Frankfurter Gemeine Zeitung

Ackermanns Traum (1)

1. Vorstandssitzung in einem Frankfurter Bankturm

Berger: „Sie sehen an diesen Charts, dass unsere Konsolidierungsmaßnahmen greifen. Nach der Ankündigung der Freisetzung von 3000 Mitarbeiter bei gleichzeitigem Anheben der Vorstandsbezüge um 30 Prozent ist der Aktienkurs nach oben geschossen. Das zeigt: die Märkte beginnen an uns zu glauben! Unterstützt wird dieser Gesundungsprozess durch technische Sparmaßnahmen. Der Aufzugbetrieb für die unteren 45 Stockwerke ist eingestellt worden. Der Schäferhund der Security Leute (liest in seinem Papieren) “Bello” wird durch einen in der Haltung günstigeren Pekinesen ersetzt.  Langfristig werden auch die Security Leute gegen Pekinesen ausgetauscht. Das Weihnachtsgeld wird ab dem 1.12. diesen Jahres nicht mehr von der Bank an die Mitarbeiter ausgezahlt, sondern von den Mitarbeitern an die Bank. Auch davon ist ein Value-added zu erwarten. (Applaus. Er schaut auf die Uhr) Ja…wenn sie mich jetzt entschuldigen würden, ich mache heute etwas früher Schluss, weil ich Geburtstag habe und ich, äh, noch im Duty Free shop ein Geschenk für mich kaufen muss.“

Der über Video zugeschaltete Hauptaktionär aus Hongkong: Ich verstehe, Mistel Berger. Ich bin Chinese, aber ich habe selbst schon häufig Geburtstag gehabt. Deshalb darf ich hier im Namen aller Aktionäre sagen: Happy birthday, Mistel Berger.

2. Berger in „Dannys- Dutyfreeshop“ am Frankfurter Flughafen, er steht mit einer Tüte H-Milch vor der Kasse:

Berger Einmal die H-Milch, bitte.

Danny: Ein Liter H-Milch. Noch was?

Berger (spricht sehr langsam und künstlich): Ich finde den Dutyfreegedanken positiv. Ich sage oft: Nie- mehr -Steuern!

Danny schaut ihn scharf an, dann flüstert er: „Hinten links durch. Und: Wenn mich einer fragt: ich weiß nicht, was ihr Jungs da macht

Berger will durchgehen,  Danny hält ihn auf

Danny: Der Raum ist kostenlos, aber der Liter H-Milch kostet heute Abend 1200 Euro. Geht auch mit Visa.“

Berger zahlt und geht in den Hinterraum;

3. Frau Roth ist schon da. Berger tritt ein, gibt Roth die Hand.

Berger: Guten Abend. Berger, Commerzbank.

Roth Freut mich, Roth.

Berger: Keine Namen! (Victoryzeichen) Nie mehr Steuern!

Roth (Victoryzeichen) : Nie mehr Steuern!

Berger: Zigarette?

Roth: Gern. Was passiert jetzt?

Berger: Wir warten.

Roth: Worauf?

Berger: Auf die Anderen.

4. Veit tritt ein.

Veit: Guten Abend, Veit, von der Frankfurter Sparkasse: Keine Höschen! (Victoryzeichen)

Berger: Das waren gleich drei Fehler, Herr Veit! Erstens: Keine Namen! Zweitens haben sie das Victoryzeichen mit der linken Hand gemacht…

Veit: Aber ich bin Linkshänder!

Berger: Darf ich ausreden?

Veit. Aber…

Berger: Darf ich ausreden, bitte?… Danke. Drittens „Keine Höschen“ war die Parole des letzten Quartals.

Roth: Genau, „Keine Höschen“ wurde mit der Deadline 18.1. abgelöst durch: „Nie mehr Steuern“!

Veit: (blättert in irgendwelchen Unterlagen) Ich versteh das nicht…Also, die Frau Bergsträsser… ich hab zu ihr eindeutig gesagt, suchen sie mir die tagesaktuelle Parole….

Berger (unterbricht): Nie mehr Steuern! (Victoryzeichen)

Roth: Nie mehr Steuern! (Victoryzeichen)

Veit: Nie mehr Steuern! (Victoryzeichen mit beiden Händen)

Berger: Was ist mit den Versicherungen?

Veit: Ja, also, die Allianz hält sich bislang abseits. Sie wollen erst mal sehen, wie sich die Sache entwickelt.

Roth: Die mit ihrem ewigen Sicherheitsdenken!

Berger: O-kay. Die anderen?

Veit: Herr Kaiser von der Hamburg Mannheimer wollte mal vorbeischauen.

Berger: Herr Kaiser von der Hamburg Mannheimer? Das kenn ich schon…der kommt nie! Noch ein Kandidat?

Roth: Die UA hat sich uns angeschlossen.

Berger: Die UA? Wer ist das?

