Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Medienschelte

Eine eigenartige Diskrepanz weitet sich in den westlichen wie den nicht-westlichen Gesellschaften immer mehr auf: wir betreiben  eine Mediengesellschaft, aber wirklich zufrieden sind viele mit den Medien, die über den privaten Tratsch im Internet hinausreichen sollen nicht, im Gegenteil. Das gilt besonders für den politisch-kulturellen und demokratischen Anspruch, der sich mit den großen Printmedien und den öffentlichen Fernsehsendern verbindet.

Zeitungen View

Einerseits wird eine enge Verbindung der Leitmedien mit Regierungshandeln und Wirtschaftsentscheidungen deklariert, besonders in den Blättern aus den 5 großen Städten. Von den Mauscheleien einer übersättigten Journalistenriege („Alpha-Journalisten“) im Regierungsviertel bis zur Bildzeitung für Bildungsbürger ist die Rede. Textbeiträge, Interviews und Talkshows sind laut vielen Medienkritiekrn kaum noch zu unterscheiden von Presseerklärungen der Bundestagsparteien oder Bilanzkonferenzen von Dax-Konzernen.
Dazu kommt noch die Zustandsbeschreibung der Presse in anderen Ländern, jeweils mit unterschiedlichen Facetten: in Griechenland – auf dem Hintergrund der existenzbedrohenden Krise – stehen Journalisten in der Einschätzung vieler auf der Stufen von prügelnden Polizisten oder korrupten Parlamentariern. In Italien ist die große Presse wie das Fernsehen auf das Milieu ihres Cavaliere Berlusconi abgesunken, ein ganzes Land scheint dort zu verblöden. In den USA schrumpft der Blätterwald wirtschaftlich drastisch zusammen auf Murdock-Festungen, und Fernsehformate kuschen vor den rechtsradikalen Sendungen, unterbrochen wird das trostlose Gesamtbild nur noch durch einzelne Blogs und wenige Zeitungen, die im Web aktiv sind. Na, dann landen wir schon fast bei China und dem dortigen Medienumgang: dort gibt es wie bei uns in guten Firmen eine (journalistisch-parteiliche) „Qualitätskontrolle“. Nur Artikel, die bei der durchkommen, haben den Schritt in die publizistische Öffentlichkeit verdient.
Verglichen mit diesem Elend scheint bei uns noch alles im Lot, auch die Blogger bedrohen den angeblich ausgezeichneten deutschen „Qualitätsjournalismus“ kaum: hier im Lande gibt es dehalb auch (fast) kein Zeitungssterben. Gut, das nette Bild mag beim Öffentlich-Rechtlichen nicht so ganz passen. Um auf dem Boden der trostlosen Wirklichkeit dieser zu landen, reicht schon die Gegenüberstellung eines BBC-Interviews mit dem endlosen Abspulen von Statements bei Anne Will oder ähnlichen „Formaten“.
Aber ist genau das ein Menetekel für die ganze kommerzielle Medienlandschaft ? Haben die Diagnosen von der zunehmenden demokratischen Entleerung vielleicht doch einige Berechtigung? Muß man sich nicht sogar über die Möglichkeit des weiteren Niedergangs der Printmedien freuen, die hierzulande vielleicht nur verzögert eintritt und bei einem Blatt wie der Frankfurter Rundschau durchgezogen ist? Bieten Blogger und kleine Lokal-Blätter im Web wie die FGZ bessere Möglichkeiten?
Mitnichten, meinen die Profi-Journalisten, laut ihnen haben wir Qualitätsjournalismus. Beispielsweise konstatiert diese glänzende Medienverfassung ein Essay der NZZ-, FAZ und taz-Journalistin Sabine Pamperrien. Der Blogger-Journalismus bietet nach ihr hierzulande ein Randgeschehen, meist bloß unter Bezug auf Qualitätsmedien agierend (wie der Artikel hier). Der Kern der Qualitätsmedien besteht in ihrer „Gatekeeper“-Funktion, durch die nur wirklich gute Texte ans Licht der großen Öffentlichkeit treten dürfen. Das ist gut so, und es zeigt die anhaltende Bedeutung der Leitmedien und die Bedeutung der großen Zeitungsportale für den Web-Journalismus. Ausserdem locken Spiegel online und Bild.de eine vielfache Besucherzahl an als die vereinzelten Polit- und Kultur-Blogs. So die Qualitätsjournalistin, und was will man mehr?
Nun lässt sich aber fragen, ob diese „Gatekeeper“-Funktion nicht mehr mit der chinesischen Qualitätskontrolle zu tun hat als mit demokratischer Wertigkeit. Natürlich tritt bei der FAZ oder dem Spiegel nicht die Partei zur Kontrolle an, sondern ein bestimmtes Muster an Selektionskriterien, was überhaupt in der Qualitäts-Medien-Repräsentation durchdringen kann: zum Beispiel eine bestimmte Ästhetik der Textstruktur, wie sie etwa der „typische Spiegel-Leser“ suchtartig verlangt. Oder sie arbeiten mit Registern an Leitworten, die oft aus einem Volkshochschulkurs von „wie führe ich ein Unternehmen“ gespeist scheinen. Und sie werden thematisch opportunistisch zusammengebaut, nach Regierungsmeldungen, Personalitäten und Tagesstimmungen, alles bei hoher Vergesslichkeit. Und das geschieht mit gekonnter Kürze (“nicht zu viel verlangen”), und möglichst aus den gleichen Quellen weniger Nachrichtenagenturen für alle Anbieter: im typischen Duktus von Ohrwürmern produzieren Reuters und Co. den Strauss von Nachrichten und Berichten.

MyZeil Shopping
Das ist oft zu wenig, und dem interessierten Publikum schleicht sich neben dem „Maischberger Syndrom“ noch das unangenehme Gefühl beim Betreten deutscher Innenstädte ein: in deren immer gleichen Einkaufspassagen mit ihren Serien von Filialbetrieben verliert man die Orientierung, weiß nicht, in welcher Stadt man gerade ist, verliert das Interesse, will schließlich nicht mehr hin. Ein Ermüdungseffekt, der sich zunehmend bei den „Mainstream-Medien“ einstellt. Sie liefern Konfektionsware in schnell wechselnden Kollektionen, mit vielen drappierten Textprodukten, die Werbung hübsch garnieren. Wem denn das Getue denn gefällt. Der arme Redakteur verkommt zum Public Relations Arbeiter, aber ohne genau das sagen zu dürfen und nicht mit dessen nettem Salär.
Um andere Perspektiven, Aspekte, Themen, Verknüpfungen und Darstellungsformen erfahren zu können, benötigen wir deshalb anspruchsvolle Blogs und dürfen uns nicht mit dem Sermon der wenigen großen Web-Monopolisten langweilen. Dafür steht noch einige Arbeit an. Punkt.


Ein Kommentar zu “Medienkompass – Medienschelte”

  1. gaukler

    Passend dazu die Analyse Niggemeiers zum Stern: von 367 Artikeln in der Ausgabe vom 17. Mai gibt es 300 Agentur-Meldungen, und 8 (acht !) Eigenberichte.
    Die treffende Überschrift seines Berichts heißt: “stern.de: Anatomie einer Attrappe”.
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/stern-de-anatomie-einer-attrappe/

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.