Frankfurter Gemeine Zeitung

Es gibt kein falsches Leben im Falschen

Gestern am Rande der “Langen Nacht der Museen” in Sachsenhausen. Gruppen ziehen an der Weinstube vorbei, meistens sind es acht Leute. Aufgebretzelt oder in Jogginghosen, offenkundig bereit, sich der Kunst zu stellen wie einem Duell an diesem warmen Frühsommerabend. Wir haben wenig Gäste. Vorerst. Sie werden schon kommen, was bleibt ihnen übrig?
Ein gutbürgerliches, frühbetrunkenes Paar sitzt draußen. Sie begrüßen mit überraschender Freundlichkeit einen zusammengeschrumpelten, abgerissenen, älteren Mann ohne Zähne. Er setzt sich wohlgemut an ihren Tisch und gibt ihnen zwei Weinschorle aus. Er selbst trinkt teuren fein-herben Riesling in kleinen Gläsern und spricht mit österreichischem Zungenschlag. Später höre ich, er wäre ein bekannter Handwerker in Sachsenhausen. Junge Frauen im kleinen Schwarzen fliegen vorüber Richtung Museumsufer. Ein Biergefährt, angetrieben von schwitzenden Radelnden, die einander gegenüber sitzen, rauscht johlend vorbei. Danach eine Gruppe Junggesellinen, die Abschied feiern von ihrem Zustand. Sie halten nicht an. Der sitzende Zahnlose sagt: “Wenigstens falle ich immer wieder auf die Schnautze!” und lacht sehr hoch, meckernd. Irgendwann geht er, dann gehen auch der Mann, die Frau.
Der Mann schwankt leicht. Ich sage:”Sie gehen schon?” Er sagt: “Ja, meine Frau… ihr sitzt hier nur und trinkt, sie hat nicht bekommen, was sie wollte.” Ich frage: “Was wollte sie denn”? Er sagt: “Egal” und lächelt. Dann ist auch er verschwunden.
Die lange Nacht der Museen hat grade erst begonnen.


Medienkompass – Obsama und die Helden

Warum wir immer noch am Frankfurter Flughafen, dem Hauptbahnhof, der City, am iPhone und dem Laptop vor den 100 bedrohlichen jungen Männern geschützt werden müssen, die unsere Existenz gefährden.

Obama besucht die Helden von Abbottabad” lautet die Schlagzeile in der Neuen Zürcher Zeitung: “Der amerikanische Präsident Barack Obama hat sich persönlich bei der Spezialeinheit Navy Seals bedankt, die Usama bin Ladin in Pakistan getötet hat. Er besuchte einen Stützpunkt in Kentucky und verlieh der Truppe das höchste militärische Ehrenabzeichen für eine Einheit der Streitkräfte.

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Nun wissen wir, dass die USA – mit Unterstützung der NATO – einen Anti-Terrorkrieg gegen den Rest der Welt führt, seit 10 Jahren, etwa doppelt so lange wie der zweite Weltkrieg. Mit ein paar Besonderheiten: den eigenen Truppen stehen alle rechte zu, sie unterliegen keiner internationalen Strafgerichtsbarkeit und Genfer Konvention. Ganz ähnlich der Gegner, aber mit völlig anderem Resultat: er unterkliegt keinen Kriegsrechten, Keinem Alters- oder Kinderschutz, keinen Bedingungen von Kriegsgefangenenstatus oder westlichen Gerichtsbarkeiten.

Die “westlichen Werte” werden ausserhalb der vorgeblichen westlichen Werte verteidigt, jede Kapo ist dafür gut und jedes Mittel recht. Es bleibt zu hoffen, dass die Einsätze solcher Heldengangs wie die des amerikanischen Killertrupps nicht auch auf unseren Flughäfen und Bahnhöfen oder Wohnzimmern stattfinden: denn wir wissen ja, Kollateralschäden gibt es immer nur beim Einsatz der eigenen Kampftruppe. Wegen den 100 potentiell gefährlichen Tätern in unserem Lande sollte man sich davor fürchten, hauptsächlich davor.

Wenig Gutes lässt sich dafür mit Blick auf die Stimmung der Meinungsherrschaft erwarten: das große Hamburger Heldenorchester der Printmedien fordert im Namen ihres Dirigenten bei der WELT: “Maulhalten über unsere Helden”. Dieses unsägliche “so ist die Welt eben” müssen wir uns von den ganzen Tastaturhelden mit ausgesuchter Nähe zur Macht anhören. Die mutigen Schweizer Kämpfer von der NZZ gehören auch dazu – und gewiß nicht zu den Verteidigern von Demokratie.

