Frankfurter Gemeine Zeitung

Spring! Nicht! Mein Dank an Guido Westerwelle

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Guido , hör mir zu, bitte hör mir ZU! Du zunächst vom Glück, dann vom Unglück Verfolgter: in dieser schweren Stunde, da sich vom “Handelsblatt” bis hin zum letzten HosenScheißer Hinterbänkler der FDP alle von Dir abwenden, sei Dir eines versichert: wir von der FGZ stehen hinter Dir! Und zwar wegen einer einzigen Tat, die eigentlich eine Nichttat war: der Enthaltung Deutschlands bei der Abstimmung über die Lybien-Resolution der UN. Denn, wenn auch wenig klar ist, so viel immerhin steht fest:”unterm altem Joschka hätts das nicht gegeben”! Joschka Fischer, im Serbienbombardement gestählt, hat als elder statesman wegen der deutschen Enthaltung die Nationalschande ausgerufen: er hat Dir mit unangenehm uneingezogenem Schwanz und einem pathetisch angehängten ”e” a la Friedrich Schiller  vorgeworfen, dass Du “als es im Sicherheitsrat zum Schwure kam, den Schwanz eingezogen” habest,  und dass wir damit unseren Anspruch auf einen Platz im Weltsicherheitsrat -oder wars in der Weltgeschichte?- “in die Tonne getreten” hätten. Ah, schön gesagt, da klingt , obwohl ganz machtpolitisch Genscherisch oder Kiss- Kiss- Kissinger-like gedacht, noch was von früher mit… so als hätten wir uns als bekennende MacDonalds-Fans um einen Platz in der Veganer-Kita beworben! Die Bedenkenträger in den Medien grübeln unterdessen über die nicht- und niemals wiedergutzumachenden Erschütterungen unseres Verhältnisses zu unseren französischen und amerikanischen Brüdern…. Joschka wurde reflexhaft sekundiert von Dany Cohn Bendit, der mit überschlagender Stimme Zögerer als Tyrannenfreunde denunzierte und Lybien mit dem Warschauer Ghetto verglich. Nun entspricht Danys politisches Reflexionsniveau bekanntermaßen dem gleichnamigen Joghurt von Danone , mal rechts-, mal linksdrehend, aber: Enthaltung, so was geht gar nicht, oder?
Oder eben doch.
Lybiens Staatschef gehört wie anderen arabischen Despoten zwar viel Öl, aber keineswegs meine Sympathie. Diese gilt per se zunächst den Aufständischen, wer immer sie sein mögen. Andererseits erschien mir Gaddafi, den die hiesigen Medien mal wieder zeitgerecht in die Quasi-Hitlerkategorie hieven, nicht schlimmer als z. B. die Gurkenscheichs von Saudi-Arabien, die jetzt seinen Sturz mit Hilfe der USA fordern, und gleichzeitig Truppen nach Bahrain schicken, um den dortigen Despoten gegen die Aufständischen zu stützen. Rudolf Walther hat in einem wohltuend besonnenen Artikel in der TAZ das “grelle Gemälde”  Gadaffis als Schlächter des eigenen Volkes korrigiert: “Gaddafis Herrschaft beruhte nicht auf Staatsterrror, sondern auf Gas- und Ölexporten, aus deren Erlösen er sich Zustimmung -oder wenigstens Duldung-erkaufte. Das macht seine Diktatur nicht akzeptabler, aber die schäumenden Kriegsbefürworter noch unglaubwürdiger.”