Roth: Unabhängige Avonberaterinnen. Haben sich von der Avon-Zentrale losgesagt und einen revolutionären Haarfestiger entwickelt aus Protest gegen die verfestigten Strukturen. (sie hält ein paar Fotos hoch mit tollen Frisuren). Und ihr neues Türklingelzeichen ist wirklich megageil! (es läutet mehrfach)

Berger: Gut, Genossen, Genossinen, wir haben uns hier versammelt aus einem einzigem Grund. Unser Genosse Josef sitzt im Knast der Gewerkschaftsimperialisten und wir fordern:

Alle zusammen: Freiheit für Josef Ackermann! (Victoryzeichen)


Das Bahnhofsviertel – die echte Mitte Frankfurts?

Eigentlich existiert das “Viertel” gar nicht, kaum ein Durcheilender glaubt an eine echte Bewohnerschaft hinter den Fassaden, Läden, Restaurants, Etablisments in den paar Strassen vorm Frankfurter Hauptbahnhof. Es gibt im Bahnhofsviertel aber noch fast 2000 Ortsansässige, auch wenn die paar Wackeren sich mit dem flanierenden Stammpublikum zu einem schwer durchdringlichen Gemenge vermischen. Bewohnerschaften, Ökonomien und Publikumsgruppen passen entsprechend in “multikultureller” Vielfalt zum ersten Eindruck wie der längeren Geschichte des kleinen Quartiers, auch wenn der Druck durch die Umgebung von Jahr zu Jahr wächst.

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Während man zum Main hin mit dem etwas schwindüchtigen DGB immer leicht fertig wurde, dringen die Banktowers und ihre Besatzungen immer weiter vor, die Bautrupps setzen bereits zum Sprung über die Weserstrasse an. Die Finanzpfutzis sind des Abends oft froh über das vermeintlich ganz andere zu ihren Füßen. So wird dann “alles zu Geld”, eine alte Leier gerade im Bahnhofsviertel.

Im letzten Stück Richtung Bahnhof ist noch nicht alles weg, besonders nördlich der Kaiserstrasse, zur Mainzer Landstrasse hin. Südlich siedeln viele In-Kneipen, Ateliers, einiges an Zollfrei und Halbkultur, etwas edler gibt es sich auf der Rennstrecke zum Bahnhof, der Kaiserstrasse (sogar mit wöchentlichem “Erzeugermarkt”).

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Die Durchmischung von vergilbten Kneipen, rot angestrahlten Häusern, Wettbüros und Ramschläden, Spielclubs und Drückerräumen spielt sich um die Kreuzung Moselstrasse / Tausnusstrasse ab, etwa dort, wo vor Jahrhunderten der Galgen stand.

In der Elbestrasse, kurz vor der Ecke Taunus gibt es eine der alten Strip-Kneipen, gegenüber von der Drogenhilfe und seit einiger Zeit kulturell etwas aufgemöbelt. Darf man hin, dachte sich der kleine Lokalverlag B3, und lud letzte Woche interssiertes Publikum sowie seine Autoren und Anhang zu einer Präsentation ein.

Es ging um ein neues Buch, einen voluminöses Text-Bild Band über das Bahnhofsviertel: “Im Bahnhofsviertel Expeditionen in einen legendären Stadtteil“. Wenn vorstellen, dann dort, in der Pik-Dame. Mit Bar-Jazz unterlegt drängte ein buntes Literatur-Publikum um die kleinen runden Tischen zwischen Theke und Rotlicht. Dias und die Textschnipsel kamen gut an, das Buch macht einen schönen Eindruck.

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Die Gegend um die Kaiserstrasse selbst wird darin mit Bahnhof und Drogen flankiert, den Hauptteil bildet “Das Viertel”. Fast 40 Autoren marschieren dafür auf, prominente, lokal bekannte und solche die noch niemand kennt. Neue und ältere Texte wechseln sich ab. Vor Ort in der Pik Dame zeigen sich passende Protagonisten wie Peter Zingler und Eva Demski, dass Martin Mosebach nicht kam und Matthias beltz von natur aus fern blieb verwunderte niemanden.

Der Band bietet eine gelungene Mischung zwischen Berichten und Impressionen, Links in die Welten hinaus und abendlichen Begegnungen vor Ort, eher diagnostisches mischt sich mit eher poetischem. Die reiche Bebilderung liefert zusammen einen Eindruck über die Wechselfälle dieses Stadtteils nach dem Weltkrieg, und gelegentliche Übertreibung seiner Bedeutung passt zum Stil der Provinzmetropole am Main. Schon lange.

Im Bahnhofsviertel
Expeditionen in einen legendären Stadtteil
Herausgeber: Jürgen Lentes und Jürgen Roth, Autoren u.a. Matthias Altenburg, Matthias Beltz, Eva Demski, Bodo Kirchhoff, Jürgen Lentes, Jürgen Roth, Peter Zingler
ca. 240 Seiten, ca. 180 Abbildungen
ISBN: 978-3-938783-71-9
EUR 28,00


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