Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Verwirrungen des Herrn Wolffsohn – wie man gezielt Unruhe stiftet

Der vermeintliche natürliche Gegensatz – Juden als Feinde der Linken – ein Pharisäer der Mitte – Historiker auch noch

Manchmal befällt mich während einer Lektüre das kalte Grauen. Es fällt mir dann schwer zu glauben, das Geschriebene könne nicht von einem pubertierenden Comedian oder aus der Feder eines esoterischen Verschwörers stammen, der seine Einsichten direkt aus der dunklen Materie zieht.

Nun gibt es aber Themen bei denen stockt mir etwas der Atem, wenn ich auf derartige Beiträge stosse, weil ich denke, dass hier ein Fanatismus tobt, der vor nichts Halt macht, sobald er sich ausleben darf. Dass es dabei auch um so etwas wie intellektuelle Redlichkeit geht, ist momentan durchaus nicht selbstverständlich, wie uns fast täglich vorgelebt wird.

Ein herausragendes Beispiel für das , was am Rande des Erträglichen sich bewegt, hat Herr Wolffsohn (seines Zeichens Professor für neuere Geschichte an der Bundeswehrakademie) in der Financial Times Deutschland abgeliefert, dessen Redlichkeit immer weiter hinter den propagandistischen Zweck zurückfällt.

Nach einer einleitenden und anscheinend relativierenden Schilderung, die umso mehr die Ausweglosigkeit aufzeigt, in der Linke sich befinden müssen, kommt er dann auch zur Sache.

Was bitte, will uns Herr Wolffsohn an die Herzen legen, will er eine weitere grosse Erzählung in Umlauf bringen oder auch nur eine weitere Variante Sarazinscher Denke unter die gesellschaftliche Mitte streuen?

Die Obszönität seiner Argumentation entsetzt, weil er vor keiner Plattheit zurück schreckt, um sein Anliegen unter die Leute zu bringen, es wimmelt vor Pluralen, Paralogismen und ähnlichen Tricks, um den Beweis anzutreten, dass Linke von ihrer ganzen Persönlichkeit Antisemiten sein müssen. Es ist schon fast entschuldigend, aber wer antikapitalistisch eingestellt ist, ist damit zwangsläufig auch Antisemit. Er geht hier einen Schritt weiter als das hinlänglich bekannte Argument, dass Kritik an der israelischen Politik immer antisemitische Beweggründe offenbart. Seine verquaste Weltsicht wird konzentriert in der Gleichung:

Linker = Antisemit

Hierbei geraten ihm jüdische Linke als irgendwie monströse Abweichungen seiner den Juden unterstellten Natur (!), die als statistische Ausrutscher hinzunehmen sind. In einem Atemzug stellt er eine weitere Gleichung auf:

Juden = Kapitalisten

Bitte! Das ist alles nicht auf meinem Mist gewachsen! **

„Die Juden waren und sind – einst, heute und sicher auch morgen – in ihrer großen Mehrheit innerhalb des kapitalistischen Systems aufstiegsorientiert. Sie identifizieren sich mit dem Kern der kapitalistischen Philosophie: Aufstieg durch Leistung und Belohnung von Leistung.

Die Juden haben sich nie mit dem zügellosen Kapitalismus identifiziert und haben ihn durch Liberal-Bürgerrechtliches, Soziales und auch Mäzenatentum gezähmt und abgefedert. Aber die grundsätzliche Identifizierung mit Liberalismus und Kapitalismus lässt sich nicht abstreiten. Sie ist eine Tatsache. Nur im liberal-kapitalistischen System konnten und können sich Juden frei entfalten.“

„Diese (die Linke) versteht sich als die Partei des Proletariats, des “kleinen Mannes” und – politisch korrekt – der “kleinen Frau”. Die Juden sahen und sehen sich als Teil der “Bourgeoisie”.

„Wer nicht antisemitisch sein möchte, hat im Prinzip in der Partei nichts zu suchen.“

Die Katze ist aus dem Sack, so sieht nun mal die Wahrheit aus. Mit diesen Gleichungen – Gleichsetzungen – will er Unvereinbarkeit erzwingen und sagt damit auch gleichzeitig, was nicht denkbar sein darf: linker Jude -> abartig, kapitalistischer Antisemit -> höchst unwahrscheinlich. Zudem spielt er auf der bekannten Klaviatur: nur ganze behutsame Kritik an der offiziellen Politik Israelischer –rechter – Politiker, denn:

„Der jüdische Charakter Israels ist der Linken ein Dorn im Auge. Das ist ideologisch konsequent, denn in der Ideologie der Linken ist – nach guter Tradition von Marx – jede Religion “Opium fürs Volk”.“

Wolffsohn schreckt nicht davor zurück, alles mit allem zu vermengen und daraus abzuleiten, dass die Linken die Fortsetzung der Shoah betreiben, verbunden mit dem Hinweis, dass auch die Araber kein friedliches Miteinander wollten (man beachte die Verwendung von DIE Juden, DIE Araber, DIE Linken). Dabei sind es Demagogen seines Schlages, die am meisten dafür tun, dass Ressentiments nicht aussterben wollen. Auf bestem Boulevard-Niveau platziert er seine Argumente. So finden wir ihn denn auch in den besten schrecklichen Traditionen reaktionärer Christen, Hindus und Moslems mit seiner „natürlichen“ Herleitung des Antisemitismus DER Linken. Links gleich Rechtsaussen, das haben wir schon immer gewusst.

