Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass – Politische Netze

Die jüngste Zeit machten einige Netzanwendungen Furore, die letztlich nur dem eher unbedarften, phantasielosen oder technooptimistichen Beteiligten wirklich überraschen können. Alle Vorgänge wurden in  den großen Plappermaschinen dokumentiert, mit ein bißchen Ensetzen und ein bißchen Häme.

Zuerst ein eher klandestiner Akt des Speicherns von Verbindungsinformationen aus Handynetzen. Die Anweisung “flächendeckender Handyüberwachung” betraf die Stadt Dresden am 19. Februar dieses Jahres. Die CDU/FDP-Regierung (man lasse sich das Wort “liberal” auf der Zunge zergehen) sah in der Speicherung von über einer Million Gesprächsdaten an einem Tag mit einer Nazi-Demo und einer entsprechenden Gegen-Demo in der Stadt als eine “verhältnissmäßige” polizeiliche Maßnahme.

Man möchte die Anklage von “Landesfriedensbruch” in 23 Fällen sondieren. Aus diesen Rufnummern wurden anhand von Kriterien wie Häufung von Telefonaten und Aufenthalt […] 460 Rufnummern von 406 Personen und Institutionen herausgefiltert. Offensichtlich noch vieles drumherum: mit den Mitteln von Computeralgorithmen lässt sich eine Menge herausholen. Die Dresdener städtische Überwachungs-Maßnahme eines öffentlichen politischen Events bewegt sich zwischen Prävention und Strafverfolgung. Aus ihr lassen sich z. B. Gruppierungen und ihre Aktivitäten vor Ort rastern und leicht die Anklage der “Bildung einer kriminellen Vereinigung” konstruieren – mit erheblichen strafrechtlichen Folgen.

Nun denken wir ein Stück weiter und erinnern an den Artikel “Stadt und Web – schrägere Allianzen“: in ihm wurden  Projekte der automatisch arbeitenden Stadtüberwachung aus Web-Daten dokumentiert, die Krisengebiete vor Ort wirkungsvoller eingrenzt. Nun stelle man sich die Kopplung dieser Programme mit der Handyüberwachung vor, da kommt doch die Videoüberwachung der Stadt fast archaisch daher.

Das politische Geschäft hier nach Art des Geschilderten wird ergänzt durch Eingriffe ins phantasierte Aussen, dem politischen Geschäft dort: bei den gequälten Arabern bloggen sich angeblich Millionen Freiheitskämpfer durch die Strassen, jagen ihre Posts durch die Gassen der Suqs , so dass sie die plumpen Panzer der Herrschenden lähmen und die irritierten Besatzungen mit ihrer Sprechwucht ergreifen.

Ergreifen wollte eine freiheitsliebende lesbische Syrerin das westliche Publikum, ihm den Internet-Traum von virtueller Freiheit präsentieren, den so viele Fans wortreich preisen. Sie schilderte “brutal und ehrlich” (Koch?), dass sie und ihre Mitstreiter alle Aspekte ihrer Gesellschaft revolutionieren wollen.

Da schauerts uns wonnig, wenn man nach dem “Tatort” nochmal solche fernen Wünsche rezipiert. Doch: sie waren ganz nah, das ganze Gesäusel nichts als die Phantasie eines Bloggers von der britischen Insel namens McMaster. Die “junge lesbische Frau aus dem Orient” war sein Avatar, mit dem er bloß der kollektiven Verheißung unserer medialen Politik folgte.

Politische Initiativen als reale Blogger-Soaps, da kann man doch echt noch mitmachen (“Gefällt mir“)

In der geistigen Mitte zwischen den beiden geschilderten Media-Varianten trat der Bayerische Rundfunk zum Beginn der Frauenfußball WM am Sonntag ins Radio-Netz: er verkündete an erster Stelle der Nachrichten, dass in Berlin das Sportevent mit einem christlichen Gottesdienst eingeleitet wurde.

Ob Bibeln vor dem Olympiastadion verteilt wurden oder wir die Predigt nur als Blog auf der Web-Seite der Nationalfrauschaft nachlesen können? Über Informationen wären wir Lesern dankbar!


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