Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Recht auf die Stadt

Der Slogan »Recht auf die Stadt« scheint in anschaulicher und zutreffender Weise Themen der gegenwärtigen Stadtentwicklung zu bündeln: Privatisierung kommunaler Güter, Gentrifizierung und kontrollpolitische Durchdringung öffentlicher Räume. Vor allem international agierende NGOs verbinden damit spezifische Rechte, die als Leitfaden für »good urban governance«-Praktiken gelten: menschenwürdiges Wohnen, ausreichende Infrastrukturversorgung, partizipatorische Entscheidungsfindung und Transparenz im kommunalen Regierungshandeln.

Recht auf Stadt - Fahne
Solche Konzepte, deren Verwirklichung sicherlich zu einer Verbesserung des städtischen Alltagslebens beitragen würde, haben allerdings wenig mit der Utopie von Henri Lefebvre gemein, der 1968 – dem Jahr der internationalen Studentenrevolten und des Pariser-Mai-Aufstands – erstmals diese Parole auf die politische Agenda gesetzt hat. Der französische Philosoph und Raumtheoretiker verfolgt damit ein staats- und herrschaftskritisches Projekt, dessen Anspruch über das bestehende System hinausweist: »Nur ein globales Projekt kann alle Rechte, die der Individuen und die der Gruppen, definieren und verkünden, indem es die Bedingungen ihrer praktischen Verwirklichung bestimmt. Heben wir unter diesen Rechten hervor das Recht auf die Stadt (das Recht nicht aus der Gesellschaft und der Kultur abgedrängt zu werden in einen Raum, der zum Zweck der Diskriminierung produziert wurde) und das Recht auf Abweichung (das Recht, nicht von notwendigerweise homogenisierenden Mächten in vorgegebene Kategorien gepresst zu werden).« (Die Zukunft des Kapitalismus, 1974: S. 42)
Das »Recht auf die Stadt« versteht Lefebvre weniger als juristisches Recht, sondern vornehmlich als Forderung jener sozialen Gruppen, die unter dem reglementierten städtischen Alltag leiden oder in irgendeiner Weise marginalisiert werden: Jugendliche, Frauen, StudentInnen, MigrantInnen, Kolonisierte und Semi-Kolonisierte, ArbeiterInnen und Intellektuelle.

