Frankfurter Gemeine Zeitung

Perverse Dankbarkeit

Gelegentlich geben uns alte Gedanken ein paar pfiffige Mittel an die Hand, zunächst verblüffend erscheinende Geschehnisse in ein rechtes Licht zu rücken. Die Osterfeiertage bieten dafür etwas Zeit. Vor Jahrzehnten kam ein damals bekannter Frankfurter Sozialphilosoph auf die Idee, die Zustimmung Betroffener zu Ereignissen, die ihnen eher schaden als helfen mit dem Konzept eines “überwertigen Realismus” zu erklären.

ganz realistisch
Theodor W. Adorno benannte damit das Konzept einer hochgradig übersteigerten Realitätsorientierung unserer Einschätzungen gegenwärtiger Gesellschaft. Unter ihrer Fuchtel folgen eine Reihe Bürger nicht bloß willig verbreiteten Normen, passen sich dem allgemein Geforderten nicht nur träge an, sondern möchten dies sogar noch übererfüllen. Eine (“überwertige”) Übertreibung sachlicher Notwendigkeiten landet damit in einer bedingungslosen Affirmation des Bestehenden, die sich möglichst jeder Reflexion entzieht.
Meist nehmen diese Einstellung sogar Leute ein, die in gesellschaftlichen Verwerfungen eher schlecht abschneiden. Sie ziehen ihren Sinn für den Alltag aber genau aus der vermeintlichen Unveränderlichkeit der Situation, der Idealisierung des Status quo: sie sind in diesem Licht genauso wie alle anderen nicht für die allgemeine Lage verantwortlich und deshalb auch nicht für ihre eigene. “Es gibt keine Alternativen, das zeigt am besten die eigene Lage.” So hat alles einen Sinn, immerhin.
Derartiger “überwertiger Realismus”, letztlich eine Art Realitätsverweigerung und Beförderung eigener Verantwortungslosigkeit zeigt sich immer häufiger im parteipolitischen Vorgehen in Deutschland. So geschehen in der Entscheidung über Affekt-Politik der SPD zu Sarrazin vor ein paar Tagen: eine vermeintlich verbreitete Zustimmung der eigenen Parteimitglieder zu dessen Thesen oder dem ganzen Duktus seines Geschwafels veranlasste die SDP-Führung, sich darin einzuklinken – man kann ja eh nix machen, sicher ist sicher. Sie versucht derart, den eigenen Zustand zu rechtfertigen und zu retten, indem sie die vermeintliche Unabänderlichkeit der Mitgliederstimmung bestätigt. Das Lage stellt sich eben so dar.
Die Ähnlichkeit zum breiten, “besonnenen” Bürgerverhalten während der Finanzkrise (lange vorbei) ist dabei frapierend: da schon der Gedanke an Alternativen das eigene Befinden verwirren kann, sorgte man besser selbst für anhaltende Ruhe auf den Strassen, nahm ein paar Leitartikel wahr und beschwor den Aufschwung. Besagter Alt-Frankfurter Adorno spitzte seine Zustimmungshypothese der Übererfüllung für diese Fälle zu, und sprach von einer “perversen Dankbarkeit“, die angeschissene Realitätsverweigerer gegenüber dem ganzen Verursachungsgeschehen darin offenbaren.

Als ob das allein noch nicht genug wäre, kommt ein weiterer perverser, folgenreicher Effekt bei beiden Ereignissen hinzu: die Zustimmung der SPD zu Elaboraten der Art des Ex-Senators macht diese noch mehr publikumstauglich, bei ihr in der Partei wie in der deutschen Öffentlichkeit. Nicht nur, dass sie also deren allgemeine Akzeptanz befördert, was die Beliebigkeit und den Opportunismus des sozialdemokratischen Wahl-Clubs noch verstärkt, sondern sie schreckt ehemalige Sympathisanten oder eine Reihe eigener, etwas sensibler Mitglieder ab. Sie verlassen die Partei oder wählen sie nicht mehr. Was die Club-Chefs verhindern wollen, bewirken sie also erst recht: mehr Sarrazin und weniger Mitglieder und Wähler.

Gleiches gilt für die perverse Dankbarkeit bei der Finanzkrise: die fehlende Aufmüpfigkeit beim bail out der Saturierten bestärkt die dafür verantwortlichen Kräfte in Wirtschaft und Politik, in ihren Verfahren fortzufahren, möglichst noch rücksichtsloser als vorher. Es kümmert ja eh niemanden. Genau das wird noch von der Tendenz vieler flankiert, sich eben deshalb noch weniger dagegen auszusprechen und Alternativen zu entwerfen. Bleibt zu hoffen, dass aus vielen nicht alle werden.


Ein Kommentar zu “Perverse Dankbarkeit”

  1. Esthernab

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