Inwieweit man das irgendwie noch von “Friedensnobelpreisträger” Obama sagen kann, darauf wirft dieser Artikel ein schönes Schlaglicht.

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Die Verfassung des deutschen Print-Qualitätsjournalismus offenbarte sich auch am Stimmungsbild rund um die Terroristenjagd. Etwa zeitgleich zur Meldung, dass US-Aussenministerin Clinton bekannte: “die intensivsten 38 Minuten meines Lebens“, die sie offensichtlich an einem Fersehapparat erlebte. Vielleicht auch nur angeblich, denn zur gleichen Zeit wurde bekannt: es gab die meiste Zeit gar keine Liveübertragung, der Bildschirm vom Geschehen war schwarz. All das hält deutsche Medien aber nicht davon ab, zeitgleich über “Verschwörungstheorien” der unzivilisierten Eingeborenen zu lamentieren: diese behaupteten doch tatsächlich, nicht zu wissen, was dort geschehen sei. Die deutsche Redakteurin wusste es natürlich genau.

Man muß nicht nach Belusconi-Land schauen: auch bei uns vor Ort gerieren sich Leitmedien oft als Verlautbarungsagenturen der ihnen nahe stehenden Regierungen, Administrationen und Firmen.


Die Stadt erfahren und bloggen

In den letzten Jahren hat sich die Stadtentwicklung, die gegenwärtigen Transformationen der Städte und die Konfrontationen darum immer weiter verbreitet, auch im Web.
Ein Teil der Konzeption der FGZ dreht sich auch um diese Sachverhalte, um Finanzialisierung und Gated Communities, um Businessdistrikte und Entmachtung der Kommunalpolitik, Gentrifizierung und veränderte Arbeitswelten, Immobilienspekulation und Shopping malls. Natürlich steht das hier im Web und in Frankfurt nicht allein und will es auch nicht.

Blogging City 2011
Eine Konferenz nächste Woche sieht die Möglichkeiten der “Netzwerkgesellschaft” im Schnittpunkt von Web und Stadt sehr optimistisch: “Das Internet verändert die Auseinandersetzung mit städtischen Themen, die Informationsverteilung, wie Akteure miteinander kommunizieren und an der Gestaltung unserer (gebauten) Umwelt teilhaben. Statt passiv zu konsumieren, kann sich nun jeder aktiv beteiligen, publizieren und vernetzen. Dies eröffnet neue Chancen für zivilgesellschaftliches Engagement und Partizipation, wie etwa bei Petitionen im Rahmen von Planungs- und Achitekturprojekten. Somit entstehen neue (Platt-)Formen der des gemeinschaftlichen Engagements. Dabei ist daran nicht die immer verbesserte Technik das wirklich besondere – viel entscheidender ist der gesellschaftliche Wandel, der mit der gesamtgesellschaftlichen Durchdringung dieser Technologien einhergeht und dessen große soziale und kommunikative Konsequenzen noch nicht ausreichend diskutiert und verstanden werden“.

Die Konferenz “Blogging the City -Neue Öffentlichkeiten für Stadt und Architektur” findet am am Donnerstag, den 12. Mai 2011 in den Uferhallen in Berlin statt. Die Initiativen dahinter stammen aus der Stadtplanung und der Architektur, entsprechend auch der thematische Fokus: Was leisten urbane Blogs und Architekturblogs? Welche technischen Möglichkeiten bieten Web 2.0 und Social Media im Bereich Stadtplanung, Architektur und lokaler Mitbestimmung?

Die Blogs urbanophil.net und urbanshit.de sind zwei Pole der innovativen Stadtuntersuchung und des Austauchs zwischen Architketur und Stadtkultur, auf die ich hinweisen möchte. Sie liefern eine Reihe von Ideen und Ressourcen für Projekte in verschiedenen Städten und weisen auf spannende globale Links und Vernetzungsmöglichkeiten aus dem Lokalen heraus hin.

Ein bemerkenswertes Beispiel bietet der Beitrag über die chinesischen “Geisterstädte”: riesige Areale mit den größten Malls der Welt, nachgebautem Venedig und niemandem, der sich die Preise der Wohnungen leisten kann. Die leerstände sind exorbitant, bis zu 95%. Die Malls beherbergen Ladenfronten mit toten Schaufenstern. Es sind Geisterstädte, die nur für das Bruttosozialprodukt existieren und von denen in China 68 Millionen Appartments leerstehen. Der US Housing Bubble 2008 war dagegen das Theater einer Provinzgruppe. Man sehe es sich an und denke an eine Vision unserer zukünftigen Gated Society:


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