Frankfurter Gemeine Zeitung

Alptraum Europa

Klassenkampf aus höchstem Niveau. Schuldenbremse und Wettbewerbsfähigkeit die Kampfbegriffe. Mittelschicht-Chauvinismus für den >>kalten<< Bürgerkrieg. Der vordergründig lokale Charakter der Ereignisse.

Was derzeit in Griechenland abläuft, ist ein Vorgeschmack auf unser aller nächste Zukunft. Auf Kosten der griechischen Bevölkerung oder doch zumindest der überwiegenden Mehrheit wird geprobt, was demnächst Spaniern, Portugiesen, im nächsten Schritt Italienern und Belgiern angedeihen wird und dort reibungslos funktionieren soll. Man will die Finanzmärkte ja wohl gesonnen.

Und unter Federführung der „Rating-Clowns“ (Financial Times D) wird an den Fortsetzungen schon gearbeitet (wie auch die vermeintliche Drohung in Richtung USA unmissverständlich klar machen sollte).

In beeindruckendem Gleichschritt marschieren Europas Wahlvölker mit dem Kapital. Wohin man schaut, recht „alternativlos“ werden überall die an die Macht gespült, die ankündigen, noch härter gegen die Lebensgrundlagen der (eigenen) Völker vorzugehen. Kein chauvinistisches Argument ist zu billig, keine Unwahrheit zu abstrus (in vorderster Front: Frau Merkel. Man denke nur an die Urlaubszeiten und das Rentenalter), die Sandkasten-Heinis der FDP schäumen bereits vor Begeisterung (das spitzbübische Lächeln, wenn Rösler von ‚Hausaufgaben’ spricht, kennt er nämlich noch).

Im Gegensatz zu Libyen und Syrien werden hiesige Kollateralschäden wohl äusserst dezent entsorgt werden.

In Irland und Großbritannien werden die „Einschnitte“ mittelfristig wirksam, Griechenland stellt das Übungs-Areal für höhere Effizienz dar, die Spielwiese, wie weit man es treiben kann, ohne anhaltende Verzweiflungs-Revolten zu riskieren (das deutsche Fernsehen schwärmt schon vom griechischen Sommer) – dies wäre dann ein ideales Exerzierfeld für die neue Bundeswehr (natürlich mit breitem Bundestags-Mandat).

Es ist ein subkutaner (er ist unter der Oberfläche erklärt und wird auch so geführt) Krieg, den wir mitführen, die EU lüftet die Maske, der Alptraum wird zur alltäglichen Gewissheit. Der europäische Neo-Feudalismus feiert seinen „Wiener Kongreß“.

Wettbewerbsfähigkeit

Zielstrebig und ohne grosse Aufmerksamkeit zu erheischen, haben die Strategen der Zukunft, die viele noch für gewählte Repräsentanten halten, ein Instrumentarium entwickelt und zusammen gestellt, das Parlamente zu Talk-Shows stutzt und Wahlen auf das Niveau von DSDS gerade rückt.

Sie nennen es „Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit“ und meinen es auch so, denn darauf beschränkt sich künftig die „öffentliche Hand“ und die Zuständigkeit der gewählten Gremien, insbesondere ihre „Haushalts-Autonomie“ (einmal Haushalt einmal Ökonomie, interessant diese Unterscheidung). Dies spiegelt sich wider in der deutschen „Schuldenbremse“, die zum Verfassungsgut verklärt, noch jeden Spielraum zunichte und aufhebbar macht (was in NRW bereits durchexerziert wurde).

Der breite Angriff, die strategische – vornehmlich iuristische – Absicherung ist nun keine Verschwörung geheimnisvoller Logenbrüder, das ist Klassenkampf auf höchstem Niveau. Wer in den Parlamenten nach Gegenkräften zu suchen beabsichtigt, wird ein starke Leuchtquelle brauchen, nur um völlig frustriert aufzugeben.

Medialer Gleichschritt

Die mediale Gleichförmigkeit der Berichterstattung ist beispiellos und hat derartige Ausmasse angenommen, von denen ein Herr Goebbels nur in seinen allerkühnsten Momenten träumen konnte. Unablässig wird auf die Schädel eingehämmert, bis nur noch Brei in den Hirnschalen schwappt. Ein Furz von Rating-Agenturen wie Standard & Poor und der Gestank dringt umgehend in den letzten Winkel.

