Frankfurter Gemeine Zeitung

IKEA-Terror in Dresden

ikea

Ikea ist für manchen das symphatische Möbelhaus aus Schweden. Für manch andere: Möbel- Terror mit menschlichem Antlitz. Es war eine Frage der Zeit, wann dies mit Gegenterror beantwortet wird. Wie das menschliche Antlitz aussieht, das ihn ausübt, weiß man zur Zeit noch nicht. Am Pfingstfreitag ist nach einem Bericht der FR in einer Ikea Zentrale in Dresden ein Sprengsatz in der Küchenabteilung explodiert, geringer Sachschaden, zwei Kunden erlitten laut Pressebericht ein “Knalltrauma”. Knalltrauma?  Hey, Leute, habt ihr einen Knall? Was macht ihr eigentlich an Sylvester? Ende Mai waren bereits kleine Sprengkörper in Frankreich, Belgien und Holland hochgegangen. Das Interessante ist nun: Es gab keine Drohungen, keine Erpressung, keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Explosionen in anderen Ländern. Es sieht also so, aus als richte sich der Terroranschlag nicht zum Beispiel gegen die Politik von Ikea, günstige Reihenhäuser anzubieten, die keinen Keller haben, in deren Wände sich kein Nagel einschlagen lässt und die den Käufer dazu verpflichtet, 15 Jahre Strom von dem Anbieter “Botlok” (sei klug) abzunehmen. Aber das wurde nach einem negativen Bericht der Stiftung Warentest im April ohnehin korrigiert, die Planungen in Wiesbaden, Offenbach und Hofheim zurückgeschraubt. Ist der Terrorist vielleicht ein ehemaliger Mitarbeiter? In einem Bericht für das ZDF- Magazin Frontal 21 wurde schon vor drei Jahren aus  Mitarbeiter-Briefen zitiert, in denen es heißt:  ”Wie lange soll dieser Wahnsinn noch andauern? Die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen gehen jeden Tag an ihre körperliche und seelische Belastungsgrenze, leisten zahlreiche Überstunden.Krank zu arbeiten ist Normalzustand, wird unterschwellig sogar erwartet.” Im Gespräch mit dem Sender sagte  Christina Frank von Verdi über Ikea Deutschland: “Absolute Flexibilität, körperlicher Einsatz bis zur Erschöpfung, Krankheit wird als Störung im Menschen kaum akzeptiert. Ikea nach außen ist sehr, sehr freundlich, nach innen völlig anders. Da sind wir fast schon wieder im Frühkapitalismus angelangt.” Solche unverschämte Kritik von Gewerkschaftern umgeht man am besten durch den Einsatz von Leiharbeit: Im Mai 2011  wurde IKEA Wallau bestreikt,  weil dort seit mehreren Jahren mehr als 40 Leiharbeiter arbeiten, die bis zu 5 Euro weniger pro Stunde bekommen als die Festangestellten. Andererseits könnte der Terrorist auch aus einem der Länder kommen, in denen die Sachen produziert werden. Inzwischen greift IKEA aus ethischen Erwägungen nicht mehr auf Kinderarbeit zurück, sondern auf nur auf schlecht bezahlte Erwachsene, die unter problematischen Arbeitsbedingungen arbeiten. So starben in der Türkei vor ein paar Jahren etliche Leute, die die schönen Kissenbezüge herstellen.. Die Leute streikten 180 Tage vor der Fabrik. Aber wer von denen käme deswegen schon hier her, nur um in der Dresdner Küchenabteilung was hochgehen zu lassen? Steckt vielleicht  ein Insider hinter den Anschlägen? Einer  aus der bis vor kurzem unbekannten Lichtensteiner Stiftung Interogo , die seit 1989 von der Familie des Firmengründers kontrolliert wird und in die 3% aller Umsätze der Warenhäuser steuerfrei hineinfliessen (100 Mrd. sKr., Eigenkapital).

Vielleicht hat auch einer aus der Gründerfamilie denjenigen welcher beauftragt. Einer, der dem 85jährigen Ikea-Gründer Kamprad den 11. Rang in der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt neidet (geschätzte 23 Milliarden Dollar Vermögen ) , obwohl dieser ein edler, aber bescheiden gebliebener Greis ist, der auf IKEA-Kundenkarte Gratiskaffee verzehrt und vom schwedischen Sozialstaat eine Alterspension erhält?  Die “Neue Züricher Zeitung” kommentiert die Person des “legendären Firmenggründers” verständnisvoll:   ”Nach schwedischem Recht ist Steuerplanung kein Tatbestand, aber moralisch verpönt, obwohl die meisten Firmen und Privatpersonen versuchen, den Steuerdruck zu minimieren. Dass Kamprad lieber Geld einnimmt als ausgibt, ist nicht neu. In den siebziger Jahren zog er ins waadtländische Epalinges, um Schwedens gierigem Fiskus zu entkommen. Für Schlagzeilen sorgt auch, dass er den Kontakt zur Steuerbehörde minimiert hat, aber eine Monatsrente bezieht. Dass er einst in die Staatskasse einbezahlt hatte und  ein Recht auf Alterspension hat, wurde übersehen. ” Ja, so ist das mit “Steuerplanung” und “Alterspension”-der Millardär hats schwör wie der kleine Mann von nebenan gegenüber dem “gierigen Fiskus”…

