Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Utopien und Ehrungen

Kürzlich stellte eine hochgeehrte, global aktive Institution einer technisch-administrativen Ereignisfolge mit globaler Wirkung die Absolution. Das wäre nun nicht weiter bemerkenswert, wäre diese Institution nicht vor Jahren mit höchster Ehrung, dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Und würde sich mit ihr nicht eine besondere, doppelschneidige Utopie verbinden, die mehrere blinde Flecken hat. Die Rede ist von der IAEA, der “Internationalen Atomenergie-Organisation“.

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Sie veröffentlichte vor Tagen ihren Bericht zur 3fach-Kernschmelze in Japan – und fand dort alles wunderbar. Selbst das Handelsblatt, kein ausgemachter Kernkraftgegner kommentiert: “Abstrus wird der Bericht der IAEA aber an der Stelle, wo deren Inspektoren den Umgang der japanischen Regierung und TEPCO mit der Krise als “beispielhaft” loben. Wer mit unabhängigen Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen spricht, wer einfach nur seine Augen aufmacht, weiß es besser.

Die IAEA hatte auch immer eine doppelte Utopie: runter mit den Kernwaffen, und hoch mit der Kernenergie. Dass das eine mit dem anderen nicht so recht zusammengeht, und das Runter mit den Kernwaffen für manche in der Welt quasi automatisch nicht gilt, ist die eine Sache. Dass aber Verdeckungsstrategien der IAEA selbst eine allgemeine Erhöhung von Gefahren der Kernenergie (incl. Waffen) mit sich bringen die andere. Fazit: fragwürdiger Friedensnobelpreis.

Gleiches kann man von einem anderen Empfänger dieser Ehrung behaupten, der mit einer Utopie (“Yes we  can”) antrat und dem das Nobel-Komitee quasi als Utopie-Verstärker beisprang: Friedensnobelpreisträger US-Präsident Obama.

Jedoch, aus der Utopie wurde nichts, im Gegenteil, die Verleihung unterfütterte den Papiertiger als solchen noch. Nicht nur, dass er die selbst erzeugten heren Ziele faktisch völlig verfehlte (um nur Finanzmarktschwächung, Kriegsgebaren, Ökologie oder innere Sicherheit zu nennen), raubte er einer vorher aktiven zivilgesellschaftlichen Bewegung noch die Kraft. Denn das “Yes we  can” setzte sich im Verlaufe parlamentarischen Scheiterns fort in ein zivilgesellschaftliches “We can´t”. Ausser auf der ultrakonservativen Seite.

Die Mobilisierung parlamentarischer Utopie führte leider zu einer politischen Demobilisierung und dem Abbruch utopischer Gedanken. Ein trauriges Resultat, das sich nicht allein durch republikanische Widerstände rechtfertigen lässt.

Nicht vom Nobelkomitee geehrt wurde Daniel Ellsberg, dem Leak und Verräter der “Pentagon-Papiere” zum Vietnamkrieg, die jetzt nach 40 Jahren endlich völlig freigegeben wurden. Sie hatten eine starke Wirkung für den innenpolitischen Druck auf das Ende des Krieges und offenbarten die jahrzehntelange Lügenpolitik der US-Regierungen.

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Der immer noch politisch aktive Utopist Ellsberg landete unter dem Regime des halbkriminellen US-Präsidenten Nixon nicht im Knast, während unter der utopischen Lichtgestalt Obama der Leak Bradley Mannig (Wikileaks) unter folterartigen Bedingungen seit über einem Jahr im Knast vegetieren muß. Die demokratische Regierung hat damit offensichtlich kein Problem.

Es scheint, dass eine geehrte Institutionalisierung der Utopien allein eher kontraproduktiv für diese wirkt. Auch eine Lehre der gegenwärtigen Medienwelt.


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