Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Mitte März 2011

Die neuen deutschen Wutbürger haben die letzte Woche zwei neue Ausprägungen gefunden, eine nationale und eine lokale. Beide hängen mit unserer Versorgung und Umwelt zusammen.

Zuerst die nationale, die uns allen bedeutendere Variante: wichtiger als die Bahn und ihre Höfe (“Stuttgart-Wut”) ist das Auto, sein Motor und das, was massig verbrannt wird: Benzin. Diesmal ist es nicht der Preis – zumindest nicht direkt – sondern ein E mit der Zahl 10, das nach Meinung der meisten Wutbürger an Tankstellen für das arme Gefährt ähnlich wirken kann wie für uns E605. Das will Wutbürger nicht und er kauft das teure Sicher-Benzin.

Im lokalen Frankfurt, dem braven Stadtteil zwischen Bornheim und Westend kam es zum Eklat, die Frankfurter Rundschau berichtet seit 10 Tagen pausenlos darüber: des dauernden Krachs von Mütter-Baby-Ansammlungen überdrüssig hängten die Betreiber eines Cafes einen Zettel mit Wunsch nach Zugangsbeschränkung ins Fenster: andere Gäste wollen auch mal Ruhe: bitte weniger unkontrolliertes Gewusel!.

Seitdem tobt eine Diskussion vieler Nordend-Wutbürger, welche Fraktion neuer Bürgerlichkeit denn hier im Recht sei und ob die einen oder anderen oder sie selbst denn zu dieser Bürgerlichkeit gehören oder nicht.

Was schließen wir daraus? Hilft bei der Lösung vielleicht wieder der Stefan Raab des Nordends, der Medienstar Michi Herl?

Im Hype um die Web-Revolutionen überall auf dem Globus ist die Tage eine kleine Pause eingetreten: gegen Panzer und Flieger in der Wüste hilft kein Facebook-Account und für das Löschen eines Kernkraftwerks braucht man Wasser und die Feuerwehr, weniger das neue Google Chrome. Wer das übersieht, wird ein böses Erwachen haben.
Von der anderen Seite her betrachtet: “Ich sehe keinen Grund, einer medialen Hysterie zu verfallen“, sagt der tschechische Ministerpräsident Petr Necas.


Bemerkenswertes – Mitte März 2011

Eine wunderschöne Bemerkung zum Blow Up in Japan und daran anschließenden Einsichten über Unfälle, speziell Kernkraftwerks-Unfälle wird vom türkischen Premier berichtet: “Wer jedes Risiko ausschließen wolle, der müsse auch auf den Betrieb von Gasflaschen in der Küche oder den Bau von Ölpipelines verzichten, zitierten türkische Medien Erdogan. “Es gibt keine Investitionen ohne Risiko.” Die Türkei gehört zu den Länder der Welt mit einer stark erhöhten Gefahr schwerer Erdbeben, die in der Geschichte der Region immer wieder ganze Städte zerstört haben.” (SZ)

Radioaktive Gasflaschen

Ich weiß nicht ob es dort Stammtische gibt, aber man sieht, dass für das Amt des Premierministers noch nicht mal elementare Schulbildung verlangt wird.

Der bayerische Held “von G.” war wohl wirklich nichts als ein kleiner Blender, selbst die eigenen Reihen sind inzwischen sauer: “Die bisherigen Maßnahmen stellten eine “riesige, offene Baustelle” dar, zitierte das Nachrichtenmagazin “Spiegel” den schleswig-holsteinischen CDU-Vorsitzenden Christian von Boetticher. Er vermisst demnach ein Konzept zur Rekrutierung von Freiwilligen, zur Sicherung des Katastrophenschutzes sowie “klare, transparente Parameter” für Entscheidungen über Standortschließungen.

Naja, dass die Vorwürfe des ehemaligen Ministers gegen den straff entlassenen Kapitän der Gorch Fock fragwürdig sind ist inzwischen auch klar: laut Untersuchungsbericht der Marine hat es auf der “Gorch Fock” keine unhaltbaren Missstände gegeben.

Aber was soll´s: das stärkt den Zusammenhalt der deutschen G.-Schutzgemeinschaft noch weiter.


Die Debatte um Gentrifizierung ist verkürzt (2)

<- Prekarität und Aufwertung der Stadt gehen Hand in Hand

Arbeit hat heute die Grenzen der Großraumbüros und Fabriken hinter sich gelassen und breitet sich über die gesamte Stadt aus. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Freelancern und anderen Selbstständigen, für die es keine festen Arbeitsorte mehr gibt und die vielfach auch von zu Hause aus arbeiten. Und es zeigt sich bei der affektiven Arbeit, die nicht mehr auf die Hausarbeit beschränkt ist, sondern an ökonomischer Bedeutung gewinnt – von der Pflegearbeit bis hin zu Wellness und Yoga. Diese Entgrenzung setzt sich auch in der Stadtplanung fort. Von Funktionstrennung ist keine Rede mehr. Im Gegenteil. Die innerstädtischen Altbauviertel, die seit jeher durch Kleinteiligkeit und die Mischung von Arbeiten und Wohnen gekennzeichnet waren, gelten nicht mehr als Überreste der Vergangenheit, sondern als Modelle für die Zukunft.

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Lohnarbeit und soziale Absicherung sind heute längst nicht mehr die Norm. An die Stelle des Statuts der Lohnarbeit ist die Prekarität getreten. Dies setzt sich auch in der Stadtplanung fort. Die Stadt hat sich weitgehend aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen. Wohnungen und Häuser werden privatisiert. Während die Stadt sich auf Repräsentationsbauten wie etwa die Hamburger Elbphilharmonie konzentriert, liegt der Wohnungsbau erneut in den Händen privater Wohnungsbaugesellschaften.