Aber ich vermute: die Anschläge verfolgen überhaupt kein fiskalisches oder politische Motiv. Derjenige welcher den Sprengsatz hochgehen ließ in der IKEA Küchenabteilung in Dresden, in der Stadt, wo schon so viel gesprengt wurde – 1954 unter dem Unrechtsregime  die Johanneskirche , 2008 unter der legitim gewählten Stadtregierung die alte Eishalle- wollte vielleicht einfach ein Fanal setzen gegen die beliebte Küchenserie Faktum. Sie existiert in unendlich vielen Formen und alle sehen gleich aus und alle sind aus Birkenfurnier und kosten unterschiedlich viel.

Dies ist die normative Kraft des Faktischen. “Wie lang soll der Wahnsinn noch andauern?” Ewig. Reich mir mal das Reich rüber, nee, den Rettich.


In der Bibliothek, neben der Kaffee-Theke

Eine Szene mit Brille, Glatze und viel Zucker (basierend auf wahren Begebenheiten).

Dramatis personae:
Glatze = Ein melancholischer langwüchsiger ewiger Student mit Glatze und einem eher abwesenden Gesichtsausdruck.
Brille = Ein lebensfreudiger, Optimismus ausstrahlender asiatischer Streber-Student.

GLATZE (kommt mit einer Tasse Kaffee und einer silbernen Zuckerbüchse, von der Kaffee-Theke geborgen)

BRILLE: Ach! Du – hier? Lange nicht gesehen! Und, wie?

GLATZE: Ach, alles depri, alles Scheisse… (streut sich Zucker Löffel für Löffel in die Tasse)

BRILLE: Was ist? Die Arbeit?

GLATZE: Was, welche Arbeit? Nein, ich habe Schluss gemacht… (streut sich Zucker Löffel für Löffel in die Tasse)

BRILLE: Mit der Arbeit?

GLATZE: Quatsch. Mit meiner Freundin. (streut sich Zucker Löffel für Löffel in die Tasse)

BRILLE: Stop stop! Was machst du? Soviel Zucker in den Kaffee!?

GLATZE: Naja, ich möchte auch was von Zucker in meinem Kaffee haben.

BRILLE: Aber soviel! Du hast jetzt drin so circa 10 Löffel in Deinem Kaffee.

GLATZE: Da hast du wiederum recht. (Schaut verdutzt in die Tasse hinein). Was mache ich jetzt? (Löffelt löffelnd mit dem Löffel in der Tasse, dann legt den mit Kaffee tröpfelnden Löffel zurück in die Zuckerdose und beobachtet, wie das Weisse des Zuckers um den Löffel herum langsam braun wird)

BRILLE: Was machst du da? Warte mal (schnappt den koffeinisierten Löffel aus der Zuckerdose weg, nimmt die Zuckerdose, stellt sie zurück auf den Tresen und bringt einen neuen Löffel). Da: nimm den da.

GLATZE: Oh, danke danke. (Löffelt im überzuckerten Kaffee mit dem sauberen Löffel weiter). Echt Scheisse so was…

BRILLE: Na, erzähle, was is’n los?

GLATZE: Naja, ich habe ein Mädchen kennengelernt.

BRILLE: Echt jetzt? DU? Das ist ja super!

GLATZE: Nana, nichts ist super, alles ist Scheisse. Ich versteh’s nicht…

BRILLE: Und was ist passiert?

GLATZE: Naja, sie hat Schluss mit mir gemacht.

BRILLE: Oh… Das tut mir leid.

GLATZE: Mir auch ja… Vor allem, ich habe erst heute erfahren, dass sie am 17. August Schluss mit mir gemacht hat… Also vor einem ganzen Monat!

BRILLE: Ach, lass es. Passiert’s eben. Konzentriere dich besser auf dein Studium.

GLATZE: Da hast du wiederum recht… (trinkt Kaffee) Mann, so viel Zucker drin… Aber trotzdem, einen Monat lang nichts darüber zu wissen… zu denken, dass alles OK ist…

BRILLE: Und wie hast du sie kennengelernt?

GLATZE: Naja, im Netz.

BRILLE: Ach! Im Netz! Das kannst Du gleich vergessen. Diese Bekanntschaften enden immer so.

GLATZE: Aber sie war so nett. Sie hat mich auch gemocht.

BRILLE: Und wie lang seit Ihr zusammen gewesen?

GLATZE: Naja, so… drei Monate ungefähr.

BRILLE: Wohnt sie hier?

GLATZE: Nein, in Hannover.

BRILLE: In HANNOVER? Seid ihr eigentlich zusammen gewesen?

GLATZE: Ja natürlich. Ich meine… Nein, eher nicht.

BRILLE: Habt Ihr euch jemals gesehen?

GLATZE: Naja, sie hat mir mal eine MMS mit ihrem Foto geschickt. Wart mal (sucht überall nach seinem Handy)

BRILLE: Nein, danke, ich möchte nicht deine privaten Mails…

GLATZE: Ach komm, sie ist wunderhübsch…

BRILLE: Lass es. Du findest hier auch ein anderes nettes Mädchen.

