Frankfurter Gemeine Zeitung

Wider den “Zeitgeist”

Irgendwann habe ich einmal auf Youtube die Filme „Zeitgeist“ und „Zeitgeist: Addendum“ gesehen. Ich fand sie damals nicht besonders gut gemacht und steckte sie in eine geistige Schublade mit Chemtrail-Hypothesen oder der Idee, das britische Königshaus sei unterwandert von einer reptiloiden Alienspezies.

In den letzten Wochen wurde ich allerdings so oft in Gesprächen mit „Zeitgeist“ und dem sogenannten „Zeitgeist-Movement konfrontiert, dass ich beschlossen habe, mich eingehender mit der Thematik zu beschäftigen, zumal das Thema in den klassischen Leitmedien kaum präsent ist, ganz offensichtlich aber zumindest im Netz eine große Fangemeinde finden konnte.
Die neueste Produktion „Zeitgeist: Moving Forward“ brachte es zum heutigen Datum bereits auf 7.434.352 Klicks.
The Zeitgeist Movement“ gefällt auf Facebook immerhin 316.918 Personen.

Zeitgeist_Movement_globe

Ein paar betrunkene Jugendliche mit denen ich neulich auf einem Spielplatz unterhielt, waren sogar der Überzeugung „Zeitgeist“ zeige die Lösung für alle politischen und wirtschaftlichen Probleme auf und die Begriffe „links“ und „rechts“, sowie die Politik selbst, wären dank der Erkenntnisse von „Zeitgeist“ bald völlig obsolet.
Naja… sie waren jung und betrunken, trotzdem interessierte es mich und ich begann zu recherchieren.

Was also ist „Zeitgeist“?

Bei „Zeitgeist“ handelt es sich um eine Reihe von Filmen, die die Auffassung vertreten, die Menschheit würde von ihren religiösen und politischen Institutionen gezielt belogen. In diesem Sinne geht es also um Verschwörungstheorien, die sich einerseits um das Christentum und andererseits um das Wirtschafts- und insbesondere das Geldsystem ranken.

Im ersten Film der Reihe wird die Theorie aufgestellt, dass die christlichen Kirchen eine Fortsetzung heidnischer Kulte seien, und in erster Linie dem eigenen Machterhalt dienen. Hierzu werden Parallelen zwischen altertümlichen Kulten und christlicher Symbolik herangezogen und der Beweis versucht, dass Elemente christlichen Glaubens wie die Jungfrauengeburt und die Fischsymbolik diesen Kulten entstammen.

Kritiker werfen diesem Film allerdings ungenaue Recherche und sachliche Fehler vor. Um diese Vorwürfe zu entkräften veröffentlichten die Macher des Filmes eine umfangreiche Liste ihrer Quellen.

Letztlich ist der Teil von „Zeitgeist“, der sich mit dem Christentum beschäftigt aber der weniger interessante.
Wesentlich mehr darüber, welche Ideen und Absichten hinter „Zeitgeist“ und dem dazugehörigen „Zeitgeist-Movement“ stecken, sagen uns die Abschnitte in denen es um das Geldsystem geht.
Dieses wird insbesondere aufgrund seiner ökologisch negativen Aspekte stark kritisiert und es wird die Behauptung aufgestellt, dass das Geldsystem zu einer künstlichen Ressourcenverknappung führe, obwohl unser Planet genug Ressourcen biete, um alle Menschen auf einem hohen Lebensstandard zu versorgen.
Das Geldsystem sei schuld daran, dass Produktion auf einen zyklischen Konsum und nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt sei. Produkte würden mit Absicht so konstruiert, dass sie begrenzte Haltbarkeitszeiten haben, um sie immer wieder neu und unter (nur scheinbaren) Verbesserungen verkaufen zu können.
Ein besonders schädlicher Einfluss wird auch dem Zinssystem zugesprochen.

Dies veranlasste Kritiker, den Vorwurf des Antisemitismus beziehungsweise des strukturellen Antisemitismus gegen das „Zeitgeist-Movement“ zu erheben.
Meiner Auffassung nach, ist dieser Vorwurf substanzlos und Produkt einer Überreiztheit mancher Teile der politischen Linken, die gegen jede Verschwörungstheorie und gegen die meisten Formen der Kritik am Geld- oder Zinssystem reflexartig den Vorwurf des Antisemitismus erheben.

