Frankfurter Gemeine Zeitung

Keine Qual der Wahl

Ein charakteristisches Emblem der “Politik-Müdigkeit” in unserer Gesellschaft bietet die Wahlmüdigkeit: man mag den Leuten z. B. keine komplizierten Wahlzettel oder eine Wiederholungswahl zumuten, es könnte sie nämlich einfach überlasten. Während der mündige Bürger keinen Aufwand scheut, wöchentlich intensiv Empfehlungen und Bedienungsanleitungen für neue Produkte zu studieren oder sich in lange Schlangen zum Discounter und an dessen Kasse einzureihen, erreicht der Anspruch für politische Artikulation schnell seine Belastungsgrenze, selbst wenn er wie bei Wahlen nur stückchenweise in Jahresabständen an ihn tritt.

Was sind wir müde

Wenn wir auf das Wahlspektakel schauen, das dieses Wochenende medial über uns ausgeschüttet wird, beschleicht das Gefühl, dass das nicht allein am allgegenwärtigen “habe zu viel zu tun” liegt. Viel mehr an einem überwältigenden Gleichklang im präsentierten Parteiensemble, das durch die Versuche kleinmütigen Abstandgewinns voneinander in diesem eher noch verstärkt wird.

Das Führungspersonal der Parteien in Baden-Württemberg zeigt das in Idealform: pragmatische Neo-Bürgerliche treten in einer graden Front an: ein Grüner im Dreiteiler spielt das “Wut-Bürger” Image sehr gesetzt aus, und situiert sich im schwäbischen Mittelstandsgefühl oft besser als sein CDU-Counterpart – mit dem er ja sowieso am liebsten zusammengehen würde. Der jung-forschere SPDler ist eh Pragmatiker reinster Form, dem Schröder-Geist entsprungen, der seit einigen Monaten allen Märchen einer noch so kleinen “Links”-Verschiebung der Partei wieder Hohn straft. Von Mappus brauchen wir nicht weiter zu sprechen. Ach so: dann gibt es da noch die Brüderle-Partei mit einem Ämter-Trainierten vorne dran.

Auch wenn die Stuttgarter Selbstbefeuerung (“oben und unten”) sogar die WELT dieses Wochenende veranlasst, Stuttgart heutzutage als die Fortsetzung von ´68 mit anderen Mitteln zu verstehen, bleibt nicht viel mehr übrig als eine Politik der 40%-Mitte, um die das herrschende Parteien-Quartett kämpft, wie fast überall in Deutschland.

In Frankfurt ist das auch nicht anders: da strotzt ein SDPler in einer Form von den Plakaten, deren Wohlgefälligkeit an den Verbandsvorsitzenden der Frankfurter Versicherungswirtschaft erinnern lässt; oder wenn von Grünen-Plakaten ein “Recht auf unsere Stadt” herunterspottet, dann ist dem Passanten oft nicht klar, von welcher Stadt, welchen Machtverhältnissen die Rede ist, besonders bei einer schwarz eingebetteten Partei, die sich nicht entblödet, die letzten kommunalen politischen Rechte durch fröhliche Zustimmung zur “Schuldenbremse” selbst zu schleifen.

Die doppeldeutig gemeinte Parole der WELT von “Let´s putz” für Stuttgart hat vermutlich bloß einen echten Realitätsgehalt. Nicht nur dort: zwischen Stuttgart und Frankfurt unterscheidet sich hinsichtlich des politischen Gefühls vor Ort wahrscheinlich nur noch die Durchlaufgeschwindigkeit von Consultants und Business-Partnern und deren Entertainment-Ansprüche. Fast nur.

So ist das, wenn sich die Parteien der imaginierten Mitte zu sehr hingeben: ein Gefühl der Ermüdung stellt sich ein, besonders in potentiell kreativeren Milieus.

Zumindest empfiehlt es sich trotz anhaltender Müdigkeit, der Verfassungsänderung zur “Schuldenbremse” ein NEIN auf dem Zettel entgegen zu zeichnen.


Ein Kommentar zu “Keine Qual der Wahl”

  1. YazzOid

    quallen und wale < quellen in wellen

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