Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadt und Web – schrägere Allianzen

Das Web revolutioniert uns und unsere Umwelt: vom globalen Data-Highway, über den Stadtknoten durch die Straßen bis an den eigenen Schreibtisch.
Das Draußen der Stadt sieht man jetzt auch vom Notebook aus: besonders lieb gewonnen haben wir die Karten, Googles große Übersichten. “Map” und “Earth” heißen sie, Adressen und die schnellsten Routen bieten sie, plus schöne Photos, Geschäfte und Restaurants, wichtige Sehenswürdigkeiten und passende Reise-Tours, mit einem Blick wie im Landeanflug. Wichtiger Clou am feinen Service: in all dem Kartenwerk verstecken sich Hinweismarken zu netten Netz-Portalen, mit Angeboten für den Webuser – all over Frankfurt.

smartcity
Aber wie sieht das, was wir in den Karten sehen, “wirklich” aus? „ Street View“ heißt Googles Antwort darauf: damit sehen wir nicht nur Fotos von weit oben, sondern können auf Sichtweite durch Straßen fahren, virtuelle Spaziergänge machen. Ein Ökotraum, kein Spritverbrauch, rein virtueller Urlaub.
“Street View” ergänzt die städtische Infobasis, man sieht bereits vorher den Eingang zum Rathaus oder zur Arbeitsagentur, muss nicht verstört in den Straßen umherirren und sich fragen: wo steht bloß die Hausnummer? Oder virtuelles Sightseeing und Shopping als Marketingmaßnahme: ich sehe die Lage des Hotels vor der Buchung, der angebotenen Eigentumswohnung vor der Besichtigung, die Einfahrt zur Shoppingmall vorm Besuch. Städtewerbung per Web verheißt “mehr Sicherheit, mehr Kundennähe”.

Hey, kein Verfolgungswahn bitte! fordern die Webnerds: das Recht auf Öffentlichkeit sieht auch Sascha Lobo – der erste wirklich lebendige Netz-Avatar – im View verwirklicht: wir dürften doch schließlich unsere Städte noch fotografieren, und deshalb können wir sie auch web-mäßig betrachten. Die pfiffige Techno-Kombinatorik von Street view lässt wenig Wünsche offen. “Öffentlichkeit” spinnt sich mit ihr gut im Sinn vieler Web-Nerds weiter: was spricht denn eigentlich gegen Shopping-Vorschläge aus dem Web, wenn die Firma eh schon unsere Kontakte, Vorlieben, Reisen und vieles mehr kennt? Mit View kommt alles noch schöner rüber: wir werden direkt an die Auslagen der ausgewählten Geschäfte geführt, können durch die Scheiben blicken oder den Webshop betreten. Bezahlt wird später.

Die Vision entfaltet sich weiter, wenn wir den Platz im Gartenrestaurant besichtigen und buchen, vielleicht im Chat Hand-in-Hand durch die Web-Strassen flanieren, gemeinsam die Mall betreten und andere auf die schönen, von Google empfohlenen Angebote für unser City Viewing hinweisen: „Wir erwarten euch zum Cappuccino an diesem Tisch in der Ecke“.
Der Weg zur Öffentlichkeit als Publictainment, der Medien-Politik von Webtainment ist jetzt nicht mehr weit. Warum bloß zu zweit die Auslagen ansehen, wenn man mit vielen im Street-View chatten, das City-Web easy bevölkern kann. Nicht genug mit der Web-View-Stadt: wozu denn Flash-Mobs, wenn Google-Street-Mobs viel schneller, praktischer aktivierbar sind: jeder muss am Platz nur sein Fähnchen schalten, im Street-View wird’s sichtbar, die gewünschte Öffentlichkeit ist erreicht. Und es geht so leicht …
Warum sich damit begnügen: das kann doch für alle Demonstrationen, für öffentliche Versammlungen gelten: mit höherer Sicherheit, mehr sind leichter aktivierbar, und niemandem tuts weh. Das grade populäre „Die Stadt gehört dir“ wird aus Sicht der Webnerds ganz einfach realisierbar: alle können schließlich im Web flanieren, der Ärger ist vorbei, Privatisierung kein echtes Problem mehr. Welche neuen Möglichkeiten von Öffentlichkeit, und so einfach zugänglich, eine Mitmach-Öffentlichkeit am Schreibtisch, im Flat-Package zu kaufen, mit Rabatt, zahlbar nach Freischaltung.

