Frankfurter Gemeine Zeitung

Shortcuts I – Stevenson, Chesterton & Hemingway

Zur Urlaubszeit mal einen längeren Text lesen? Dafür bieten wir euch ein paar Besprechungen bemerkenswerter Bücher an.

Robert Louis Stevenson – Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung
In den letzten Jahren erlebt Robert Louis Stevenson auch im deutschen Sprachraum eine Renaissance, oder, um es präziser zu formulieren, eine Neuentdeckung. Eindrucksvoll zeigt sich, daß er viel mehr ist als „nur“ der Autor der Schatzinsel und der Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Vieles wurde erstmals übersetzt, und jedes Buch ist seine Entdeckung wert.

Soeben ist Stevensons Debüt (im Original An Inland Voyage) von 1878 in der Übersetzung von Alexander Pechmann erschienen: Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung. Laut Pechmann „ […] das erste einer Reihe von Reisebüchern Stevensons, die den Humor und den Charme des Debüts aufzugreifen versuchten, ohne allerdings dessen liebenswerte Mischung aus Unbeschwertheit und Melancholie zu erreichen.“ In der Tat, Stevensons Erstling ist von einer erzählerischen Frische, die Herz und Verstand des Lesers aufs Schönste weitet.

Die Erzählung schildert eine Kanufahrt, die er gemeinsam mit einem Freund über Kanäle und kleine Flüsse von Antwerpen bis fast nach Paris unternahm. Stevenson ist Zynismus fremd; mit viel (Selbst-)ironie beschreibt er Menschen und Landschaften aufmerksam und mit fast ethnologischem Blick, einer, der (so scheint es) seinen Montaigne gelesen hat.

Obwohl er [der Reisebericht, J.L.] beinahe zweihundert Seiten umfasst, enthält er keine einzige Bemerkung über den Schwachsinn von Gottes Universum und nicht einmal eine winzige Anmerkung, daß ich ein besseres hätte erschaffen können“, so Stevenson in seinem Vorwort. In das Licht der Flüsse ist der Weg, die Entschleunigung, die Schulung des Blicks im fremden Alltäglichen das Ziel. Eine Lektüre, die Leser zu glücklichen Menschen zu verwandeln mag.

Für Stevenson brachte das Ende seiner kleinen Reise einen Wendepunkt im Leben. Er lernte die große Liebe seines Lebens, seiner spätere Frau, kennen.

Robert Louis Stevenson, Das Licht der Flüsse. Eine Sommererzählung. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Aufbau Verlag, Berlin 2011, 176 Seiten, Ln., 14,95 €

Gilbert Keith Chesterton – Der Mann, der zuviel wusste

Chesterton ist hierzulande vor allem durch seine Father Brown-Erzählungen bekannt, vielen leider nur durch die kastrierten Verfilmungen mit der Schauspielersemmel Heinz Rühmann, die mit den literarischen Vorlagen nicht viel gemein haben. Nun hat man die Gelegenheit, eine andere, diametral erfundene Detektivfigur Chestertons zu entdecken: das Superhirn Horne Fisher. In acht, sich fast zu einem Roman zusammenfügenden Reigen von Erzählungen, fügt sich nach und nach das Porträt eines Menschen, der nicht nur mit einem messerscharfen Verstand geschlagen ist, sondern die Verbrecher aus den höchsten Schichten der Gesellschaft und der Politik nicht ihrer verdienten Strafe zuführen kann. Fisher weiß zu viel, vor allem, daß die Staatsräson diese Menschen vor ihrer zivilrechtlichen Strafe schützt. Der Mann, der zuviel wußte ist ein düsterer, zutiefst pessimistischer Erzählzyklus.

Ernst Bloch, so Elmar Schenkel in seinem fundierten Nachwort, bezeichnete Chesterton als „ein Meister des Paradoxes und einen der gescheitersten Männer, die je gelebt haben’“. Aber auch die gescheitesten Männer haben dunkle Flecken in ihren Überzeugungen. Bei Chesterton war es der Antisemitismus, den Schenkel nicht schönredet, sondern in den Kontext widersprüchlicher politischer Überzeugungen stellt: Einerseits Demokrat, Antiimperialist, Gegner des Burenkriegs, Fürsprecher eines freien Irland auf der eine Seite, rückwärtsgewandter Utopist einer freien bäuerlichen Gesellschaft, Verehrer Mussolinis und Verfechter eines „kleinen“ Großbritannien mit fremden- und antisemitischen Zügen andererseits. 1934, zwei Jahre vor seinem Tod, schien Chesterton sein letzterer Irrweg bewußt geworden sein: Er protestierte entschieden gegen die Judenverfolgung im „Dritten Reich“. Späte Einsicht.

