Frankfurter Gemeine Zeitung

Don´t panic, but please panic !

Unsere vielen Ängste, und dazu noch die “German Angst”: was bedeutet das eigentlich alles?

Wir leben seit ein paar Jahrzehnten in einer Gesellschaft, deren Nachrichtendruck und Infotainment uns privat wie im Beruf pausenlos anheizt. Das kostet Nerven, oft eine ganze Menge. Wir bekommen Schwierigkeiten mit unserer Aufmerksamkeit, permanente Unruhe begleitet den Alltag. Wenn der Information-Overflow noch zusammengeht mit anderen Erfahrungen von Druck und dauernder Mißstimmung, kann es zu Angstzuständen bei davon Betroffenen kommen, und je nach Lage und persönlichem Hintergrund zu Phobien, Panikattacken und Herzneurosen führen. Sie scheinen in den westlichen Gesellschaften immer mehr epidemisch zu werden, entwickeln sich als permanente Bedrohung für das Arbeitsleben (“chronisch arbeitsunfähig”) und das emotionale Klima in der Lebenswelt. Man kann sich für gutes Leben anderes wünschen als diese Plage durch Phobien.

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Die Quälgeister erscheinen aber nicht nur einzelnen, vielleicht besonders Sensiblen, sondern sie verbreiten inzwischen neue Alltagsgefühle der Angst und der Kurzlebigkeit , die sich in allzeit verlangter “Flexibilität”, einer pausenlosen Hingabe vieler unserer Kapazitäten an die institutionelle Ungebung gründen. Das sind die Anmaßungen von Auftraggebern und Consultants, von Controllern oder Management an jeden einzelnen, die den Atem nehmen  und ein permamentes Gefühl von Rastlosigkeit und Unerledigtheit, von Dauerdruck und Unsicherheit verbreiten.

Wie soll dieses Klima zu Unaufgeregtheit führen? Muß man nicht hinter jeder Ecke einen Verfolger vermuten, der alle Lebensäusserungen bewertet, besser noch umbiegen möchte? Diese Anspannungen scheinen im Monatstakt zuzunehmen, gewiß nicht die beste Voraussetzung für angstfreies Leben. Aber diese Ängste sind gewünscht, ja kultiviert, wie sonst käme man sonst zu willigen Service-Kräften, die ohne viel Murren all die Ansprüche hinnehmen?

Den vielen kleinen Erlebnissen vor Ort in den Alltagskämpfen gesellen sich die großen Erzählungen hinzu, die uns salbungsvoll in Heute und Tagesschau ansprechen: sie palavern von der deutschen Bevölkerung und meinen die große Angst vorm Niedergang, in der alle Deutschen als Wettbewerbs-Nation um die globalen Märkte kämpfen. Dem folgt direkt der allgegenwärtige “Krieg gegen den Terror”, gegen eine Mascherie   weltweit agierender Geheimorganisationen, die uns pausenlos bedrohen und den Wohlstand in Explosionen verpulvern wollen. Genauso klandestin kommt eine weitere Plage daher, die ganz Europa heimsucht, und uns dazu veranlasst, diese kleine gefährdete Weltecke zur Festung auszubauen: sie erscheint in Gestalt von endlosen Flüchtlingstrecks, die sich anschicken, aus Afrika überzusetzen.

Diese großen Erzählungen arbeiten heute als moderne Mechanismen für eine althergebrachte “Fremden-Angst”. Sie mobilisieren, erweitern und differenzieren kollektive Gefühle, die seit Jahrtausenden Gemeinschaften weltweit durchziehen  und siedeln sich um die zuerst genannten  Alltagsphobien herum an. Eine möglicherweise brisante Mischung.

Aber dann werden durch die Medien bei uns und in anderen Ländern noch besondere Ängste der Deutschen als “German Angst” kultiviert, je nach Stimmungskompass  seit Jahrzehnten verschieden variiert : in den 80ern die Angst vor den Atomwaffen, in den 90ern die vor dem Irakkrieg, in den 00ern war es dann die Gentechnik und jetzt droht mal wieder die Atomkraft. Wirklich einzigartig scheinen sie in ihrer großen Muffe, und ich habe noch nicht mal alle aufgezählt.

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Eigenartig kontrastieren solche Diagnosen zu “nationalen Verhaltensweisen” dort, wo das angebliche deutsche Schissertum am lautesten besungen wird,  etwa in den konservativen Etappen der USA. Beispiele zeigen das leicht: wieso man sich hier damals über Tausende von Atomwaffen in Sichtweite die Bevölkerung beunruhigte, wenn auf der anderen, vermeintlich mutigen Seite des Atlantiks schon eine einzelne Rakete auf einer weit entfernten Insel (Kuba) nationalen Notstand verkünden lässt. Kaum jemand fragte sich das unter den Diagnostikern der “German Angst”? Jahrzehnte später fürchteten sich im gleichen Land große Bevölkerungsteile vor 10.000 km entfernten Geschossen aus dem irakischen Euphrat-Gebiet, vor Apparaten die es bekanntermaßen gar nicht gab: “US Angst”? Und wie soll man die Ängste in einem riesigen Land bewerten, das nach der ersten, kurzen Bombardierung ihrer ganzen Geschichte vor einem Jahrzehnt gleich dem Rest der Welt den Krieg erklärt, einige davon realisierte und erhebliche Teile ihrer eigenen Demokratie ausser Kraft setzte?