Ok, ihr meint, das ist eh Unsinn, dann schauen wir mal nach, was die Info-Cracks wirklich machen, was hinter den Fassaden unserer Browser „the next big thing“ ist und was das mit der Stadt zu tun hat. Hier in Frankfurt muss man nicht weit gehen, um eine Idee davon zu kriegen: die Kursdaten jagen die Straßen am Messegelände entlang, millionenfach, verzweigen sich nach Hausen und nach Eschborn, zu Börsen, Banken und Fonds, werden durchgenudelt und zurückgetrieben.
Möglichst schnell, möglichst pfiffig und schon ist er da: der cash flow. „Quants“ nennt man die pfiffigen Maschinenmänner in Finanz-Etagen westlich der Taunusanlage, engagierte Mathematiker oder direkt aus dem „House of Finance“. Sie ertüffteln irrwitzige Rechenmaschinchen („Algorithmen“), die gegeneinander antreten im Web. Sie jagen die Immobilienfonds durch die fixen Apparate, ein paar Pünktchen besser, schneller und die Hauszeile an der Mainzer ist weg. Wenn sie Pech haben, auch die Wohnstatt der Consultants selbst, denn nicht immer klappt die Kurs-Rechnerei. So ist das Geld Futsch, wie bei der Lehmann-Pleite.

Dann gibt’s den nächsten Level der Rechengeister, die sich um uns kümmern, gebaut von den „Wants“: auch diese Mathe-Asse ackern als „Data Ninjas“ die vielen Speicher, das Geschehen der letzten Wochen und Jahre nach lohnenden Spuren durch, etwa in Facebook-Spielen wie Cityville – der Name scheint Programm. Die Maschinchen der Wants suchen nicht nach geldwerten Aktienkursen, sondern nach den Wünschen bei jedem von uns: was ich für Vorlieben habe, wo ich hingehe und wen ich dort treffe, was ich dort kaufe oder von wem ich gerne was hätte. Unser aller Web-Geschichte ist auch im Visier des Data-Mining. Es kann nicht nur das Wabern der individuellen “Connections” und der „Gefällt mir“-Klicks durchforsten, sondern sogar eine ganze Stadt rastern.
Das reicht weit über persönlich zugeschnittene Amazon-Angebote hinaus. Meine Wünsche und Eigenschaften werden durchgescannt. Und da kommt Street-View wieder ins Spiel: die Werbung passt genau an den Platz den ich gerade überquere, und die bei mir werden entsprechend elektronisch belabert.

Was soll´s, so funktioniert halt die „intelligente“ neue Stadt… Ist aber immer noch nicht alles. IBM – genau, die Company, die zu Zeiten der Mondlandung in aller Munde war – agiert immer noch, gerne auch mit Städten. Sie möchte “Smart Cities“, wobei das Smarte sich hier nicht auf Immobiliendeals oder Shopping beschränkt. Die Quants und Wants und der ganze Clan drum herum tritt auf und hört sich die Klagen der Polizei an, z. B. in Richmond/USA. Eine ganz schlimme Gegend, zu viele Verbrechen, wie alle Polizeiinstitutionen das für alle Städte der Welt meinen. Für die Quants heißt das: wie kriege ich raus, was die unruhigen Geister der Stadt wann vorhaben, wie kann man möglichst viel über Einzelheiten in den Quartieren erfahren? Richtig: jetzt braucht man nicht Sascha Lobo sondern IBMs Ninja-Algorithmen. Sie machen fix Netzwerk-Analyse der Stadt und erfüllen den Traum aller Cops der Welt: das Verbrechen vorhersagen. Und zwar so, dass sie fast nur noch an die Orte müssen, an denen garantiert was los sein WIRD: runter mit dem Verbrechen, der Unruhe in dem Stadtgewusel. So lief es in Richmond, so ging es weiter in Washington und anderswo.

Wann kommen diese schlauen Stadtspione nach Frankfurt, der “deutschen Hauptstadt der Kriminalität”, und was werden sie hier anstellen? Wenn wir aus der realen Stadt ins Virtuelle flüchten, kriegen sie uns genau dort wieder – mit einem Web hier für den Ort. Es sind die falschen Institutionen, die Immobilienfonds, die Werbevermarkter und das Polizei-Departement, die unser Verhalten in den Griff bekommen wollen, ob in der realen oder der virtuellen Stadt. Bleibt nur: „I would prefer not to“.


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