Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Knabentheater Aschaffenburg schläft nicht

“Mir war, als rief es: Schlaft nicht mehr, Macbeth mordet den Schlaf! – Ihn, den unschuldgen Schlaf; Schlaf, der des Grams verworrn Gespinst entwirrt, den Tod von jedem Lebenstag, das Bad der wunden Müh, den Balsam kranker Seelen, den zweiten Gang im Gastmahl der Natur, das nährendste Gericht beim Fest des Lebens. “ “(Macbeth)
Giacomo Puccini blieb es vorbehalten, eine seiner seltsamsten sirenenartigen Kantilenen mit der Botschaft zu versehen: “Keiner Schlafe” “Nessun dorma”. Der Maestro, einzig legitimer Erbe des großen Verdis, angekränkelt von der Dekadenz der Jahrhundertwende und der Jahrzehnte danach und im Wortsinn todmüde schrieb sie in seiner letzten unvollendeten Oper: Turandot von 1924. Ansonsten kommt diese Oper fast ohne die vom Publikum so geliebten Arien aus. Aber diese ist eine, mit sich hochstemmender Tenor-Stimme, gesungen von einem Prinzen, einem Bewerber, zugunsten einer sich verweigernden Prinzessin, die ihre potentiellen Liebhaber alle sterben lässt. Die Szenerie spielt in dem damals bereits sehr populären China. Der Prinz ist schlaflos, träumt sich die frigide Prinzessin in einen Zustand, der dem seinen gleicht und erhebt ihn zu einem Gebot für alle. Was hätte Puccini ahnen können von der Bedeutung Chinas 2011? Zu seiner Zeit gaben sich die Chinesen noch gerne dem Opiumrausch hin, spazierten in Gärten oder verhungerten  klaglos. Das heutige China hat die Forderung des Liedes, die die sanfte Melodie gleichzeitig wiederuft, für alle unwiederuflich festgeschrieben. Der “schlafende Riese” ist erwacht! Aber blicken wir zu uns zurück: In der ersten deutschen Republik, der Weimarer, hat der repräsentative Tenor der Zeit Richard Tauber noch im Jahr der Uraufführung 1926 eine wunderbare deutsche Version des Liedes aufgenommen, kurz bevor  ”Deutschland, erwache!” durch die Hallen hallte.

Keiner schlafe! Keiner schlafe!
Auch du, Prinzessin schläfst nicht,
in deinen kalten Räumen
blickst auf die Sterne, die flimmern
von Liebe und Hoffnung träumen!
Doch mein Geheimnis wahrt mein Mund,
den Namen geb ich keinem kund!
Nein, nein, auf deinen Lippen sag ich ihn,
sobald die Sonne scheinen wird!
Mein Kuss allein soll dieses Schweigen lösen,
durch das du mein wirst!
Die Nacht entweiche,
Jeder Sterne erbleiche, damit der Tag ersteh
und mit ihm mein Sieg!

Mittlerweile hat das investigative deutsche Feuilleton das Geheimnis herausgefunden, das sein Mund, der die Frauen gerne geküßt hat, wahrte: Tenor Tauber hatte Potenzprobleme und bedurfte einer sich verweigernden Prinzessin, um IHN so hoch zu kriegen wie das hohe C., wobei selbiges im Bewusstsein der meisten ja heute ohnehin nur noch als Orangensaft präsent ist. Und auch der unter Schlaflosigkeit leidende Hitler (“Beim Führer brennt noch Licht!”), der den jüdischen Sänger ins Exil zwang, ist inzwischen mit ihm ins  Nirwana übergegangen. Stattdessen reüssierte vor wenigen Jahren ein Vertreter des common man, Paul Potts mit der Puccini-Arie bei britains got talent, einer Art von “Deutschland sucht den Superstar”, nur, dass sie in England stattfand. Der Singende war passender Weise Verkäufer für Mobiltelephone und offenkundig so unattraktiv, dass sich jeder mit ihm identifizieren konnte. Also wurde er von der Deutschen Telekom vermarktet. Das Video seines Auftritts hat 27 Millionen Zugriffe auf youtube.

Die dahinter stehende Botschaft lautet: “Keiner Schlafe! Magst Du auch Scheiße aussehen und Dir nichts zutrauen, mach “Deinen Traum” wahr, dann wird die frigide Prinzessin, der beziehungsgestörte Prinz in Deine Arme sinken und ihr werdet jede Menge Spaß und Tränen in den Augen haben!” Das ist Puccini, made by German Telekom. Das ist die Verheißung des kulturell operierenden Kapitalismus. Und eine vollkommene Lüge.
Die Wahrheit für alle sieht eher so aus wie auf einer Eröffnung des neuen Rathauses in Giessen. Das Publikum, dem Nessun dorma von “Drei Stimmen” vorgesungen wird, scheint zu schlafen mit überkreuzten Armen, während der Bürgermeister wie auf Koks verkündet “Das ist nicht für mich. Das ist für Sie! Das ist für uns alle. Ich war heute Morgen schon in der Stadt. Ich war schon im Mathematicum. Ich habe schon eine Benefizveranstaltung eröffnet. Mir geht es heute ausgesprochen gut. ” Der Vorsänger auf dem Balkon des schönen neuen Rathauses fordert die Schlafenden unten auf dem Platz zum Mitsingen auf: “Das ist jetzt ihr Part”, aber sie bleiben reglos

Aber auch der Schlaf der Verrnunft des Volkes ist nicht die ganze Wahrheit. Dazu braucht man nicht auf die “Wutbürger” zu verweisen.