Gut, ganz so ernst zu nehmen ist das nicht, mit der besonderen Deutschen Angst. Es scheint bei ihrer Diagnose eher darum zu gehen, bestimmte Ängste von vorne herein auszuselektieren, und sie “verständlichen Ängsten” gegenüber zu stellen.  Aber die externen Quellen kollektiver Ängste neben den überall verbreiteten Drohszenarien geben sich bei uns doch recht eigenartig. Sie sind meist als naturgewaltige Bedrohungen organisiert, die weniger hier als von aussen oder aus der Tiefe andrängen, z. B. als “Strahlen”, “Armageddon” oder “Verseuchung”. Derart technologisch organisiert zeigen sich mit ihnen ganz besondere Verunsicherungsmomente.

Sie rühren vermutlich aus der gesellschaftlichen Sicherheit, die uns der “rheinische Sozialstaat” lange versprach, aus der Jahrzehnte gepriesenen sozialen Marktwirtschaft, die anders als im angelsächsischen Raum eine längerfristige soziale und ökonomische Absicherung für große Gruppen in Deutschland garantierte. Nicht für geschenkt: diese Art Versicherungsgesellschaft verlangte nach Ruhe als Bürgerpflicht, einem Konsens der Konfliktlosigkeit, die Deutschland als sozial befriedetes Land installierte. Deswegen bedarf es der Gewerkschaft immer weniger, es bleibt die Hinnahme des Geschehens, das  unser institutionelles Gefüge in Deregulierung, umfassende Herrschaft der Märkte und Bereitschaft für immer weiter greifende Überwachungsmaßnahmen umbricht. So blieb der große Verlauf bis jetzt, und die geforderten Flexibilitäten mit ihrer Unsicherheiten im Alltag sedimentierten sich darin.

Da man all dem meist bereitwillig zustimmte, richtet sich die Aufmerksamkeit in Deutschland besonders auf die naturgewaltigen Bedrohungen und weniger auf die damit verbundenen Institutionen bei uns: eher ein Kernchrash als der Finanzcrash macht die meisten nervös, quasi an die Alltagsängste angelagert. Da ein so geartetes Bedrohungsszenario kaum mächtige Instituitionen und Firmen erfreut, werden diesen Ängsten – anders als den vielen anderen – besondere und massenweise auftretende Wahrnehmungsstörungen unterstellt. Statt einzusehen, dass wir im Krieg um die Welt vor den bösen Angreifern auf unsere Werte kapitulieren, schwächen wir uns mit dem Beharren auf Maschinen-Ängste bloß selbst. Das lässt in der Zukunft nicht Gutes für den nationalen Exportmeister erwarten. Meint man.

So etwa erzählen jene, die einen bestimmtes, nützliches Ensemble von Ängsten kultivieren möchten, das kostengünstigen Wettbewerb mit Flexibilität verbindet, und denen die drum herum auftauchenden Ängste so gar nicht passen. Diese blockieren einfach Wettbewerbsfähigkeit und könnten damit dauerhafte Gewinne zeitweilig schmälern. Und sie transportieren manchmal gar Unbootmäßigkeiten bei vielen aus der sonst so braven Bevölkerung.  Wer will schon all so was?

Es lässt sich auf diesem Hintergrund eine Unübersichtlichkeit kollektiver Ängste konstatieren: es gibt gewünschte, therapierbare und kollektiv verwirrte, um nur einige Syndrome zu nennen. Und es gibt Interessen an diesen Ängsten, man könnte von “Gärtnern der Ängste” sprechen, die bestimmte, nützliche Formen von Ängsten, Riesenängste züchten möchten. Es sind heute Großplantagen, oft weltweite Angstbetriebe, die zwischen Deregulierung und Terror, Marktübermacht und Armenwanderung arbeiten. Ihre Gebilde sollen möglichst hoch gezüchtet werden, andere, kleinere Befürchtungen überwuchernd. Bei den Gärtnern der Angst-Gewächse lässt sich fragen: wer beherrscht die Gärten, und mit welchem Vorteil? Wer heizt die Angst vor dem Kopftuch an, und kühlt dabei die vor dem GAU herunter?

Ein kleines Fazit lässt sich aus den Beobachtungen ziehen: der Bodenbeschaffung dieser Gärten sollten wir uns aufmerksam widmen, besonders dem, was aus verbreiteten  Überdüngungen resultiert. Die darin schnell hochgezogene Panik und die dauernd verschlechterten Lebenswelten sollten uns besser abschrecken: behutsames Gärtnern, sensiblere Böden bringen die Ängste auf ein Niveau, auf dem wir mit ihnen zusammen umgehen können und sie uns manchmal sogar gute Hinweise auf echte Störungen geben. Das lässt uns sogar besser in einer Stadt wie Frankfurt leben.


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