Frankfurter Gemeine Zeitung

Das lidlt sich doch richtig!

Na gut, ich war auch schon im Aldi, wegen des Katzenfutters, des Klopapiers und sonst noch was.

Ausserdem stehen bei allen Aldi-Läden die Katzenfutterdosen gut 10 Meter nach dem Eingang auf der linken Seite, das Klopapier ein Stück dahinter quer und an der Kasse geht es dann ganz fix. Und jetzt noch Bio ohne Ende, dazwischen gelegentlich noch mehr. Der Laden rennt wie Hund, das weiß jeder, auch wenn es in letzter Zeit hierzulande etwas stottert. Fast Exportweltmeister. Ich bin da eigentlich nur zum Üben, falls ich in den laufenden Ereignissen nicht entkommen kann.

Und alle dort sind irgendwie stolz drauf: jeder kann am Bruttosozialprodukt mitarbeiten, überall. Schon wenn man auf den Parkplatz fährt, quasi mechanisch zum Dock für die Einkaufswagen strebt, sich zum Öffnen der Tür andrängelt und wie ferngesteuert durch die wenigen Regalreihen geistert. Rein, packen, raus und ab, wie im automatischen Verladebahnhof.

einkaufswagen

Wirklich volloptimiert also: die Discounter bauen ideale Verwertungsmaschinen, in klein und in groß. Sie rastern sich über das Areal einer Stadt, bestimmen die Wahrnehmung dort und die Wege vieler ihrer Bewohner. Um die 100 Discounter sind es in Frankfurt, für 5000 Erwachsene je einer, aber sensibel sozial verortet: immer an den Stellen, wo die meisten mit weniger Knete als andere wohnen. Und Frankfurts Bewohner sind eh oft ärmer dran als die anderer Städte.

Man findet die Billigparadiese deshalb nicht den Main entlang, obwohl ihr Areal reichen würde, dort groß aufzutreten. Man könnte mit den Frankfurter Märkten zum Beispiel hibbdebach wie dribbdebach vom Osthafen bis zum Hauptbahnhof eine kaum durchdringliche Phalanx von Aldi, Lidl, Netto oder Penny-Märkten plazieren. Welch ein großer Auftritt unserer Lebenswelt! Von schmierigen Schlecker spreche ich dabei noch gar nicht, aber der wollte auch nicht vorne stehen, am schönen Ufer.

Keiner käme dann mehr durch zum Main, doch solche Besetzung unserer schönen Festmeile haben die Schäppchenprofiteure echt nicht nötig: wir selbst wollen, ja müssen hin, egal wo sie auch sind! Und sie funktionieren als eine Tretmühle solcher Art, wie sie sich hinter jedem Büßergang zur Arbeitsagentur verbirgt. Die Ebbe in der Kasse nötigt schlicht zur traurigen Prozedur, hier wie dort, und bei beiden mit bemerkenswerten Folgen. Schauen wir uns die ganze Maschinerie etwas genauer an.

Wie klappt´s bei dem Lidl denn mit den Cashflow? Preise billig, Personal billig, Einkauf billig, Schluß. Das passt wie beim Lackierroboter im Opelwerk! Eins gibt dem andern die Hand: das Personal im Laden kriegt dürren Lohn bei viel Arbeit, die gedrückten Lieferanten fast nix bei billiger Abnahme ihrer Waren. Auf diesem Wege kommen beide gleich vorne als Kunden wieder in den Laden rein: bei so wenig in der Tasche kann man tatsächlich nur dort einkaufen! So flutscht´s am besten. Sogar mit kleinem Konsumglück als Teil des Durchlauferhitzers. Man wartet auf die Angebote, wird durch die bunten Offerten zu mehr Arbeit motiviert: besser das als gar nix. Denn danach kommt nur noch KiK, Ende Fahnenstange.

Als ob das Geschilderte nicht schon genug nach Gelddruckmaschine klänge, bedient vom armen Objekt. Das will noch nicht reichen, es kommt sogar noch das staatliche Zubrot fürs massige Kundenmaterial dazu, die Verwertungsmaschine auf der großen Ebene. Ich meine nicht die Praktikanten und Minijobs, die sich kostenoptimiert in Politikerbüros verdingen und zum Penny müssen. Nein, das Zubrot für die Discounter heißt “Regelsatz” oder “Einkaufskorb” und prügelt die HartzIV-Kunden regelrecht in den Netto-Markt.

Noch einen Schritt weiter: das sehen dann Optimierungs-Professoren, und rechnen den Korb für das verprollte Volk nochmal runter: 2,88 pro Tag kann doch schon reichen – zumindest für die. Wie schön das alles zusammenspielt, wie es sich weiter runter rechnet, und welch billige Kräfte der Billigdiscounter überall produziert, und seine vielen Kunden gleich mit.

Auch als gute Beispiele für die Profs. Die und andere sieht man dann abends im Cafe sitzen, den Verkehr um den Lidl betrachten, sich ganz anders als DIE fühlen, ganz anders aussehen - und so arbeitet die Maschine effizient bis in den Geist rein. Das macht konkurrenzfähig, so richtig konkurrenzfähig.