Das zeigt uns auch das Knabentheater Aschaffenburg, in dem die Knaben lernen, mit Richard Taubers Stimme die Schlaflosigkeit zu preisen. (ab 22.Juli im Jukuz Aschaffenburg zu sehen)
Wie anmutig scheinen diese somnambulen Knaben mit weitaufgerissenen Mündern und fuchtelnden Armen…. jeder für sich und doch verbunden durch Aschaffenburg und eine tote Stimme, die nicht die ihre ist.
Aber ihr, Knaben Aschaffenburgs , ist nicht der Schlaf, in den jeden Tag, jede Nacht 7 Milliarden Menschen, darunter viele Aschaffenburger und nur im Traum zählbare Tiere verfallen, so tief wie der Mariannengraben und von unauslotbarer Süße?
Und hört ihr nicht den Ruf:
Go to bed, young men!
Go to bed, young women!

“Das ist jetzt ihr Part.”

Ich blicke derweil auf zu den erbleichenden Sternen.
Ich kann nicht schlafen.


Stadt Regieren: Kulturcampus Bockenheim

Verblüffende Nachrichten aus dem schwarz-grünen Römer: “Dir gehört die Stadt” stellt man sich dort wohl als Showlaufen von Honorationen auf dem Podium vor: das “2. Bürgerforum Kulturcampus Bockenheim”. Bockenheim nimmt es aber nicht einfach hin.

Wir dokumentieren die Erklärung der Bürgerinitiative “Ratschlag Campus Bockenheim” dazu:
Wir protestieren gegen die Veranstaltung des 2. Bürgerforums Kultur-Campus-Bockenheim, zu dem Oberbürgermeisterin Petra Roth für kommenden Montag (16. Mai 2011) eingeladen hat. Wir sehen darin eine Wiederholung des am 21. Februar 2011 im Senckenbergmuseum stattgefundenen Forums, lediglich in einer etwas anderen Besetzung des Podiums.

Bürgerinitiativen sind ausgeschlossen, obwohl Oberbürgermeisterin Roth mehrfach öffentlich und intern eine Bürgerbeteiligung zugesagt hat. Aus unserer Sicht wird eine Werbeveranstaltung präsentiert für den glanzvollen “Leuchtturm” der Hochkultur, der auf dem Campusgelände entstehen soll. Wir befürchten, dass mit dem “Leuchtturm” und hochpreisigen Wohnungen ein Tor zur weiterschreitenden Gentrifizierung Frankfurts geöffnet wird.

Wir haben in den vergangenen Jahren den Umzug der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst auf das freiwerdende Bockenheimer Universitätsgelände gefordert und finden die Entscheidung für diesen neuen Standort gut. Wir fordern aber auch, dass das Campusgelände ein Ort der gewachsenen demokratischen Alltagskultur bleiben muss – für die Bürgerinnen und Bürger der angrenzenden Stadtteile und alle Frankfurterinnen und Frankfurter. Die Neugestaltung des Campusgeländes ist eine Chance zur Entwicklung eines Quartiers mit einer gemischten Bevölkerungsstruktur und einer vielfältigen
Kulturszene, in der “Kultur von unten” und “Hochkultur” zusammen wirken. Wir setzen uns für die Entstehung eines solchen urbanen Quartiers ein.
Wir haben gemeinsam mit den Initiativen “Zukunft Bockenheim” und “Offenes Haus der Kulturen” sowohl in einem persönlichen Gespräch mit Frau Roth als auch in einem umfangreichen Schreiben unsere Vorstellungen von Bürgerbeteiligung und Planungswerkstätten dargelegt, eine verbindliche Antwort haben wir bis heute nicht erhalten.  Die Glaubwürdigkeit der angekündigten Bürgerbeteiligung hängt davon ab, ob eine wirkliche Beteiligung – auf Augenhöhe – gewollt ist und stattfinden wird.


Rave against the machine

Letzten Freitag ging der “Rave against the machine” gegen die totale Atomisierung der Welt eines breiten Aktionsbündnis in Frankfurt ab. Er tanzte durchs heilige Bankenviertel, denn: ohne viel Knete keine großen Kraftwerke, ist doch klar.

Marcel Hoppe hat das Spektakel im Video dokumentiert:


BGB, § 960, Wilde Tiere

Wer hätte gedacht, das Bürgerliche Gesetzbuch ist voller Poetik, es ist ein melancholischer Ausbruch des Menschlichen.

Zum Beispiel: § 960, Wilde Tiere. Da kullert einem/r die Träne

Wilde Tiere (MP3)

Voice & Music by MerzmenschR0011838


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