Der Feldzug des Westens wirft zu viele Fragen auf: Steht in Lybien tatsächlich Gaddafi “gegen sein Volk” oder gibt es dort einen Bürgerkrieg? Warum wurde die UN-Resolution so diffus formuliert? Wird die typische Paranoia des alten Regimes, das alles “von ausländischen Agenten angezettelt” ist, nicht angestachelt durch die Intervention des Westens? Für was stehen die Aufständischen? Kursiert in der Rebellenhochburg Bengasi tatsächlich eine Todesliste mit 7200 Namen von GaddafiAnhängern, wie ein Spiegelonline-Interviewer behauptet, ohne dass der Sprecher der Rebellen widerspricht? Wenn der Westen “ein Blutvergießen verhindern will”, wie viele Bombardierungen braucht es dazu? Was machen die westlichen Bombardierungen mit den Gaddafianhängern? Wird so keine Eskalation erzeugt? Was ist davon zu halten, wenn die Aufständischen, befeuert durch die  Flieger über ihnen, mal eben so einen “Marsch auf Tripolis” ankündigen (inzwischen wohl wieder abgeblasen)? Was davon, dass NATOflugzeuge  aus Versehen Aufständische bombardieren, und zwar weil die mit einem Maschinengewehr “Freudenschüsse in die Luft” abgeben? Kommt uns dieser Mist nicht bekannt vor? Ist Lybien nicht tatsächlich eigentlich “Sache der Lybier”? Wie kommt die britische Regierung dazu, der lybischen Regierung “bei jedem Kontakt zu sagen, dass Gadaffi gehen muss“? Entscheiden das die Briten? Warum bildet ausgerechnet der CIA die Aufständischen aus, wie die Amerikaner inzwischen selbst sagen, nachdem Al-Dschasira es herausgefunden hat? Warum ist Oberst Khalifa Hafta, der bis vor kurzem noch im US-amerikanischen Exil, weit entfernt von Lybien, aber in der Nähe des CIA-Hauptquartieres lebte,  jetzt Oberbefehlshaber der Rebellenarmee? Kann sich jemand daran erinnern, dass der CIA irgendwann irgendwo auf der Welt eine “Demokratiebewegung” unterstützt hat? Und setzen diese hochbezahlten Jungs nicht immer schließlich ALLES in den Sand, egal ob sichs um die Schweinebucht, den 11.9., den Irak oder Afghanistan handelt? Und Lybien hat, so weit ich weiß, viel Sand.
Dies alles bedenkend und zu Dir zurückkommend, Guido, sage ich: wenn man zwischen beschissenen Alternativen nicht wählen kann, tut man gut daran, sich zunächst nicht zu entscheiden.  Eine Nicht-Tat ist unter Umständen besser und erfordert mehr Mut als eine Untat.
Also, schreite noch ein wenig weiter voran, auf dem weisen Wege des Nichtstuns, Ghandi, ich meine: Guido. Dafür verzeihen wir Dir auch, dass du die Hartz-IV-Empfänger vor kurzem noch der “spätrömischen Dekadenz” geziehen hast, während Deine Wirtschaftsfreunde, die Großunternehmen, Banken oder ganze Länder an die Wand gefahren haben, Millionenabfindungen kassierten. Trotzdem wollen sie jetzt nichts mehr von Dir wissen und kein steuerbegünstigter Hotelier bietet Dir Asyl in der Mini-Bar an. Die Welt ist ungerecht, vergeßlich…Vergiß auch Du jetzt das Mobbing der Medien und Deiner Parteikollegen. Wo wären diese Karrieregeilen Jungintriganten ohne Dich? Sind sie nicht Fleisch von deinem Fleische, Sakkos von Deinem Sakko? Vor gerade mal eineinhalb Jahren hast Du für sie das beste Bundestags-Ergebnis der FDP-Geschichte eingefahren: Vierzehn! Komma!! Sechs Prozent!!! Klar, davon sind aktuell noch etwa drei bis vier übrig. Das heißt aber doch: Du hast Deine Partei in einer Weise gelehrt, was “Fallhöhe” heißt, wie das noch nicht mal Möllemann mit seinem finalen Sprung geschafft hat. Gerade für Juli-Jungschnösel im April ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden. Wir aber sind in dieser dunklen Frühlings-Stunde bei Dir, dem besten Außenminister, den Deutschland seit langer Zeit hatte. Spring! Nicht! in this spring night.


4 Kommentare zu “Spring! Nicht! Mein Dank an Guido Westerwelle”

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