Tatsache ist, dass es eine Schnittmenge zwischen Verschwörungstheoretikern und Antisemiten gibt, aber dies bedeutet nicht, dass jeder Verschwörungstheoretiker deshalb auch gleich Antisemit ist.
Noch bedenklicher ist, wenn Teile der politischen Linken jede Kritik am Geld- oder Zinssystem zum strukturellen Antisemitismus abstempeln, denn damit schaffen diese Linken selbst eine strukturell antisemitische Assoziation im Sinne von „Geld und Zins ist gleich jüdisch“.
Außerdem führt der inflationäre Gebrauch des Antisemitismusvorwurfes auch zu dessen Entwertung, weshalb an diesem Punkt oft etwas mehr Zurückhaltung geboten wäre.

Doch auch ohne Antisemitismusvorwurf gibt es am „Zeitgeist-Movement“ genug zu kritisieren.

Das „Zeitgeist-Movement“ steht in engem Zusammenhang mit dem „Venus-Projekt“ des 94jährigen Jacque Fresco.
Dieses befürwortet eine technokratische Zukunftsvision, die auf einer ressourcenbasierten Ökonomie fußt.
Die Ressourcenverteilung soll nicht durch den Markt oder demokratische politische Entscheidungen geregelt, sondern durch eine effiziente zentrale Steuerungsinstanz, eine noch zu entwickelnde künstliche Intelligenz vorgenommen werden.
Politische Fragen werden als technische Probleme definiert, die sich mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden lösen ließen; Parlamente und die meisten politischen Institutionen werden als überflüssig erachtet.
Es sei sogar überhaupt nicht mehr nötig, politische Entscheidungen zu treffen, da die Entscheidungsergebnisse mit Hilfe der wissenschaftlichen Methodik klar und eindeutig zu finden seien, richtig oder falsch also keine Ansichtssache mehr sei, sondern nur eine Frage der korrekten Anwendung der Methode.
Als Handlungsmaxime vorgegeben wird hierbei die Ressourceneffizienz. (ethisch richtig ist nach dieser Art zu denken die Handlung, die vorhandene Ressourcen möglichst effizient nutzt)

Hier aber offenbart sich der Denkfehler dieser Bewegung. Denn Effizienz lässt sich immer nur in Bezug auf die Erreichung eines Zieles bestimmen.

Die Festlegung des jeweiligen Zieles aber ist eine ethische Frage im Sinne von „welcher Zustand ist wünschenswert?“.
Diese ethische Frage kann zumindest nach meiner Auffassung nicht mit Hilfe klassischer wissenschaftlicher Methoden beantwortet werden, sondern erfordert vielmehr die fortwährende (Weiter-)Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses und damit eines lebendigen gesellschaftlichen Diskurses, statt eines technokratischen Zentralsteuerungsorgans.

Außerdem ist eine Zentralsteuerung der Verteilung der Ressourcen mit dem Ziel größtmöglicher Effizienz kaum denkbar, ohne dass auch die „Ressource Mensch“ dieser Zentralsteuerung unterworfen wird.
Durch die Zentralsteuerung aller Ressourcen wäre es dem Einzelnen nicht mehr möglich, selbst über die Verwendung seiner Arbeitskraft und seinen Güterkonsum zu bestimmen, sondern er müsste das nehmen, was die allwissende Maschine ihm zuteilt.

So zeigt sich hinter dem ganzen aufgesetzten Weltverbesserungsanspruch des „Zeitgeist-Movement“ eine technofaschistische Gesellschaftsvorstellung, die bei genauerem Nachdenken kaum wünschenswert erscheinen kann.

Hinzu kommen die kaum praktizierbaren und weltfremden Ideen zur Umgestaltung der Lebensverhältnisse, insbesondere die Idee alle Menschen in, nach den Designs von Jacque Fresco entworfene Ökostädte umzusiedeln.
Nach Ansicht des „Zeitgeist-Movement“ ist es ressourceneffizienter, Städte komplett neu zu errichten, statt bestehende Städte entsprechend umzugestalten.
Die Frage, ob Menschen dies auch wollen, scheint hierbei eher im Hintergrund zu stehen.