Heute sind Zentralisation und Planung, im Unterschied zu der Zeit vor 1970, nicht mehr gleichbedeutend mit Effizienz. An ihre Stelle sind Outsourcing an SubunternehmerInnen und Freelancer sowie kurzfristige Projektarbeit getreten. Grundlage der heutigen Arbeitsorganisation sind der Computer und das Internet. Damit hat sich die ökonomische Bedeutung von sozialen Beziehungen grundlegend verändert. Netzwerk-Unternehmen beruhen auf einer Vielzahl von Kontakten und einer möglichst großen sozialen Dichte. Diese Abkehr von Planung und Zentralisation kennzeichnet auch die heutige Stadtplanung. Auch hier rücken temporäre Architektur und Zwischennutzung ins Blickfeld. Viel wichtiger ist jedoch, dass auch soziale Dichte heute anders bewertet wird. Während das Leben auf der Straße und in Kneipen den VerfechterInnen des sozialen Wohnungsbaus als unmoralisch galt, sind lebendige Straßen heute ein zentrales Verkaufsargument für ImmobilienmaklerInnen.

Von der City Nord über das Hafengebiet bis hin zu den Trabantenstädten und Vororten waren alle Stadtteile auf eine bestimmte Form von Arbeit ausgerichtet. Sie waren durch die Trennung von Arbeit und Leben, durch Statut der Lohnarbeit und durch Zentralisation geprägt. In dem Maße, in dem sich die Arbeitswelt verändert hat, haben diese Viertel an Bedeutung verloren. Zugleich lässt sich in den innenstadtnahen Altbauvierteln eine entgegengesetzte Entwicklung verfolgen. Gerade weil diese Viertel Entgrenzung und Dichte ermöglichen, rücken sie immer mehr in den Fokus der ökonomischen Entwicklung, angefangen von KünstlerInnen, StudentInnen und ArbeitsmigrantInnen, die sich den Raum aneignen, über Alternativprojekte, neue Selbstständige und New Economy bis hin zur gegenwärtigen Immobilienspekulation.

Studenten und Künstler sind nicht das Problem

Erst wenn man den Wandel der Arbeitswelt in den Blick nimmt, lässt sich begreifen, wieso die innerstädtischen Altbauquartiere in das Zentrum der ökonomischen Entwicklung gerückt sind. Zugleich ermöglicht diese Perspektive ein anderes Verständnis der gegenwärtigen Auseinandersetzungen. Dies lässt sich an zwei zentralen Begriffen verdeutlichen, die bisher die Debatte um Gentrifizierung prägen: Aufwertung und Verdrängung. Der Begriff der Aufwertung beschreibt den Prozess, der der Verdrängung der ärmeren BewohnerInnen eines Stadtteils vorangeht. KünstlerInnen und StudentInnen ziehen in einen billigen Stadtteil; durch die neuen Lebensstile verändert sich das Image des Stadtteils, Immobilienfonds werden aufmerksam und beginnen, alte Häuser zu sanieren und Eigentumswohnungen neu zu bauen. Wer von Aufwertung spricht, spricht immer auch von einer Komplizenschaft zwischen KünstlerInnen, StudentInnen und ImmobilienspekulantInnen. Daher auch der bohemistische Schuldkomplex.

Aber es ist auch eine andere Perspektive möglich. Vorausgesetzt, man nimmt Arbeit und Ausbeutung in den Blick. Der Wert von Immobilien beruht nicht nur auf der Größe des Grundstücks und der Ausstattung des Gebäudes. Er beruht immer auch auf dessen Lage und damit auch auf dem Image des Stadtteils, in dem das Gebäude steht. Und dieses Image ist durch die Arbeit der BewohnerInnen gemeinsam produziert worden: durch die Cafés, Kneipen, Clubs und Galerien, die sie betreiben, durch die verschiedenen kulturellen, sozialen und politischen Projekte, die sie organisieren. Immobilien in gentrifizierten Stadtteilen sind gerade deshalb so lukrativ, weil die Immobilienfonds keinen einzigen Cent für das Image und damit für die Arbeit der dort Lebenden bezahlen. Wenn man Immobilienspekulation in diesem Sinne als Enteignung des Gemeinsamen fasst, dann gibt es keine Komplizenschaft zwischen KünstlerInnen und ImmobilienspekulantInnen. Die einen verdienen Millionen, die anderen bekommen nichts.

Der Begriff der Verdrängung beschreibt, dass ärmere BewohnerInnen aufgrund steigender Wohnungsmieten gezwungen sind, einen Stadtteil zu verlassen. Aber Verdrängung ist nicht nur eine Frage von zu teuren Wohnungen, sondern auch eine von zu teuren Gewerbe-, Büro- und Atelierräumen. Zwischennutzung ist für KünstlerInnen häufig die einzige Möglichkeit, um an bezahlbare Atelierräume zu kommen. Viele Selbstständige arbeiten von ihrer Wohnung aus, weil Büroräume zu teuer sind. Kleine Läden werden durch Flagshipstores verdrängt. Hinterhofwerkstätten werden abgerissen und durch neugebaute Eigentumswohnungen ersetzt.

Nur mit einem weiten Begriff von Verdrängung lässt sich das Ausmaß der Umbrüche in den innenstadtnahen Altbauquartieren begreifen. Gentrifizierung und prekäre Arbeit sind eng miteinander verknüpft. Dies in den Blick zu nehmen, ermöglicht ein genaueres Verständnis der gegenwärtigen Umbrüche in den Zentren der Städte. Aber vor allem ermöglicht es, die Konfliktfelder zu vervielfältigen. Und genau das ist nötig, um die wachsende Stadt mit Projekten zu umstellen.

(aus ak – analyse & kritik Nr. 558)


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