Noch mehr Fliegen mit der einen Schäppchen-Klappe: die klugen Sozialpolitiker haben ihre ganz eigene Ökonomie damit beackert: was wäre noch mit Herrn Hartz als Berater bei Aldi, genauso wie Schröder bei Gasprom. Auf zum Exportweltmeister!

Ich hab was vergessen im schönen Verwertungsapparat: es gibt noch die mit dem Extraschnäppchen oder mit der Abzockerei. Die dicke Karre stammt aus HG und holt “die paar guten Sachen” die es da gibt, ab in den großen Keller, und der Kneipenwirt die billigen Salamis, die Brunellos oder Steaks, am Montag morgen um 8. Die stehen in seinem Laden dann auf der Karte, zum Preis des Echten – natürlich. Naja und noch ein 1,49er Rotwein für die Küchenkraft – geschenkt, natürlich.

Jetzt LIDLT es sich also wirklich richtig!


Ein Kommentar zu “Das lidlt sich doch richtig!”

  1. Elke

    Na ja, ist ja schon eine Weile her, dass dieser Artikel geschrieben wurde. An Aktualität hat er aber nichts eingebüßt.

    Discounter durchziehen wie ein Krebsgeschwür Deutschlands Ortschaften. Wir sind das Land der Schnäppchenjäger. Der deutsche Konsument, angetrieben durch seinen Geiz ist Geil-Wahn, trägt zur Verwüstung der Einzelhandelslandschaft bei und sorgt somit dafür, dass Arbeitsplätze im Einzelhandel massiv abgebaut wurden. So kann er nun überall günstig die einheitlich Preis- Leistungsidentischen Artikel einkaufen, (bei Aldi, Lidl und Co.) , zahlt aber die Zeche an anderer Stelle. Nämlich in Form von immer größer werdenden Belastungen durch Beitragserhöhungen, und/oder der Aushöhlung der sozialen Netze. Es steigen die Rezeptgebühren, die Zahlungen der Kassen, Sondererhebungen, Abbau der ärztlichen Leistungskataloge, die Renten sinken und nicht zuletzt schwillt der Anteil der Niedriglöhner immer mehr an, zurzeit ist ca. jeder 5. AN in einem prekären Arbeitsverhältnis.

    Der Billigwahn hat es tatsächlich geschafft sich durch ganz Deutschland zu fressen. Gierige Riesenkonzerne die erbarmungslos das Letzte aus ihren Arbeitnehmern herausholen und Lieferanten gnadenlos unter Preisdruck setzen und somit auch dort prekäre Arbeitsverhältnisse auslösen. Lidl seit 40 Jahren am Markt, hat 3300 Läden in der BRD, Combi (Bünting/in Niedersachsen) im selben Zeitraum jedoch nur 770 Läden.

    Zu viele Billigmärkte haben gesunde Städte zerstört und mischen überall mit. Ihre Non-Food Angebote, darunter oft Billigschrott aus Fernost, unter sklavenähnlichen Bedingungen hergestellt.
    Keine Produktgruppe vor der sie halt machen. Reisen, Blumen, Bilder, Kleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Sportartikel, Elektronikwaren, Hobbyartikel (Angeln, Reiten, Malen usw-). Nur ein kleiner Ausschnitt aus ihrer Angebotspalette. Das fatale an der Sache ist, sie nehmen es mal so nebenbei mit. Der Fachhandel jedoch mit Know-how, guter Beratung, gut geschulten Personal mit Zeit für den Kunden verliert Anteile und muss dicht machen. So gingen tausende von Arbeitsplätzen verloren. Die kommen uns teuer zum stehen.

    Jeder AN im Discount muss pro Arbeitsstunde zw. ca.400 bis ca. 600€ Umsatz machen. Danach wird das Personal geplant. Die Personalkosten liegen bei lächerlichen 3% bis max. 7% (wenn es eine sehr schlechte Filiale ist). Zum Vergleich: Ein traditioneller Supermarkt liegt bei etwa 15%, oder höher.

    Lidl und Co. entziehen dem Wirtschaftskreislauf massiv Geld. Die ca. 40 Mrd. € Umsatz (nur in der BRD, insgesamt über 60 Mrd.!) im Jahr, generieren Millionen Gewinne, diese fließen in Stiftungen oder Bauprojekten im Rahmen der Expansion/ bzw. Neubauten. Kaum 6 Jahre alte Läden werden stumpf abgerissen und durch neue ersetzt! Die Gewinne werden soweit herunter gerechnet, dass nur ein Minimum an Steuern gezahlt werden muss. Unser Lobbyfreundlicher Staat sorgt schon dafür, dass Reiche immer reicher werden und Arme immer ärmer werden.

    Aldi die Mutter aller Discounter konnte es nicht besser aussprechen: Geht es dann anderen schlecht, geht es uns immer besser. Wohl wahr!

    Der Staat sollte vielleicht ein neues Steuermodell speziell für Billigheimer konzipieren – alles was unter den branchentypischen durchschnittlichen Personalkostenanteil liegt, wird in Form von Extrasteuern vom Staat einverleibt. Dieses Geld wird dann dafür verwendet „überflüssig“ gewordene Arbeitskräfte zu finanzieren oder für Bereiche umzuschulen die unter Fachkräftemangel leiden….

    Mit freundlichen Grüßen

    Elke -> Ex-Lidlmitarbeiterin

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.