Die ressourcenbasierte Ökonomie ist ein Modell, welches ohnehin auf Augenwischerei basiert und schon im Kern zum Scheitern verurteilt ist.
Denn nehmen wir einmal an, wir haben eine Maschine, die eine ökonomische Entscheidung darüber treffen will, ob eine bestimmte Ressource abgebaut wird oder nicht.
Der Gewinnungsprozess einer Ressource erfordert selbst immer den Einsatz von Ressourcen. Effizient kann die Ressourcengewinnung aber nur dann sein, wenn der Wert der gewonnen Ressourcen über dem Wert der zur Gewinnung verbrauchten Ressourcen liegt.
Da die verbrauchten Ressourcen oft nicht gleichartig mit den gewonnen Ressourcen sind, muss man, um überhaupt eine Berechnung der Effizienz vornehmen zu können, beiden Ressourcen einen numerischen Wert zuteilen.
Dieser numerische Wert müsste die Knappheit der Ressource, die Dringlichkeit des Bedarfes und viele andere Faktoren abbilden können.
Selbst wenn man es nicht so nennen wollte: Unsere Maschine könnte gar nicht anders, als in einer Art Geld zu rechnen.

Auch ohne Politik käme die Wundermaschine nicht aus. Denn wer würde festlegen mit welcher Wertigkeit die Maschine die jeweilige Ressource veranlagt? Die Maschine selbst? Die grundlegenden Parameter auf deren Basis die Entscheidung getroffen wird, müssten vorher festgelegt werden und zudem müssten Regeln festgelegt werden, mit denen die Parameter bei auftretenden Fehlern oder Änderung der natürlichen Gegebenheiten abgeändert werden können.
Diese Entscheidungen sind nicht objektivierbar, sondern unterliegen den persönlichen Werteinschätzungen der Erbauer/ Programmierer, denen damit eine weder demokratisch, noch sonst wie legitimierte Rechtssetzungsfunktion zukäme.

Anstatt, wie so vollmundig versprochen, die innovative Lösung für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu liefern, bietet die ressourcenbasierte Ökonomie nur die Perspektive einer totalitären, computergestützten Planwirtschaft.

Naja… vielleicht war die geistige Schublade, in die ich „Zeitgeist“ zu Beginn instinktiv einordnete doch gar nicht so verkehrt.

Denn wenn ich mir die Kommentare aus Youtube und den Foren des „Zeitgeist-Movement“ so anschaue, komme ich zu einem Ergebnis, das ein Wenig an die Kaufempfehlung eines Online-Shops erinnert:

Nutzer, die „Zeitgeist“ mochten, mochten auch Infokrieg.tv, Chemtrail-Hypothesen und Reptilien-Aliens.


Stadt oder Weltkreis – eine politische Entscheidung?

Der bekannte französische Philosoph Gilles Deleuze hatte ungewöhnliche Ideen, die postmoderne Beweglichkeit mit linken politischen Initiativen eher abseits von Parteipolitik verbandelten.

In einem kurzen Interview nahm der 1995 Verstorbene zu einer fast zeitlosen politischen Frage Stellung, was es heißt “links” zu sein. Seine Antwort ist besonders deswegen von Bedeutung, weil er sich darin gegen die Kurzsichtigkeit des Blicks auf die unmittelbare Umgebung, etwa das Wohnquartier und die Stadt ausspricht und postuliert, dass ein linker Horizont immer den Weltkreis umspannen sollte.

Eine orts-beschränkte Sicht wäre dann defizitär. Man könnte anderthalb Jahrzehnte später vermuten, dass sich diese Aufweitung gegen kurzfristige Wahrnehmung und Effekt-Verfolgung richtet. Die allgemeine Atemlosigkeit und Vergesslichkeit – privat wie öffentlich – ist doch ein typisches Zeichen unserer Zeit, manche würden sagen: des neoliberalen Regimes. Und es ist kein gutes Zeichen, die oft fatalen Folgen sind kaum überschaubar. Die notwendige Weitung des Horizonts wäre dann nicht bloß räumlich (gegenüber “Stadt”) sondern auch zeitlich und geologisch zu verstehen?

Hier Deleuze selbst:


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