Frankfurter Gemeine Zeitung

Moratorien und andere Spielereien

Japan und die Sorge um die Grosstechnologie

Auf den ersten Blick wirkt es hektisch, unentschlossen, panikhaft. Doch ist dem so? oder steckt dahinter ein Kalkül – und zwar eines, das mit einem dann gestärkten Glauben an die Machbarkeit die Alternativlosigkeit von Grosstechnologien feiern und die Einwände vom Tisch fegen lässt.

In ungewohnter Eile verkündete die ausgewiesene Lobbyisten der Atomindustrie ein Moratorium, obgleich sich die Sicherheitslage der deutschen Meiler kaum infolge des Erdbebens sonderlich geändert haben dürfte. Da sind viele Streicheleinheiten verteilt worden, wurde eine Mutter der Nation auf die Bildschirme gezaubert, die voller Sorge nichts unversucht lässt, um Schaden abzuwenden. Alles Wahlkampf tönte es sofort, doch auch dies wirkte eher als Inszenierung denn als Ausdruck alternativer Entwürfe.

Hält schon !

Eins wie das Andere lässt sich aber auch ganz anders lesen. Als Versuch, erstmal abzuwarten, ob es in Japan gelingen kann, die Geschichte irgendwie in den Griff zu bekommen, so dass bis auf kleinere regionale Unpässlichkeiten, der Fehler der Natur wieder ausgeglichen werden kann. Das allerdings wäre dann ein Bekenntnis zu der Fähigkeit, noch jede Störung des dem menschlichen Wollen unterworfenen Ablaufs zu meistern, ein nächstes Mal noch unwahrscheinlicher zu machen. Ein postmoderner Triumph des Willens demnach.

Insofern ist der Schachzug in vieler Hinsicht ein geglückter. Einmal gaukelt er vor, die Bedenken im „Volk“ ernst zu nehmen, dann legt er nahe, dass andere Kriterien als Kosten bei der Risikobewertung eine Hauptrolle spielten und schliesslich liefert ein erfolgreiches „Handling“ eingängige Argumente, die weitere Einsätze und Laufzeiten rechtfertigen. Treu dem Motto, na haben wir’s nicht immer gesagt, unsere Kraftwerke sind sicher, unsere Massnahmen umfassend, lässt sich zum Status quo ante problemlos zurückkehren. Klagen der Betreiber sind erst zu erwarten, wenn trotz glimpflichem Ausgang des japanischen Desasters abgeschaltet bleibt. Nicht, dass hier unterstellt wird, Frau Merkel sei mit derartig brillanter – zynischer – Intelligenz beschlagen. Doch in drei Monaten sind sowohl alle wichtigen derzeitigen Wahlen vorüber und die Reaktoren in Japan eingesargt. Ausserdem sind genug Bilder über die Schirme geflimmert, die gezeigt haben, wie eine Welt ohne Atomkraft aussieht (Tokioter ohne Klimaanlagen, dunkle Nächte ohne Laternen, abgeschaltete Fabriken). Diese Bilder werden erinnert und wir werden mit einem erleichterten Seufzen, dass das Treppenlicht immer noch angeht, auch Neckarwestheim wieder ans Netz lassen.

Libyen als gesamtdeutsches Verwirrspiel

Wir machen nicht mit aber wir stehen voll dahinter. Das klingt wie das Thema eines Fan-Klubs in irgendeiner Stadionkurve. Warum nicht: wir müssen gerade die Trümmer wegräumen, die unser gut aussehender Verteidigungsminister hinterlassen hat und können momentan nicht so wie wir gerne wollten. Oder: meint ihr ehrlich, wollen wir nicht warten wie es ausgeht, wir schicken dann unseren Aussenminister, der wird Gaddafi dann einen Vortrag über Menschenrechte halten, unterstützt von Heckler & Koch. Ginge auch: was der Schröder im Irak gemacht hat, können wir auch.

Andersrum: wir haben es uns geschworen, dass wir keine militärischen Auseinandersetzungen im Ausland führen. Wir liefern auch keine Waffen, mit denen wir dann beschossen werden könnten. Wir halten es mit der Schweiz.

Kann man alles nachvollziehen, oder? Aber was da abgeliefert wurde. Zwar ein hervorragendes Beispiel an Stilistik und somit Verneblung, was auch mit zwei Worten: heute nicht abgegangen wäre, und ebenso substanzlos. Wer nun meint, das Trauerspiel hätte nur zwei Protagonisten, Westerwelle und Merkel liegt meilenweit daneben, fast noch trauriger gaben sich SPD und Grüne (die Bellizisten der Union und FDP mussten sich notgedrungen zurückhalten, so weit geht die Gewissensfreiheit in einem deutschen Bundestag auch wieder nicht). Eine erregte Wieczorek-Zeul, die sich schon als Entwicklungshilfe-Tussi um die armen Neger sorgte, war dabei fast komisch. Da wurde sich so gewunden, dass die Damen und Herren aus Berlin in Monaco alle Zirkuspreise abgeräumt hätten. Auch die Linke übte sich in nebulosem Pazifismus und umging, Stellung zu beziehen, brachte es jedoch fertig, wenigstens einige Zusammenhänge anzudeuten.

Jetzt stehen wir also da, Sarkozy lässt sofort die Hunde los und spricht ganz offen, den ganzen Clan bei der ersten Chance in die Luft zu jagen, was in seiner Logik nicht unvernünftig ist, die Briten sind ohnehin dabei, das schulden sie schon der Umsatzgarantie für ihre Wettbüros, die Amerikaner ebenfalls, lassen aber die anderen mal vorpreschen, damit sie das „Ewige-Zweite-Syndrom“ endlich mal los werden, das geht nämlich seit dem zweiten Weltkrieg so. Und die Deutschen stehen auf der Galerie und feuern die Jungs an. Später werden Merkelwelle dann erzählen wie sie Gaddafi ganz allein umzingelt hatten.

Hoffentlich ändert sich nix!

Allenthalben stellen wir eine konsequente Konsequenzlosigkeit fest, die bei dieser Regierung alternativlos ist. Doch hüten wir uns davor, dies so zu verstehen, dass ihr die Fähigkeiten fehlten, denn erstens ist das die Fähigkeit schlechthin und zweitens wird damit die Flexibilität geübt, ohne die im heutigen Kapitalismus keine Kontinuität erhalten werden kann.

So vergeht die Woche in rasendem Stillstand und wenn wir uns von unserem Schwindel erholt haben, können wir es richtig geniessen, dass unsere Landsleute in Biblis und wo immer auch Heckler & Koch im Schwabenländle sitzen, noch einen gesicherten Arbeitsplatz ihr eigen nennen, obgleich Letztere jetzt nicht mehr so genau wissen, sollen sie Grün wählen, um die CDU wieder auf Linie zu bringen.


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