Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Ende März 2011

In die gleiche Richtung marschieren die beiden großen Frankfurter Tageszeitungen in ihren Stimmungsberichten zur neuen Bürgerlichkeit, zumindest derjenigen, die sich nicht über simplen Sarrazinismus ausdrückt.

In der FAZ kommt der gewitzte Mit-Herausgeber Frank Schirrmacher in die neuen Gänge: im Feuilleton schreibt er eine Kritik herunter, die ihn im gleichen Blatt vor Zeiten noch den Kopf gekostet hätte: “Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds“. Schirrmacher hat erkannt, dass das triviale Theater dummer Sprüche gegen KKW-Kritik inzwischen vorbei ist, und dass eine bürgerliche Grundstimmung gegen unversicherbare Großprojekte keineswegs gleich das Ende des Abendlandes einläutet.

Der Kommentar der Frankfurter Rundschau macht die neuen Gefühlswelten politisch noch greifbarer: “Es gibt ein neues Verständnis des Bürgerlichen, auf das die Union nicht bloß keinen Alleinvertretungsanspruch mehr hat, sondern das sich gar nicht mehr mit ihr verbindet. Mappus, der Verlierer, ist dafür das beste Beispiel. Zu seiner Selbstinszenierung als konservativer Hardliner gehörte wie selbstverständlich der lautstarke Einsatz für längere AKW-Laufzeiten. Dabei artikuliert sich die neue Bürgerlichkeit gerade im Widerstand gegen die Atomkraft, ähnlich wie im Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, den die CDU lange verachtet hat.”

Die FR übersieht allerdings, dass dies nicht das ganze “bürgerliche” Spektrum darstellt, schon die Gewinne der CDU in Rheinland-Pfalz verdeutlichen das.

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Bemerkenswert sind die medialen Spielchen in Japan, die man im schlechtesten Sinne  “Informationspolitik” nennen kann. Nicht nur entbödet sich der arrogante und kriminelle Energiekonzern TESCO nicht, die im explodierten AKW verstrahlten Arbeiter als “selber schuld” zu deklarieren – aus der entfernten, sicheren Konzernzentrale heraus natürlich. Damit nicht der Eindruck entstehe, die nahe des Kraftwerks wohnende Bevölkerung sein am GAU auch selber schuld, entschuldigte sich die Regierung für den ganzen “Vorfall”.

Das Zahlenspiel rund um das traurige Geschehen ging am Wochenende weiter: während der Regierungssprecher über eine “stabile Lage” in Fukushima räsonierte, sprach der Betreiber TESCO von millionenfach überhöhten Stralungswerten, und veranlasste die Arbeiter vor Ort zur Flucht. Nach Information über die “stabile Lage” der Regierung, nahm die Firma das zurück, um am folgenden Tag von “hunderttausendfach” überhöhten Werten zu sprechen. Vermutlich sind daran die Atome selber schuld.

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Der Freitag-Besitzer Jakob Augstein scheint sich ein weiteres Betätigungsfeld neben dem blaß-rot-grünen Blatt zugelegt zu haben, als Mitarbeiter in der führenden Polit-Seifenoper “Anne Will”.

Wir stellen uns die Frage, was er dort ausser Selbstprofilierung und Pflege potentieller Interviewpartner sucht. Mit einem oder zwei Sätzen pro Sendung und nachdenklichem Hin-und-Her-Nicken liefert er bloß das Feigenblatt für herrschende Mediensitten: man lässt ja schließlich damit auch was “Linkes” zu.

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Daum ist in Frankfurt angekommen, und der Spiegel interpretiert es gleich mit anspruchsvoller Verquickung von Fußball und Philosophie – “Christoph Daum und die neue Frankfurter Schule“: Daum sei der Schopenhauer unter den Trainern!

Ein erkenntnisphilosophisch geprägtes Video zur engen Verbindung von Spielweise und Kommunikation im Waldstadion heute zeigt er hier.


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