Frankfurter Gemeine Zeitung

Altstadt besetzt! GO-In im geplanten Museumsdorf

Der Aktionstag am Samstag, den 11. Juni führte auch zu einer kleinen Besetzung der “Platte” am Römer, dem Rest des Technischen Rathauses. Das Statement der Besetzer zur Aktion dokumentieren wir im folgenden.

Heute entern wir die Betonplatte des ehemaligen Technischen Rathauses, um deutlich zu machen, dass wir mit der städtischen Planung dieses Altstadtareals nicht einverstanden sind. Statt innerstädtisches Wohnen und Leben für alle zu ermöglichen soll hier „hochpreisiger“ Wohnraum entstehen – und sicherstellt werden, dass sozial Schwachen, sowie nicht in den Flair des neuen Innenstadtviertels passenden Menschen das Wohnen hier unmöglich ist.

Statt den durch den Abriss des Technischen Rathauses freigewordenen Raum für alle zu öffnen, soll er wie es heißt „kleinteilig“ bebaut, aber trotzdem wieder zu betoniert werden. Ruhezonen und für alle gleichermaßen nutzbarer öffentlicher Raum wie der Archäologische Garten verschwinden im Schatten einer konsumfreundlichen Überbauung.

Mit dieser Aktion kündigen wir unseren Widerstand an. Wir protestieren gegen die Privatisierung öffentlichen Raumes und gegen eine Stadtplanung, die sich nicht an den Bedürfnissen aller in der Stadt lebenden Menschen orientiert.

IMG_0278
Frankfurt als Finanzmetropole soll einladend sein für kapitalträchtige Firmen und globale Institutionen. Für deren Ansiedlung wirbt die Stadt mit Museumsufer und dem geplanten „Kulturcampus“ – weil „Kultur“, „Lifestyle“, aber eben auch wie im Falle der Altstadt „Lokalkolorit“ das Geschäft erst rund machen. Wer mit dieser Kultur und diesen Geschäften nichts am Hut hat, wird ausgeladen und beiseite geschoben.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ob die Planung der Altstadt und die preisgekrönten Entwürfe gefallen, ist deswegen nicht in erster Linie Gegenstand unserer Kritik. Sicher, es wird X verschiedene Ansichten geben, was „schön“ wäre dort zu bauen. Aber deutlich ist, dass dort für eine Klientel gebaut wird, zu der nicht nur wir, sondern die meisten Menschen NICHT gehören. Deswegen beteiligen wir uns mit unserer Raumnahme am stadtweiten Aktionstag des Netzwerkes „Wem gehört die Stadt?“. Unsere Intervention und dieser Aktionstag kündigen dem schwarzgrünen Magistrat und den mitmachenden Parteien an: Wir lassen nicht mehr zu, dass über uns hinweg geplant und gebaut wird.

Gegen die Privatisierung öffentlichen Raums!

Wir stellen die Frage „Wem gehört die Stadt?“ – je nach Klassenlage, Einkommen und Interesse fällt die Antwort unterschiedlich aus. Die Stadt gehört allen oder niemandem, könnte – und sollte – die Antwort sein. Insbesondere müsste sie denen gehören, die darin leben wollen. Doch das sieht weder die politische noch die kapitalistische Eigentumsordnung vor. Die macht Wohnen zur Ware und innerstädtisches Leben zum Privileg einiger Weniger (nämlich derer, die sich zukünftig das teure Wohnen in der Innenstadt leisten können). Kreativität wird zum Standortvorteil – solange sie die Ordnung nicht gefährdet. Deswegen wird der innerstädtische Raum so gestaltet, dass er nur für diejenigen nutzbar ist, die am Glamour und Konsum teilhaben können. Für alle anderen sind Polizei und die Armada von Securityfirmen zuständig.

Baulücke statt Gedächtnislücke

Bezüglich der Frankfurter Altstadt mischen sich diesem Verwertungsprozess explizit geschichtsrevisionistische Positionen bei: Immer offener wird aus der sogenannten Mitte der bürgerlichen Gesellschaft aus den Bombenangriffen der Alliierten, die ein Schritt zur Befreiung vom Faschismus waren, eine deutsche Opferrolle konstruiert und die deutsche Schuld relativiert.

So trauert man um die schöne, jetzt aber zerstörte Altstadt Frankfurts und das Ambiente, das mit ihr verloren ging. In diesen Chor reiht sich nun auch die Stadt Frankfurt mit ihren Plänen zum Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt, „wie sie früher war“ ein.

Der tatsächlich-historische Flair der einmal existierenden Altstadt, allerdings war alles andere als romantisch. Eingepfercht zwischen Römer und Dom vegetierten tausende Menschen in dunklen, viel zu kleinen Wohnungen unter schlimmsten sanitären Verhältnissen. Wer will so was wieder haben? Niemand – auch die Stadtregierung nicht. Insbesondere nicht in der Form, dass die damals dort lebende Bevölkerungsschicht wieder in der Innenstadt leben könnte. Es geht lediglich um die Fassade, um das Image einer Stadt mit Geschichte – die aber mit den Menschen, den Protagonisten dieser Geschichte nichts zu tun haben will. Von denen darf da niemand wohnen: Es kann sich nur leisten, wer in der neudefinierten Klasse der „Leistungsträger“ beheimatet ist.

Wohnraum darf keine Ware sein, Stadt darf keine Ware sein!

Wir wollen, dass nicht die soziale Herkunft oder die Hautfarbe darüber entscheidet, wer eine Wohnung in der Stadt bekommt. Wir wollen uns unkontrolliert und nach eigenem Belieben überall bewegen können. Wir wollen eine Stadt, in der das Wohnen ein bedingungsloses Recht aller ist, egal in welche Kategorie von »Nützlichkeit« sie gesteckt werden. Völlig egal, welche materiellen Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.

AG MUT ZUR LÜCKE


Ein Kommentar zu “Altstadt besetzt! GO-In im geplanten Museumsdorf”

  1. Merzmensch

    Das stimmt. Frankfurt darf nicht zu einer Festung der Geldinhaber werden. Denn die soziale Komponente wird in diesem Fall entfallen. Und kulturell wird Frankfurt zu Börsenmakler-Motivationsplakaten verkommen. Denn keine Originalität und Kreativität wird hier herrschen, sondern nur das, was von Pecunia-Fetischisten bezahlt wird.

    Das wird aber nicht passieren. Oh nein…

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.