Die in Reaktion auf diese „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ entstehenden Bewegungen werden sozial-psychologisch in leicht vulgarisiertem Ton denunziert oder als „Facebook-Generation“ in die Spiele- und Freizeit-Ecke geschubst. So soll verhindert werden, dass Alternativen möglich und lebbar erscheinen, bevor sie überhaupt über den Platz hinaus sich entfalten können (und auch die Plätze sind zeitlich limitiert, so z.B. in Barcelona, wo geräumt werden sollte, damit der Fußballklub seinen Sieg feiern kann). Angesichts dieser Lage wird es nur allzu verständlich, dass ein solche Journaille riskiert, eins auf die Mütze zu bekommen, sieht man sich dieser Verachtung ausgesetzt. Permanent und in wahrhaft schillernden Varianten wird hergebetet, dass man privaten Gläubigern um Himmels willen die Pistole nicht auf die Brust setzen darf. Das versteht jeder, also nicht der Oma den Sparstrumpf wegnehmen. Den Griechen bleibt die Sonne und die Akropolis (noch), die Inseln werden sie wohl verkaufen müssen.

In Spanien werden zentrale Plätze besetzt, in Athen das Parlament belagert und in Deutschland auf Facebook gejubelt. Klar, „Hunger“-Revolten finden dort statt, wo es nicht mehr genug zu beißen gibt, aber dieser Klassenkampf ist kein lokales Phänomen (war Klassenkampf auch nie, der Stand der technischen Entwicklung begrenzte die kurzfristigen Wirkungen).

Überall scheint das Feld von der Linken geräumt und so spielt sie auch nur eine höchst marginale Rolle. >>Solidarität<< das hört man vom grinsenden Rösler, in dem Moment, in dem er das genaue Gegenteil versucht mehrheitsfähig zu machen. Die Grünen jubeln über ihre historischen Ereignisse, damit alles so bleibt wie sie es gerne geniessen.

Pareto-Gleichgewicht?

Der gute Herr Pareto hat dereinst postuliert, dass ein System dann effizient funktioniert, wenn die Lage eines Teils nicht verbessert werden kann, ohne dass dies auf Kosten eines anderen geht.

Dieses >>Gesetz<<, dem Betriebswirtschaftler huldigen, ist absolut gleichgültig gegenüber denjenigen, auf deren Kosten es angewandt wird. Gebe ich einem Hartz IVler 1 EUR mehr, und verliert der Millionär einen Euro und 10 Cent, wo bleibt dann die Gerechtigkeit?

Nimmt man dagegen einen Standpunkt ein, der das System von aussen betrachtet – und nur dann – könnte man meinen, ein solches System tauge wenig für die Überwindung gegenwärtiger Probleme. Eine Effizienzsteigerung ist nutzlos, da sie nur die Gewichtung innerhalb das Systems verschiebt. Folglich bleibt in diesem ideologischen Krieg eine derartige Betrachtung ausgeschlossen. Nicht geregelt ist die Machtfrage und nicht geregelt die Verteilungsansprüche. So läuft es unter den Bedingungen des effizienten Systems auf den Kampf jeder gegen jeden hinaus. Natürlich sind kleine kosmetische Korrekturen in Form von Almosen etwa möglich und erwünscht (s. Bill & Melinda Gates Foundation). Wie das im Einzelnen aussieht, das kann man sich morgen in Griechenland ansehen. Es ist eine Reise wert.

Die herrschende Klasse heute ist grundsätzlich heimatlos, sie eignet sich einfach alles an, was ihr begehrenswert erscheint. Dazu richtet sie alles, was die anderen als Heimat akzeptieren müssen, so her, wie sie es braucht. Letztere müssen einsehen, dass es ihnen – innerhalb des Systems – nicht gelingen wird, dieser Zurichtung zu entgehen. Schon deshalb sind Konflikte in Madrid und Athen keine nur lokalen Angelegenheiten. Ein kurzer Blick auf die Statistiken lässt dies mehr als deutlich werden.

Eine Frage der Zeit, dass sich das Akkumulationsregime seinen nächsten Ort sucht. Der Ort, sich Räume wieder anzueignen, ist dabei sicherlich nicht in Facebook zu finden.


“Die Drei von der Beratungsstelle”- Ein Freud-Musical (1)

drei Beratungsstelle
v.l.nach r. : Sigmund Freud, Alfred Adler, C.G. Jung

Sprecher: Sigmund Freuds Erfahrungen mit der Hypnose und die Frühzeit der Psychoanalyse gingen ein in den berühmten UFA-Film „Die drei von der Beratungstelle“ von 1931. Die Handlung beginnt damit, daß die drei Nachwuchsmediziner Sigmund Freud

Freud: Es hat mich sehr gefreut!

