Frankfurter Gemeine Zeitung

Zwei Diktaturen?

Am letzten Samstag feierten in Berlin etwa 100 ehemalige Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA) im Tierpark Friedrichsfelde den 55. Jahrestag der NVA-Gründung, ganz stilecht mit ihren alten Uniformen und Orden.

Verständlich, dass dies für einige Missstimmungen sorgte. Der „Tagesspiegel“ beschrieb das Ereignis als „Aufmarsch einer Geistertruppe“.
Die Leitungen von Zoo und Tierpark, die angaben, von der Veranstaltung, die dort in einer privat betriebenen Cafeteria stattfand, nichts gewusst zu haben waren empört und kündigten Abmahnungen an.
Quer durch die Reihen der politischen Parteien, kritisierte man die Veranstaltung und auch die Linke, der manche unkritisches Umgehen mit der DDR vorwerfen, distanzierte sich entschieden.

So weit, so verständlich. Eine Feier dieser ewiggestrigen Betonköpfe von NVA-Offizieren wollte ich auch nicht in meinem Garten haben.

Ein wenig stutzig wurde ich aber dann, als ich las, dass der Vize-Bundesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Stalinismus (VOS), Ronald Lässig, ein dem Verbot von Nazi-Insignien vergleichbares, generelles Verbot von Uniformen und Symbolen der DDR forderte.
„Es geht doch darum, ein Bewusstsein für die Gefahren von Diktaturen zu schaffen“, sagte er laut dem „Tagesspiegel“.
Mit dieser Sichtweise ist er keineswegs alleine. Auch die Junge Union stellte schon die Forderung nach einer rechtlichen Gleichsetzung von DDR-Symbolen mit Nazi-Symbolen.

Ich muss gestehen, dass es mir kalt den Rücken hinunterläuft, wenn ein Deutscher von „den beiden deutschen Diktaturen“ oder Ähnlichem spricht. Doch warum?

Sachlich ist es absolut richtig, die DDR als Diktatur zu bezeichnen. Es gab keine freien Wahlen, politische Gegner wurden bespitzelt, schikaniert, gesellschaftlich isoliert und gefoltert, Menschen die nichts anderes wollten, als nur dieses Land verlassen, wurde in den Rücken geschossen.
Dies sind Verbrechen, die weder vergessen, noch kleingeredet werden sollen.

Was also stört mich so, an der sachlich richtigen Aussage von den „zwei deutschen Diktaturen“, übrigens eine Aussage, die man meist eher aus dem Mund konservativer Politiker hört?

Die Antwort dürfte mit ein Bisschen Nachdenken schnell klar werden: Die Unterschiedslosigkeit!

Es werden hier zwei Dinge auf eine Stufe gestellt, die man nicht auf eine Stufe stellen kann, namentlich das Dritte Reich und die DDR. Auch wenn beides Diktaturen waren, so hat die DDR eben doch keinen Holocaust verbrochen und keinen Weltkrieg entfesselt.

Wer diesen immensen qualitativen Unterschied nicht sieht, der will ihn offenkundig nicht sehen und dem muss man wohl eine Relativierung der Verbrechen des Dritten Reiches unterstellen.
Besonders sei hier an einen parlamentarischen Antrag der CDU/CSU-Fraktion erinnert, der 2004 exemplarisch die fatale Gleichsetzung vor Augen führt und der damals unter anderem von unserer allseits beliebten Erika Steinbach, Michael Glos und (man lese und staune) der regelmäßigen „Achse des Guten“-Schreiberin Vera Lengsfeld unterzeichnet wurde.

Warum gerade Politiker der Union daran ein Interesse haben und besonders gerne von den „zwei Diktaturen“ reden, wird bei Betrachtung der Geschichte der CDU schnell klar.
Nach dem Ende einer Diktatur finden immer Mitläufer, Mittäter und Kollaborateure den Weg zurück in gesellschaftliche Ämter. Nach dem Ende des Dritten Reiches fanden sich zahlreiche dieser Personen in der CDU wieder und es ist kein Geheimnis, dass so manches Mitglied der Linken früher ein SED-Parteibuch in der Tasche hatte.

Eine Gleichsetzung von DDR und Drittem Reich muss daher notwendigerweise im Interesse der CDU und unionsnaher Kräfte liegen, denn sie dient gleichermaßen der eigenen historischen Entlastung, wie dem Angriff auf den politischen Gegner.
So durchschaubar! So opportunistisch!


