Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Welt des schönen Scheins – unsortiert unbeständig

Varkala + 041

Der 1. Mai hat dieses Jahr mehrfache Bedeutung. Und im Grundsatz könnte er internationaler werden als vielen hierzulande lieb sein dürfte. Es gilt die „Arbeitnehmer-Freizügigkeit“ innerhalb der EU. Ich warte immer noch darauf, dass die Bild-Zeitung ihren Dauerkampf für die Freiheiten der Autofahrer beendet und mit Bildern aus der Völkerwanderung unsere nähere Zukunft beschwört. Halb Osteuropa sitzt auf gepackten Koffern, um endlich das europäische El Dorado zu plündern. Also: Deutsche versteckt die Wertsachen, besonders Arbeitsplätze, sonst klauen sie die Polen (warum immer nur auf die Polen?).

Und mit einem Male ist Zuwanderung erwünscht (Fachkräftemangel). Nun ja, früher mussten die Firmen komplett umziehen, um in den Genuss noch billigerer Arbeitskräfte zu kommen, ab jetzt werden die Bedingungen importiert, unter denen die Menschen vor allem in Osteuropa leben müssen. Das erspart eine Menge Umzugskosten, vielleicht sollte man daran denken, in Zukunft einfach die Bevölkerungen umzusiedeln.

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In letzter Zeit bildet sich eine Zangenbewegung aus: im Osten kommen die Billiglöhner und von Süden – ausgestattet mit italienischen Visa – die von ihren diktatorischen Fesseln befreiten Afrikaner. Die Leiharbeitsbranche schlägt bereits Alarm, sie können einfach nicht mehr mithalten, da trifft es sich, dass die Bremerhavener Genossen und Wolfgang Clement mitreden können. Letzterer ist Chairman der Adecco-Gruppe, die rund 700 000 postmoderne Sklaven auf den Markt schmeißt.

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Es gibt zwei Sendungen, die ich nie auslasse: den Wetterbericht und den Börsenbericht. Ohne sie wüsste ich nicht, wie es mir gehen soll. Erst die kleine Sonne auf grünem deutschen Hintergrund, dann feixende Händler und andere Lichter und schon weiss ich: heute spazieren gehen mit gefülltem Portmonee, was gibt es schöneres.

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25 Jahre Tschernobyl, das ist mal ein Datum. Parallel mit Fukushima werden jetzt Rektoren gesichert. Welch ein Unterschied jedoch, denn die Japaner versprechen, das Gleiche wie dort zu erreichen in etwa 6 – 9 Monaten – wenn denn nichts dazwischen kommt, wie der Regierungssprecher verkündete. Für die Vertriebenen in Japan nur ein zweifelhafter Trost. Und die Summen, die auf der „Geberkonferenz“ zugesichert wurden – und immer noch nicht ausreichen, sollten wir doch besser gleich in Alternativen stecken. Dabei könnten wir auch die Verfassung reaktivieren (gerade hier in Hessen) und die Energiebetriebe kommunalisieren, inkl. Ihrer Konten. Nette Aussicht.

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1. Mai zum Zweiten. Der Frankfurter Beitrag zum internationalen Tag der Arbeit, das Rennen „Rund um den Henninger Turm“ hat seine postmoderne Metamorphose erfahren, sinnigerweise heisst es jetzt „Rund um den Finanzplatz Eschborn“. Es war nicht in Erfahrung zu bringen, ob die Prämien nunmehr in Aktien der DAX-notierten Firmen ausgezahlt werden.

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Untere Berger Strasse. Ostersonntag. Früher Nachmittag. Man gewinnt den Eindruck, sich in einer mediterranen Kleinstadt zu befinden. Alles recht unaufgeregt und guter Laune. Der Speckgürtel ist nicht vertreten, er macht anderen Weltregionen seine Aufwatung. Einer jener kleinen Momente, in denen die Stadt liebenswert scheint. Und für den Augenblick ist sie es tatsächlich. Man kann sogar die Vögel hören.

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Arte hat in seinem Nachrichtenblock die Rubrik „Generation Revolution“, in der Blogger zu Wort und Gesicht kommen. In Ägypten schwant diesen jungen engagierten Menschen, dass ihnen wiederum alles aus der Hand genommen wird (und wieder mit Unterstützung des Westens).  Noch resignieren sie nicht. Osho sagte einmal: „wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, liebe ihn – zu Tode.“ Die Ägypter merken gerade, dass eine solche Umarmung schnell dazu führt, dass ihnen die Luft ausgeht.

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Hartz IV. man wird dünnhäutig, da man sich ständig entscheiden muss, ob man mehr als die zugestandene Summe für ein gutes Essen ausgibt oder auch daran noch spart, um sich einmal etwas zu gönnen, was ausserhalb des Minimums angesiedelt ist. Schnell kommt der Gedanke an die eigen Unzulänglichkeit. Gepaart mit der Aussicht, dass sich an der Situation in nächster Zeit wenig ändern wird, mischt man sich einen gefährlichen Cocktail. Diese Trunkenheit setzt Aggressionen frei, denen jedoch auf dem Fusse jene melancholischen Phasen folgen, in denen man sich einen Kater einfängt und ein Stück weit aufgibt. Die Selbstberuhigung, es sei ja nur vorübergehend, deckt die beginnende Ausweglosigkeit zu, die hinter dieser Aufgabe auf Raten lauert und die von den Aggressionen gegen sich selbst und seine nähere Umgebung potenziert wird.

Die Alltäglichkeit der Reduktion der eigenen Person auf ein Rest-Leben paralysiert. Auch wenn Affekte wie Neid und ähnliches noch keinen Raum einnehmen, gibt es derart an den Rand gestellt, keinen unbeschwerten Überschwang mehr, jenes Stück voller Gegenwärtigkeit, da man die finanziellen Folgen nicht vergessen und schwerlich ertragen kann. Die darin angelegte Falle schnappt unerbittlich zu.

Eine kleine Verschiebung des inneren Gleichgewichts und aus Wünschen, die herangetragen werden, wird Kritik, aus Vorschlägen, etwas anders zu machen, eine Exegese der eigenen Unzulänglichkeit. So dominiert der Rückzug über die Neugier, die Stille über das Gespräch. Der Dialog gräbt sich nach innen, mäandert , bricht ab und droht ganz zu verstummen. Man will nichts mehr von der Welt und kommt beinahe um vor Sehnsucht nach ihr. Statt hinaus zu gehen, lässt man auch noch ihren Abfall hinein.

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Die GRÜNEN punkten mit Themen, die nichts mit Lohnarbeit und Finanzkrise zu tun haben. Es mag weitgehend den Interessen ihres Klientels entsprechen, doch enthält es ein Versprechen eines sanften und auch sinnigen Übergangs – zu was auch immer. Parallel dazu kämpft die LINKE mit sich selbst. Nicht nur dass ihr die Milieus abhanden gekommen sind, die schwebt immer in der Gefahr zu einer „konsequenteren“ SPD zu werden. Das macht es nicht einfacher.

Zudem: wenn der Alltag kaum beeinflussbar erscheint, macht es schon etwas her, wenn er wenigstens in einer Beziehung weniger bedrohlich zu werden verspricht. Recht gehabt Bert Bresgen: „kein radioaktives Wasser ist mir lieber.“


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