

So klingt die bodenständige Spiritualität des esoterischen Volksgeist-Kollektivs im Jahre 86 nach Steiner: Pinke, Knete, Mäuse, das Recht auf die gesunde Grundgeilheit des Mannes, deutsche Wurst und Deutschland, Deutschland über alles.


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