Wolffsohn zeigt sich hier als wahrer Extremist der Mitte. Ein wahrhaft alttestamentarischer Krieger der freien Marktwirtschaft.

Wem nun gilt seine Warnung? Warnt er die Juden vor den Linken oder umgekehrt?

Linke, Salafisten, Moslembrüder, Al Kaida Arian Nation, NPD, lediglich verschiedene Bezeichnungen der gleichen Sache.

Dieser Rassismus der Wohlanständigen denunziert sich allein und doch ist er erschreckend in seiner – hier bestens exerzierten- Maßlosigkeit. Kommunisten als Opfer im KZ? Pah, Gegenstand von Fraktionskämpfen des antisemitischen Lagers. Bravo, Herr Wolffsohn, mit dieser Art Revisionismus treffen sie sich mit David Irving (auch Historiker).

Die Absicht derartiger Argumentationslinien liegt im Ausschluss des beschriebenen Objekts. Es geht nicht mehr darum, Erscheinungen zu problematisieren, Tendenzen aufzuzeigen und abzuwehren, vielleicht eine Introspektion zu induzieren, Ängste kennen zu lernen und auf sie einzugehen – und genau das nutzt Wolffsohn – es geht darum, Linke ein für alle Mal aus der Zivilisation zu verbannen.

Deshalb formuliert er seine Axiome . Dass er versucht, sie mit plausiblen Anekdoten zu bebildern, mag seinen Neigungen entsprechen und ein Entgegenkommen an Lesegewohnheiten sein, Zeitgeist halt.

Und so bleibt nur der „Gott-sei-bei-uns“, wenn so ein finstrer linker Gesell in der Nähe vermutet wird.

Der souveräne Umgang mit Fakten und logischen Ebenen weist ihn als Angehöriger der neoradikalen Mitte aus, verleiht ihm die nötige Ernsthaftigkeit, die immer dann an den Tag gelegt wird, wenn zu den wahrhaft grossen Erzählungen angesetzt wird.

Bislang galt unumstösslich, dass die freie Marktwirtschaft  automatisch zu erheblichem Wohlstand für alle führt. Dies muss nun erweitert werden: sie schützt auch vor Antisemitismus. Menschliche Tugenden finden sich nur in der Mitte und können nur dort gedeihen. Was nicht zur eigenen Lage gehört und sich nicht aufopferungsvoll in die zugedachte Rolle schickt, ist ein Barbar.

Da diese Einstellung schon in den antiken Zivilisationen zu finden ist, muss sie wahr sein, eine anthroposophische Konstante halt. Und daraus folgt, dass Wolffsohn einfach Recht hat.


4 Kommentare zu “Die Verwirrungen des Herrn Wolffsohn – wie man gezielt Unruhe stiftet”

  1. Florian K.

    Echt gruselig der Herr Wolffsohn, da muss ich Dir Recht geben.

    Was er wohl über die Tatsache denkt, dass sich deutsche Großkapitalisten während des Dritten Reiches an geraubtem jüdischen Vermögen und der Arbeit Hunderttausender jüdischer Zwangsarbeiter bereichert haben?

    Die Gleichsetzung “jüdisch=kapitalistisch” wird auch nicht dadurch weniger toxisch, dass man sie mit positivem Vorzeichen versieht.
    Ob Wolffsohn nicht gemerkt hat, wie sehr er damit selbst antisemitisches Denken verinnerlicht?

  2. Trickster

    Ich nuss zugeben, dass ich mit dem Kommentar recht wenig anfangen kann, denn es fällt mir schwer einzuschätzen, was es bedeutet, dass Wolffsohn “antisemitisches Denken” verinnerlicht habe. Denn darum ging es mir bei der Besprechung seines Textes nicht, er benutzt gängige Krücken, um etwas ganz anderes zu beweisen. Und mir ging es darum, nachzuweisen, dass jedes Mittel recht ist, die gewünschte Position zu legitimieren.
    Na ja, vielleicht muss ich das Ganze umschreiben, damit hier keine derartigen Mißverständnisse weiter transportiert werden.

  3. Florian K.

    Ok… der Kommentar bezog sich darauf, dass Wolffsohn “dem” Juden das Attribut “pro-kapitalistisch” zuordnet.

    Einmal negiert er hiermit die Individualität und Vielfalt jüdischer Menschen und Kultur.

    Zweitens ist die Gleichsetzung “Jude=Kapitalist” ein typisch antisemitisches Denkschema, dass Wolffsohn nicht hinterfragt und entlarvt, sondern nur mit einem anderen Vorzeichen versieht.

  4. Florian K.

    Worauf ich mit dem Kommentar hinauswollte ist, dass auch die positive Besetzung eines rassistischen Klischees nichts am rassistischen bzw. hier antismitischen Charakter des Klischees ändert.

    Ein typisches positiv gemeintes rassistisches Klischee ist beispielsweise “Schwarze haben Rhytmus im Blut”.

    Wenn Wolffsohn eine Zuordnung vornimmt “Jude=Kapitalist” und gleichzeitig die Gleichung aufstellt “Kapitalismus=Positiv” so haben wir hiermit ein Paradebeispiel eines solchen positiv gemeinten und letztlich doch antisemitischen Klischees.

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