Frankfurter Gemeine Zeitung

Opfergedenken- Aber wie?

Jedes Jahr kommen sie wieder, die Gedenkmärsche für die sogenannten „deutschen Opfer des alliierten Bombenkrieges“. Zu oft werden diese von revanchistischen, geschichtsrevisionistischen und offen rechtsradikalen Kräften veranstaltet und besucht.

Natürlich erregen diese Aufmärsche Widerspruch und es formieren sich Gegendemonstrationen insbesondere aus dem linken politischen Spektrum. Bei diesen Gegendemonstrationen sieht man oft Transparente mit der Aussage „Deutsche Täter sind keine Opfer“ oder gar dem zynischen Spruch „Bomber Harris- Do it again!“.

Nach meiner Auffassung vertreten sowohl die Teilnehmer der Gedenkmärsche, als auch die Gegendemonstranten ein fragwürdiges Geschichtsbild.

Um dies zu verdeutlichen, möchte ich einmal einen Vergleich zu unserem Rechtssystem und auch zu unserem Rechtsverständnis bemühen.
Nehmen wir einmal an, ich bedränge mit einem Auto einen anderen Verkehrsteilnehmer derart stark, dass er zu einem Ausweichmanöver gezwungen wird, bei dem er Unschuldige verletzt.
Trage dann nicht ich alleine die Schuld an den Verletzungen dieser Unschuldigen?

Oder nehmen wir einmal an, ich unternehme einen widerrechtlichen Angriff auf eine andere Person, wodurch diese zu einer Notwehrreaktion gezwungen wird, die auch Unschuldige Personen in Mitleidenschaft zieht.
Bin ich in diesem Fall nicht als eigentlicher Verursacher der Notwehrreaktion nicht auch an den durch die Notwehrreaktion entstandenen Schäden schuld?
Ich würde das so sehen.

Dass Deutschland die unbedingte Schuld am Zweiten Weltkrieg trägt, ist allgemeiner Konsens und wird nur von einigen rechtsradikalen Spinnern bestritten.
Wenn Deutschland aber die Schuld am Zweiten Weltkrieg trägt, so ist Deutschland eben auch an allen eigenen Verlusten schuld.
Demnach ist es nicht korrekt, überhaupt von „deutschen Opfern des alliierten Bombenkrieges“ zu reden, sondern eine treffendere Formulierung wäre „deutsche Opfer des von Deutschland verursachten Angriffskrieges“.

So könnte man dieser Opfer in einem antifaschistischen Sinne ohne Schuldrelativierung oder patriotischen Märtyrerkult gedenken.
Die Aussage „Deutsche Täter sind keine Opfer“ hingegen ist in diesem Zusammenhang unangebracht, da sie eine unzulässige Verallgemeinerung darstellt.
Wenn man sie nämlich bezogen auf alle deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges gebraucht, so unterstellt man jedem einzelnen dieser Opfer damit eine Täterschaft bloß aufgrund seiner Volkszugehörigkeit, eine Aussage die vereinfachend, unkritisch und nicht zuletzt rassistisch ist.
Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema sollte frei von Instrumentalisierungen oder hohlen Parolen jeder Art geführt werden.

Und ein entsprechendes Umdenken tut Not, denn keinesfalls sollte man die Deutungshoheit über das Gedenken an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges irgendwelchen Faschisten überlassen, die es missbrauchen um die deutsche Kriegsschuld zu relativieren oder den Befreiern eine Art Mitschuld anzudichten.


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