Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Obsama und die Helden

Warum wir immer noch am Frankfurter Flughafen, dem Hauptbahnhof, der City, am iPhone und dem Laptop vor den 100 bedrohlichen jungen Männern geschützt werden müssen, die unsere Existenz gefährden.

Obama besucht die Helden von Abbottabad” lautet die Schlagzeile in der Neuen Zürcher Zeitung: “Der amerikanische Präsident Barack Obama hat sich persönlich bei der Spezialeinheit Navy Seals bedankt, die Usama bin Ladin in Pakistan getötet hat. Er besuchte einen Stützpunkt in Kentucky und verlieh der Truppe das höchste militärische Ehrenabzeichen für eine Einheit der Streitkräfte.

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Nun wissen wir, dass die USA – mit Unterstützung der NATO – einen Anti-Terrorkrieg gegen den Rest der Welt führt, seit 10 Jahren, etwa doppelt so lange wie der zweite Weltkrieg. Mit ein paar Besonderheiten: den eigenen Truppen stehen alle rechte zu, sie unterliegen keiner internationalen Strafgerichtsbarkeit und Genfer Konvention. Ganz ähnlich der Gegner, aber mit völlig anderem Resultat: er unterkliegt keinen Kriegsrechten, Keinem Alters- oder Kinderschutz, keinen Bedingungen von Kriegsgefangenenstatus oder westlichen Gerichtsbarkeiten.

Die “westlichen Werte” werden ausserhalb der vorgeblichen westlichen Werte verteidigt, jede Kapo ist dafür gut und jedes Mittel recht. Es bleibt zu hoffen, dass die Einsätze solcher Heldengangs wie die des amerikanischen Killertrupps nicht auch auf unseren Flughäfen und Bahnhöfen oder Wohnzimmern stattfinden: denn wir wissen ja, Kollateralschäden gibt es immer nur beim Einsatz der eigenen Kampftruppe. Wegen den 100 potentiell gefährlichen Tätern in unserem Lande sollte man sich davor fürchten, hauptsächlich davor.

Wenig Gutes lässt sich dafür mit Blick auf die Stimmung der Meinungsherrschaft erwarten: das große Hamburger Heldenorchester der Printmedien fordert im Namen ihres Dirigenten bei der WELT: “Maulhalten über unsere Helden”. Dieses unsägliche “so ist die Welt eben” müssen wir uns von den ganzen Tastaturhelden mit ausgesuchter Nähe zur Macht anhören. Die mutigen Schweizer Kämpfer von der NZZ gehören auch dazu – und gewiß nicht zu den Verteidigern von Demokratie.

Inwieweit man das irgendwie noch von “Friedensnobelpreisträger” Obama sagen kann, darauf wirft dieser Artikel ein schönes Schlaglicht.

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Die Verfassung des deutschen Print-Qualitätsjournalismus offenbarte sich auch am Stimmungsbild rund um die Terroristenjagd. Etwa zeitgleich zur Meldung, dass US-Aussenministerin Clinton bekannte: “die intensivsten 38 Minuten meines Lebens“, die sie offensichtlich an einem Fersehapparat erlebte. Vielleicht auch nur angeblich, denn zur gleichen Zeit wurde bekannt: es gab die meiste Zeit gar keine Liveübertragung, der Bildschirm vom Geschehen war schwarz. All das hält deutsche Medien aber nicht davon ab, zeitgleich über “Verschwörungstheorien” der unzivilisierten Eingeborenen zu lamentieren: diese behaupteten doch tatsächlich, nicht zu wissen, was dort geschehen sei. Die deutsche Redakteurin wusste es natürlich genau.

Man muß nicht nach Belusconi-Land schauen: auch bei uns vor Ort gerieren sich Leitmedien oft als Verlautbarungsagenturen der ihnen nahe stehenden Regierungen, Administrationen und Firmen.


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