13 Kommentare zu “Zwei Diktaturen?”

  1. Carl-Wolfgang Holzapfel

    Opportunistisch ist die hier durch die Hintertür transportierte Verharmlosung oder gar Ausspielung der einen gegen die andere Diktatur. Es gibt keine leichten Morde oder schweren Morde, keine leichte Dikatatur oder schwere Diktatur. Ließen wir uns auf diese Unterscheidunge ein, könnten wir ja gleich Menschen akzeptieren, die uns mit einer “leichten” Diktatur beglücken wollen. Dann stellt sich das Programm: Demokratie oder (leichte) Diktatur, ohne den energischsten Widerstand hervorzurufen.
    Der Widerspruch ergibt sich doch nicht aus den berechtigten historischen Gewichtungen eines Holocaust, der ja nicht zum erstem mal in der Geschichte stattgefunden hat (gleichwohl aber nicht mit dieser Begründung verharmlost oder relativiert werden darf). Der große Irrtum unserer Zeit ist, dass wir echten demokratischen, freiheitsbedingten Widerstand dadurch beleidigen, dass wir den kommunistischen Widerstand gegen den Nazismus mit diesem Widerstand gleichsetzen. Wer die eine Teufelei durch eine andere ersetzen wollte, ist kein Widerständler und darf es nie sein. Es wird Zeit, mit dieser großen Lüge aufzuräumen. Dann werden auch Kommunisten oder Pseudo-Kommunisten nicht mehr mit ihrer Dialektik daher kommen und die eine Diktatur verharmlosen, weil sie kommunistisch war und die andere verurteilen, weil man ja dagegen mutigen Widerstand geleistet hat.
    Mir ist ein Nazi, der den Kommunismus verteufelt und dagegen zum Widerstand aufruft genauso widerlich, wie ein Kommunist, der zum Widerstand gegen die (Neo-)Nazis aufruft.
    Nei, wir setzen nicht gleich. Aber wir dürfen und wir müssen vergleichen dürfen. So einfach ist das.

  2. gaukler

    So einfach ist das ! Genau.
    Hoffen wir, dass ein gewisser Geist an Differenzierungen bleibt, sonst wandern in “diesem unseren Lande” bald alle hinter Gitter, die nicht mit einem einfachen manichäischen Denkschema der Art des Vorkommentars übereinstimmen, eben einer bestimmten Form von Diktatur, die sich etwas verkleidet.

  3. trickster

    “der echte demokratische freiheitsbedingte Widerstand” meine Herren! Das ist echt stark, Herr Holzapfel! Da ist es ja gut, dass die Nazis – so en passant – gleich den Demokraten noch einen Gefallen getan haben, indem sie – aus Gründen der Vollständigkeit – jene Demokraten auch von der Pest der Kommunisten befreiten. So feiern wir ja auch nur die “echten” Widerständler, während wir den verkappten Bösewichtern noch stets zuriefen, das habt ihr euch selbst zuzuschreiben und ihnen auch keine Pensionen oder andere Transferleistungen zukommen liessen, Frau Freisler hat sich sicher für diese Einschätzung bedankt.

  4. Florian K.

    Sehr geehrter Herr Holzapfel,

    zunächst einmal danke für Ihren Kommentar.

    Trotzdem lief es mir beim Lesen kalt den Rücken herunter.

    Ich möchte Sie ziteren:
    “Der Widerspruch ergibt sich doch nicht aus den berechtigten historischen Gewichtungen eines Holocaust, der ja nicht zum erstem mal in der Geschichte stattgefunden hat.”

    -Unzutreffender, als mit diesem Satz könnte man ein singuläres und nicht vergleichbares deutsches Menschheitsverbrechen nicht beschreiben.
    Wann hat es denn nach Ihrer Meinung vor dem Holocaust schon mal einen Holocaust gegeben?!?!

    Im Übrigen brauche ich die SED-Diktatur gegenüber dem Dritten Reich nicht zu verharmlosen, denn sie WAR harmloser!

    Sie hat keine Abermillionen Toten hinterlassen!
    Sie hat nicht versucht ein Volk systematisch und industriell organisiert auszurotten!
    Sie hat keinen Weltkrieg entfesselt!
    Sie hat kein zerbombtes und geteiltes Land hinterlassen!

    Nebenbei kann man sich auch noch die Frage stellen, ob es ohne das Dritte Reich überhaupt je eine SED-Diktatur gegeben hätte…

    Nein, Herr Holzapfel… nicht Vergleichbares wird man auch nicht vergleichen dürfen… so einfach ist das.

    Trotzdem sollte sich kein vernünftig denkender Mensch die SED zurückwünschen, ich denke zumindest an diesem Punkt können wir uns einig sein.

  5. Florian K.

    P.S.
    Außerdem müsste man, wenn man Ihrer Forderung nachkommen wollte, nur den “demokratischen und freiheitsbedingten Widerstand” zu ehren, auch den bundesdeutschen “Stauffenberg-Kult” über Bord werfen.

    Denn ob Stauffenberg und seine adligen Freunde, nach geglücktem Attentat eine freiheitliche Demokratie etabliert hätten, darf doch gerne bezweifelt werden.

    Hier mal der Einfachheit halber ein Zitat von Stauffenberg, welches sich auch auf Wikipedia findet:

    „Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, die durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schufen. Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge. Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Mißgunst überwindet.“

    Fast gruselig, wie sich dieses abendländische Elitendenken bis in die heutige Zeit bewahrt hat und in manchen Kreisen gerade jetzt wieder en vogue ist.

    Trotzdem war Stauffenberg besser als Hitler. Ebenso, wie der kommunistische Widerstand besser als Hitler war.

  6. Frankfurter Gemeine Zeitung » Blog Archiv » Zwei Diktaturen? | Tierpark Göppingen | Scoop.it

    [...] Frankfurter Gemeine Zeitung » Blog Archiv » Zwei Diktaturen? Die Leitungen von Zoo und Tierpark, die angaben, von der Veranstaltung, die dort in einer privat betriebenen Cafeteria stattfand, nichts gewusst zu haben waren empört und kündigten Abmahnungen an. … Source: kwassl.net [...]

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