GLATZE: Da hast du wiederum recht… (trinkt Kaffee) Aber die anderen sind nicht so nett wie sie. Wart mal (sucht überall nach seinem Handy).

BRILLE: Hör mal, wozu brauchst du überhaupt Frauen jetzt? Du muss dich auf das Studium konzentrieren. Das ist jetzt das wichtigste. Du muss mit der Uni fertig werden. Und erst danach mit Frauen.

GLATZE: Da hast du wiederum recht… (trinkt Kaffee) Aber sie hat wirklich erst jetzt… (korrigiert sich) Ich habe erst jetzt die SMS entdeckt, dass es aus ist. Vom 17. August, da hat sie es geschickt – vor einem Monat! Ich hab’s erst vorhin gelesen. Warte mal (sucht nach dem Handy)

BRILLE: Du, ich muss langsam weiterziehen. Machs gut, ne! (ab)

GLATZE: OK, man sieht sich. (Gibt seine Suche nach dem Handy auf und trinkt den überzuckerten Kaffee).

Irgendwo klingelt’s. Eine SMS?

Vorhang.

Beobachtet am 2007.09.21. um 17:58:01 in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main


Medienkompass – Utopien und Ehrungen

Kürzlich stellte eine hochgeehrte, global aktive Institution einer technisch-administrativen Ereignisfolge mit globaler Wirkung die Absolution. Das wäre nun nicht weiter bemerkenswert, wäre diese Institution nicht vor Jahren mit höchster Ehrung, dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Und würde sich mit ihr nicht eine besondere, doppelschneidige Utopie verbinden, die mehrere blinde Flecken hat. Die Rede ist von der IAEA, der “Internationalen Atomenergie-Organisation“.

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Sie veröffentlichte vor Tagen ihren Bericht zur 3fach-Kernschmelze in Japan – und fand dort alles wunderbar. Selbst das Handelsblatt, kein ausgemachter Kernkraftgegner kommentiert: “Abstrus wird der Bericht der IAEA aber an der Stelle, wo deren Inspektoren den Umgang der japanischen Regierung und TEPCO mit der Krise als “beispielhaft” loben. Wer mit unabhängigen Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen spricht, wer einfach nur seine Augen aufmacht, weiß es besser.

Die IAEA hatte auch immer eine doppelte Utopie: runter mit den Kernwaffen, und hoch mit der Kernenergie. Dass das eine mit dem anderen nicht so recht zusammengeht, und das Runter mit den Kernwaffen für manche in der Welt quasi automatisch nicht gilt, ist die eine Sache. Dass aber Verdeckungsstrategien der IAEA selbst eine allgemeine Erhöhung von Gefahren der Kernenergie (incl. Waffen) mit sich bringen die andere. Fazit: fragwürdiger Friedensnobelpreis.

Gleiches kann man von einem anderen Empfänger dieser Ehrung behaupten, der mit einer Utopie (“Yes we  can”) antrat und dem das Nobel-Komitee quasi als Utopie-Verstärker beisprang: Friedensnobelpreisträger US-Präsident Obama.

Jedoch, aus der Utopie wurde nichts, im Gegenteil, die Verleihung unterfütterte den Papiertiger als solchen noch. Nicht nur, dass er die selbst erzeugten heren Ziele faktisch völlig verfehlte (um nur Finanzmarktschwächung, Kriegsgebaren, Ökologie oder innere Sicherheit zu nennen), raubte er einer vorher aktiven zivilgesellschaftlichen Bewegung noch die Kraft. Denn das “Yes we  can” setzte sich im Verlaufe parlamentarischen Scheiterns fort in ein zivilgesellschaftliches “We can´t”. Ausser auf der ultrakonservativen Seite.

Die Mobilisierung parlamentarischer Utopie führte leider zu einer politischen Demobilisierung und dem Abbruch utopischer Gedanken. Ein trauriges Resultat, das sich nicht allein durch republikanische Widerstände rechtfertigen lässt.

Nicht vom Nobelkomitee geehrt wurde Daniel Ellsberg, dem Leak und Verräter der “Pentagon-Papiere” zum Vietnamkrieg, die jetzt nach 40 Jahren endlich völlig freigegeben wurden. Sie hatten eine starke Wirkung für den innenpolitischen Druck auf das Ende des Krieges und offenbarten die jahrzehntelange Lügenpolitik der US-Regierungen.

Bradley_Manning_2

Der immer noch politisch aktive Utopist Ellsberg landete unter dem Regime des halbkriminellen US-Präsidenten Nixon nicht im Knast, während unter der utopischen Lichtgestalt Obama der Leak Bradley Mannig (Wikileaks) unter folterartigen Bedingungen seit über einem Jahr im Knast vegetieren muß. Die demokratische Regierung hat damit offensichtlich kein Problem.

Es scheint, dass eine geehrte Institutionalisierung der Utopien allein eher kontraproduktiv für diese wirkt. Auch eine Lehre der gegenwärtigen Medienwelt.


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