Sprecher: C.G. Jung

Jung: So jung komm mer nimmer zusammen!

Sprecher: und Alfred Adler

Adler: Gott, bin ich heut wieder nervös!

Sprecher: von Bankrott und Approbationsentzug bedroht sind.

(sie fangen an zu singen)


 

Freud: Kuckuck, Kuckuck

Jung: ruft’s aus dem Wald

Adler: Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher

geh’n se weg, sie finden nichts bei mir

Freud: Kuckuck, Kuckuck

Alle: ruft’s aus dem Wald ach so bald

Freud: Bald wird uns die Stunde schlagen

wo wir nicht mehr Smoking tragen

ach, wie wird’s uns da zumut

Jung: Polo spielen, Austern essen

alles müssen wir vergessen

ach, wie weh doch sowas tut

Adler: Wir hatten Gut und Geld und Tausenderlei

nun ist das schöne Leben vorbei

Freud: statt Whiskey gibt’s jetzt Limonade

Jung: und statt Kaviar Marmelade

Adler: großer Gott

Alle: wir sind bankrott

Alle: Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher

geh’n se weg, sie finden nichts bei mir

Jung: Kuckuck, Kuckuck

Freud: ruft’s aus dem Wald

Ade, geliebtes Canape

wer weiss, wann ich dich wiederseh’

Jung: Ade, geliebter Silberschrank

ich denk’ an dich ein Leben lang

Adler: Sie nehmen auch den Teppich mit

wer weiss, wer ihn mit Füßen tritt

Sie lassen nur die Mauern steh’n

Jung: und wir, wir müssen stempeln geh’n

Freud: Süßes Nichtstun, holdes Schlendern

Jung: ach, wir müßen uns verändern

Adler: Fräulein Glück ist mit uns bös’

Freud: Geld allein macht auch nicht glücklich

Jung: aber hat’s man augenblicklich gar kein Geld

Adler: wird man nervös

Freud: Wir haben die Arbeit nur von weitem geseh’n

und auch von weitem

war sie nicht schön

Alle: Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher

geh’n se weg, sie finden nichts bei mir

Kuckuck, Kuckuck

jetzt bleiben wir im Wald! (aus)

Jung: Was machen wir nun?

Adler: Keine Ahnung

Freud: Mir fällt auch nichts ein. Dir?

Jung: Noch weniger als Dir!

Adler: Das ist ja wohl Unsinn! Weniger als nichts ist nicht möglich.

Jung: Das ist sehr wohl möglich.

Adler: Nicht wenn man wissenschaftlich exakt formuliert.

Freud: Moment, ich hab eine Idee!

Adler: Oh, nein, der macht mich nervös mit seinen ständigen Ideen.

Jung: Wieso? Gerade vorhin hatte er doch noch keine!

Freud: Ich habe gerade die Idee, dass wir, also ich : die Psychoanalyse erfinden.

Adler: Ach das. Hat die nicht der Josef Breuer schon erfunden?

Freud: Breuer hat doch keine Ahnung! Der setzt immer noch auf Hypnose, völlig passe! Das ist doch keine Psychoanalyse.

Jung: Aber was ist Psychoanalyse?

Freud: Wir gründen eine Gemeinschaftspraxis für komplizierte Frauen und sie erzählen uns ihre Träume. Dadurch kriegt man raus, warum sie so kompliziert sind.

Jung: Hey, das klingt richtig gut!

Adler: Also, wenn ich ichs mir recht überlege, finde ichs auch nicht übel.

Freud: Also: Hat jemand ein Schild?

Jung: Der Adler hat immer eins bei sich.

Adler: Ja, aber das brauch ich vielleicht noch für was eigenes.

Freud: Her damit! Keine Zeit für Fisematenten, die Lage ist ernst!.

(Adler gibt das Schild. Freud schreibt drauf: „Gemeinschaftspraxis Freud, Jung, Adler.Keine Kassen.“)

Adler: Hmm, Ich frag mich grade, ob wir die Reihenfolge der Namen nicht nach dem Alphabet draufschreiben sollten, das macht man bei Gemeinschaftspraxen glaube ich immer so .

Jung: Jetzt haben wir das Schild schon vollgeschrieben, Adler. Hast Du vielleicht noch eins?

Adler: Nein.

Jung: Na also.

Freud: Also, mir gefällt das Schild. (Freud stellt das Schild auf den Tisch)

Adler: Und jetzt?

Freud: Wir warten auf die erste Patientin.

Es läutet. Auftritt Lilian.


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