Den Sonderstatus der Geschichten um Horne Fisher schmälert dies jedoch nicht. Mit ihm hat Chesterton, der zur Zeit der Entstehung quasi als antiquierte „Endmoräne“ (Schenkel) des viktorianischen Zeitalters galt, eine nahezu postmoderne Detektivfigur geschaffen. Elmar Schenkel faßt es folgendermaßen zusammen: „In Der Mann, der zuviel wußte jedoch ist die Blindheit das eigentliche Thema, das Wegsehen, Vertuschen und Täuschen, und deshalb wimmelt es hier von Phantasmen und Halluzinationen als Formen der Verdrängung, deshalb ist der Detektiv gar keiner. Vielmehr ist er ein Gefangener seiner Werte, der in einer luxuriösen Wohnung eingesperrt ist. Man kann dieses Buch als Studie über das Nichtsehen lesen, als Geschichten über die Ausbreitung von Blindheit in einer Gesellschaft, dargestellt an einem ihrer scharfsinnigsten Vertreter, den ausgerechnet sein Wissen blendet.

Kein Wunder also, daß ein Jorge Luis Borges oder ein Franz Kafka große Verehrer der Erzählkunst Chestertons waren.

Gilbert Keith Chesterton, Der Mann, der zuviel wußte, Kriminalgeschichten Aus dem Englischen übersetzt von Renate Orth-Guthmann, Nachwort von Elmar Schenkel, Manesse Verlag, Zürich 1011, 349 Seiten, Ln., 19,95 €

Ernest Hemingway – Paris, ein Fest fürs Leben

hemingway im Sommerurlaub

1956 war Hemingway, der zeitlebens Gefahr lief, die Helden seiner Reportagen, Erzählungen und Romane mit sich selbst zu verwechseln, wohl schon leergeschrieben und ausgebrannt. Der coole und aufrechte Mann, als den er sich inszenierte, war einer, der vergeblich mit dem Dämon Alkohol und den Teufeln der Depression kämpfte. Mit seiner vierten Frau kehrte er nach Paris zurück, dorthin, wo seine schriftstellerische Laufbahn begann. Er fand alte, zurückgelassene Koffer wieder, voller Erinnerungen und Manuskripte. Und er begann sein letztes Buch zu schreiben, ein autobiographisches, in dem er die alten Zeiten wiederbeschören wollte. Eine Zeit der Armut; er hatte seine Stelle als Reporter des Toronto Star gekündigt und arbeitete Anfang der zwanziger Jahre an einem ersten Roman und Erzählungen. Vielleicht wollte er über die Imagination wieder zurückfinden zur Frische und Kraft der frühen Jahre. Allein, Paris. Ein Fest fürs Leben wurde nie vollendet und erschien postum in einer Fassung, wie sie Witwen so zusammenstellen.

Jetzt ist in der Übersetzung von Werner Schmitz die rekonstruierte Fassung nebst vielen Outtakes und Varianten erschienen, die versucht, der von Hemingway geplanten Endfassung möglichst nahe zukommen.

Das Buch ist keine durchgehende Erzählung, mehr oder minder lange Geschichten und Portraits bilden einen Erinnerungsreigen. Hemingway gelingen immer noch starke, eindringliche, mitunter gar komische Passagen. Wie die heute kaum vorstellbaren Situation, daß zu dieser Zeit noch ein Hirte seine Ziegen durch Pariser Straßen trieb und ihre Milch quasi vor den Haustüren für die Kunden abzapfte.

Was Hemingway besonders faszinierte war die Kultur der Kaffeehäuser und Bistros. In den einen traf man sich mit Freunden und Kollegen, eines hatte man für sich zum Arbeiten. Bei den Portraits ragt das von F. Scott Fitzgerald heraus, den Unglücklichen ­- ein Säufer, der keinen Alkohol vertrug. Und den die paranoide Frau vom Arbeiten „abhielt“. Der Republikaner Hemingway liebte den späteren Faschisten Ezra Pound derart, daß in seinen Erinnerungen kein Wort über dessen späteres Engagement für Mussolini fällt. Hemingway war und blieb Pound in tiefer Zuneigung verbunden.

Paris. Ein Fest des Lebens ist im Falle seines Autors vieles: Dokument einer unergegangenen Zeit, der Versuch einer Wiedergeburt und Vorbote der finalen Katastrophe von 1961.

Paris. Ein Fest fürs Leben. A moveable Feast. Die Urfassung , Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2011, 316 Seiten, geb., 19,95 €


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