Frankfurter Gemeine Zeitung

Nordend – kein Spass mehr

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Man weiss nicht so recht, was davon zu halten ist, das hochpreisige Nordend kämpft mit dem eigenen Standort-Vorteil und zeigt eine Leidensmiene, die seiner Attraktivität geschuldet ist. Es dreht sich wieder einmal um den Friedberger Platz, hoch gelobt und grossflächig vermüllt.

So schwankt man allenthalben, die einen auf Grund exzessiven Alkoholgenusses, die anderen vor lauter Bedenken, im Versuch, es allen Recht zu machen. Es wird darauf hinauslaufen, dass zuerst der Platz eingehaust wird. Die einfallenden Horden sehen überhaupt nicht ein, dass sie auf ihr Vergnügen nach all den Anstrengungen, den allgemeinen Wohlstand zu heben, verzichten sollen, denn das steht ihnen, den Leistungsträgern, einfach zu; die anderen verrenken sich in dem Bemühen, den Standort zu wahren und die heile kleine städtisch-bürgerliche Welt zu wahren, in die sie sich so mühselig eingekauft haben.

Das erinnert an die wirkliche Urmutter aller Spontanfeten in Frankfurt. Dazu müssen wir etwas in die Geschichte der Stadt eintauchen, so Mitte der Fünfziger, dem Jahrzehnt mit all seinem Muff und dem jenseits des Atlantik kommenden Rock’n’Roll.

Tatort: man glaubt es nicht: die Hauptwache.

Das war der entscheidende Verkehrsknoten der Stadt, an dem sich Kaufhof und andere breit machten, die Pendlerströme sich wieder in die Schlafquartiere verdünnten, die Hauptachse West – Ost. Das, was für den reibungsfreien Ablauf als neuralgischer Punkt bezeichnet werden kann. Dorthin strömten zum frühen Abend plötzlich suspekte Gestalten in grosser Zahl.

Junge Männer in Nietenhosen, amerikanisch die Hemden darüber (nicht ordentlich in denselben), mit reichlich pomadisierten Haaren, die zu abenteuerlichen Tollen gekleistert waren, Bierflaschen in den Händen, Zigaretten im Mundwinkel. An ihrer Seite junge Frauen mit toupierten Haaren, Nietenhosen und Petticoats, mit dem Zug zum damals ordinären ebenfalls Zigaretten und schließlich auch an der Flasche. So weit so gut, nur der Ablauf, die Ordnung war gestört, da sie sich beharrlich weigerten, mit den Bürgersteigen vorlieb zu nehmen.

Man stelle sich die wütenden Autofahrer – oh ja, es gab sie schon – vor, die in ihrer Rechtschaffenheit leider vergaßen, dass sie in Gefährten sassen, die für 5 – 6 gut gelaunte junge Männer kein Hindernis darstellten und sich nach ihrem Gehupe und Gezetere ganz schnell auf einen Poller gehoben wieder fanden. Aus Transistorradios drang die „Neger-Musik“, die von Westen kommend, das deutsche Kulturgut hinwegzuschwemmen drohte und die angesammelte Meute zu obszönen Zuckungen verleitete, was sofort die Wächter der Aktion saubere Leinwand auf den Plan rief und in ihrem Gefolge in ordentlichen Gummimänteln und feschen Schildmützen die noch nicht so lange demokratische Polizei.

Deren Aufforderungen nach Einhaltung der Voschriften über ordentliches Betragen schallten jetzt Bill Haley and the Comets oder gar – die Höhe – Elvis Presley entgegen. Frankfurt stand am Rande der Anarchie, die Stammtische riefen nach Arbeitslager, Mütter liessen ihre Kinder nicht mehr aus dem Hause, Väter sorgten sich um die Ehre ihrer Töchter. Und die Autofahrer beschworen ihr Recht auf absolut freie Fahrt.

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Nicht viel Neues also. Vielleicht könnten die Freizeit-Anarchisten einen Fan-Vertreter wählen, der in die Ethik-Kommission des Stadtteils entsandt wird. Auch könnte man einen Ständer mit Schallschutz-Tüten aufstellen, in die dann nach 22:00 hinein gegrölt werden kann. Vielleicht kommt die Stadtreinigung auch so gegen Mitternacht und schiebt alles in einen grossen Container – der natürlich gepolstert sein muss. Phantasie, meine Damen und Herren, die schöne Zeit, in der man sich nächstens so gerne im Freien aufhält hat gerade begonnen. Es lässt sich noch viel ausprobieren. Und noch etwas : stellt euch vor, die da feiern, würden auch noch im Viertel wohnen, zu schrecklich, ehrlich.

Aber das wäre eine Alternative:

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wir verfolgen mit äusserster Spannung die weitere Auseinandersetzungen, auch ehrlich!


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