Frankfurter Gemeine Zeitung

Big Vermieter is watching you

Videoüberwachung

Hin und wieder kann man in unserer kleinen Großstadt Frankfurt Orte finden, deren Existenz man bis dahin nicht einmal für möglich gehalten hätte. So ging es meiner Freundin und mir, als wir an diesem Mittwoch an einer Wohnungsbesichtigung in einem markanten Haus teilnahmen, welches an einer Straße liegt, die nach einer verdienten Frankfurter Bankiersfamilie benannt wurde.

Das Haus war optisch alles andere als ein Juwel und stach durch seine ausgeprägte Hässlichkeit aus der Masse der umliegenden netten Altbauten hervor, 15-stöckig, zwei miteinander verbundene Hochhäuser in ehemals Giftgrün, welches sich mit der Zeit durch Schmutzanhaftung in BW-Flecktarn verwandelt hatte.

Auf den Balkonen fanden sich Deutschlandfahnen (obwohl doch gerade keine WM ist), teilweise sogar gepflegte Blumen und mir fiel das merkwürdige Fehlen der, sonst an Hochhäusern wie diesem allgegenwärtigen, Sat-Schüsseln auf.
Angesichts der Fassade hätte man trotzdem damit gerechnet, dass es sich bei den Bewohnern eher um Angehörige sozial benachteiligter Gruppen handelte.
Umso mehr überraschte uns das, was wir in dem Haus vorfanden.

Ein Makler Anfang 30, mit zurückgegelten Haaren, Sonnenbrille und pastelltürkisem Polohemd, welches er in die khakifarbene Bundfaltenhose gesteckt hatte, begrüßte uns und die anderen etwa 20 Interessenten.
Ich betrachtete seine markante Nase und musste sofort an den viel zu jung verstorbenen Sänger Falko denken oder vielleicht auch an Konstantin Wecker.

Der Makler erklärte uns zur Begrüßung, dass das Haus nur von außen verwahrlost aussähe. In Wirklichkeit würde es einer Privatperson gehören, die sehr darauf achte, dass alles in Ordnung sei und deshalb sei im Eingangsbereich auch ein nagelneues Videoüberwachungssystem installiert.
„Videoüberwachung in einem Wohnhaus?!“ dachte ich mir, aber verkniff mir die Frage erstmal.

Wir betraten das Gebäude und befanden uns nun in einer Art Luftschleuse, in der auch die Briefkästen angebracht waren.
An der Decke hingen 2 dieser unaufdringlich aussehenden knubbelförmigen Rundumsichtkameras, die man auch aus neueren Bussen und Straßenbahnen kennt.
Ein Hinweisschild auf die Videoüberwachung konnte ich nicht entdecken.

Der Makler erklärte uns stolz die Klingelanlage, die vollkommen digital funktionierte. Es gab ein Rädchen, ähnlich wie bei einem I-Pod mit dem man den gewünschten Mieter, bei dem man Klingeln wollte aus einer alphabetischen Liste aussuchen konnte.
Auch die Klingelanlage hatte eine Kamera.

„Ob die Klingelanlage auch speichern kann, wer, wann, bei wem klingelt?“ fragte ich mich im Stillen.
Die anderen Interessenten waren ergriffen von diesem Meisterwerk der Technik

Ich hingegen konnte es nun doch nicht lassen den Querulanten zu spielen und fragte den Makler, wer denn am anderen Ende der Kamera sitze und die Bilder der Videoüberwachung auswertet.
Der Makler schien mit der Frage nicht gerechnet zu haben und schaute mich an, als ob es das Ungewöhnlichste auf der Welt sei, dass ein Mensch gerne wissen möchte, wer da Tag und Nacht seinen Hauseingang beobachtet.
Er stammelte irgendwas davon, dass der Hausmeister Bescheid wisse und es wohl einen Vertrag mit irgendeiner Sicherheitsfirma gebe. „Aha… sehr beruhigend…“ dachte ich mir und verkniff mir den Kommentar.

Der Makler erklärte uns, dass man sich nach Passieren dieser Eingangsschleuse im Haus nur noch mit Schlüssel bewegen könne. Sowohl die Aufzüge, als auch das Treppenhaus seien so gesichert, dass man sie ohne Schlüssel nur von oben nach unten, aber nicht von unten nach oben benutzen könne.
Ich fragte den Makler ob dies bedeute, dass ich jedes Mal wenn ich Besuch habe, den Besuch am Hauseingang abholen müsse. Der Makler bejahte dies und fügte an, dafür sei alles auch schön sicher.
„Offensichtlich ist es nicht vorgesehen, dass Außenstehende die Insassen dieses Hauses besuchen…“ dachte ich bei mir.
„Und was es wohl kosten muss, einen Schlüssel zu diesem Hochsicherheitstrakt versehentlich zu verlieren?“ Diese Frage stellte ich nicht.

Im Inneren des Hauses angekommen, fand ich vor den Liften kein schwarzes Brett, sondern einen Glaskasten, in dem eine vier- oder fünfseitige Hausordnung ausgehängt war.
„Aha… in diesem Hause findet Kommunikation wohl offensichtlich genauso statt, wie die Bewegung ohne Schlüssel: Von oben nach unten.“ Die Anmerkung verkniff ich mir.

Im Lift fanden wir dann endlich einen Hinweis auf die Überwachungskameras, besser spät als nie…
„Dieses Gebäude wir überwacht von XYZ“.

„Das Gebäude? Ich dachte es wäre nur der Eingangsbereich.“ Ich fühlte mich augenblicklich beobachtet und sah mich nervös nach weiteren versteckten Kameras um.

Die Wohnung selbst war nicht besonders. Seltsam geschnitten war sie und ein komischer Geruch hing in der Luft.
Der Makler führte den Geruch auf die Kochgewohnheiten des Vormieters zurück.

„Was hatte der Mann wohl gekocht, fragte ich mich… Crack? Meister Propper? Und was gehen den Makler die Kochgewohnheiten des Vormieters an?“ Aber auch die Anmerkung sparte ich mir. Die Entscheidung war ja ohnehin schon gefallen:
Jeremy Bentham hätte sich in dem Haus vielleicht wohl gefühlt, wir hingegen nicht.

Aber immerhin hätte es einen Müllschlucker gegeben. Wenn uns also in unserem videoüberwachten Haus die panische Angst vor Terroristen gepackt hätte, so hätten wir das Haus nicht einmal zum Müllrausbringen verlassen müssen. Beruhigend, nicht?
Und wenn wir uns dann irgendwann einmal doch ganz bürgerlich für Nachwuchs entschieden hätten, dann hätten die lieben Kleinen auch ganz Klasse mit dem Müllschlucker spielen können. Kinder lieben sowas…

Meine Freundin und ich jedenfalls hatten genug gesehen und waren froh, wieder die (noch) freie und unüberwachte Stadtluft atmen zu dürfen.


2 Kommentare zu “Big Vermieter is watching you”

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