Die Stadt als Entscheidungs- und Konsumzentrum

Das Recht-auf-Stadt-Projekt von Lefebvre muss zunächst auf den konkreten historischen Kontext bezogen werden. In den 1960er Jahren erlebt Frankreich eine Periode exzessiver Urbanisierung. Beschleunigt durch die Landflucht, der Rückkehr vieler Algerierfranzosen nach einem blutig verlaufenden Unabhängigkeitskrieg (1961) und dem Zuzug von Arbeitsmigranten aus Nordafrika, Spanien und Portugal, kommt es vor allem im Großraum Paris zu einer starken Bevölkerungszunahme. Dort finden massenhafte »Landnahmen« in Form von »bidonvilles« (Behausungen, die aus Behältern, Kanistern und ähnlichem Material bestehen) statt, die aus der Perspektive der Administration bedrohliche Ausmaße annehmen.
Um die Situation zu entschärfen, werden in den städtischen Peripherien sog. grands ensembles, einheitlich konzipierte und standardisierte Siedlungen mit jeweils Tausenden von Wohneinheiten, aus dem Boden gestampft. Lefebvre reflektiert, dass der französische Staat eine Restrukturierung des nationalen Raumes und eine Reorganisation des Kapitalismus vorantreibt.
Im Rahmen dieser Modernisierungspolitik, formiert sich eine Gruppe von Planern und Experten, die einen neuen ideologischen Diskurs entwickeln: den des Urbanismus. Der Raum wird nun von einer technokratischen Rationalität geformt, er ist Gegenstand der Staatsgewalt, die mittels Raumplanung, Wohngesetze, Investitionen in die Infrastruktur politisch regulierend eingreift.
Für den französischen Philosophen stellt somit der Raum eine strategische Größe dar, Raumanalyse impliziert stets auch Machtanalyse. Der kapitalistische Raum zeichnet sich nach Lefebvre grundsätzlich durch Einheitlichkeit und Fragmentierung aus. Er basiert auf der Trennung von Orten, die dann wieder miteinander verbunden werden. Einerseits bewirken die abstrakte Logik der Warenökonomie und der staatlichen Kontrollstrategien eine Tendenz zur Homogenisierung, andererseits fragmentieren die kapitalistischen Verwertungsstrategien (Bauindustrie, Immobilienspekulation etc.) den Raum, indem sie ihn parzellieren, zerschneiden und »pulverisieren«.
Sowohl die Stadt wie das Land werden Opfer der kapitalistischen Akkumulation, eine Entwicklung, die von den staatlichen Akteuren orchestriert wird. Bildhaft gesprochen vollzieht sich der Urbanisierungsprozess nach dem Prinzip von »Explosion« und »Implosion«. Die historische Stadt explodiert, indem ihre Trümmer weit hinaus geschleudert werden und neue »Satellitenvorstädte« entstehen. »Implosion« steht für den gleichzeitig stattfindenden Umbau der historischen Stadtkerne, die von den noch bestehenden »Elendsquartieren« gereinigt werden.
Lefebvre, der diesen Prozess am Beispiel von Paris verfolgt, verweist dabei auf Baron Haussmann, der Mitte des 19. Jahrhunderts im Auftrag Napoleons III. das Zentrum der Metropole für die besitzenden Klassen umkrempeln und die städtische Armut aus den noch mittelalterlich geprägten Stadtquartieren vertreiben ließ. Nun, hundert Jahre später, beobachtet er einen ähnlichen Prozess: Erneut werden die subalternen Klassen aus dem Kernstadtbereich von Paris entfernt.
Die Verwertungsstrategien des Finanzkapitals und der Kulturindustrie leiten eine weitere Runde der Verdrängung, Gentrifizierung und Musealisierung ein. Obwohl die »Stadt« mit der vollständigen Urbanisierung der Gesellschaft keine eigene Produktions- und Lebensweise mehr darstellt, verliert sie nach Lefebvre nicht ihre spezifische Funktion der Zentralität. Der vormalige Stadt-Land-Gegensatz transformiert sich zu einem neuen Gegensatz, demjenigen zwischen Zentrum und Peripherie. Die städtischen Kerne regenerieren sich als Orte des Konsums und als konsumierbare Orte. Und Metropolen wie New York oder Paris steigen zu Macht- und Entscheidungszentren der Headquarter- und Finanzökonomie auf. Hier verdichtet sich ökonomischer Reichtum, Macht und Wissen in
einer neuen Qualität.
Für Lefebvre beruht der Vorzug der städtischen Zentralität vor allem auf der »Gleichzeitigkeit«: sie beinhaltet alles, was sich synchron an einem Punkt verdichten lässt. Das Potential der Stadt liegt darin, dass sie unterschiedliche Elemente einer Gesellschaft zusammenführt und miteinander reagieren lässt. Aus diesem Zusammentreffen kann Unerwartetes und Neues entstehen. »Alles, was andernorts entsteht, reißt die Stadt an sich: Früchte und Objekte, Produkte und Produzenten, Werke und schöpferisch Tätige, Aktivitäten und Situationen. Was erschafft sie? Nichts. Sie zentralisiert die Schöpfungen.« (Die Revolution der Städte, 1972: S. 127)
Lefebvre hat den »schöpferischen Überschuss« der Stadt im Auge, der über die beschränkte Rationalität der Ökonomie und der administrativen Planung hinausgeht. Er unterscheidet deutlich zwischen der herrschenden Morphologie der Stadt, die Entfremdung und regulierte Verhaltensnormen erzeugt, und dem »Städtischen«, dem Bedürfnis nach einem vielseitigen, abwechslungsreichen Lebenszusammenhang.
Das »Recht auf die Stadt« bedeutet deshalb für Lefebvre auch das »Zentrum« als Ort der Kreation, der Urbanität wieder zu finden. Diese Perspektive entsprach auch den Aneignungsformen der »kulturrevolutionären« Bewegungen der späten 1960er und 1970er Jahre. Die Intensität der Kämpfe führte jedoch nicht zu einer grundlegenden Veränderung des Systems, vielmehr gelang es dem Kapitalismus durch neue Identitäts- und Konsumangebote auf bestimmte Anliegen der sozialen Bewegungen einzugehen und Forderungen nach »Autonomie« und »Kreativität « für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Keime des Möglichen
Heute gelten die Zentren der Metropolregionen als privilegierte Innovationsfelder der Wissens- und Kulturproduktion sowie als Vorreiter neuer postindustrieller Arbeits- und Lebensformen. Im globalen Standortwettbewerb, so die vorherrschende Behauptung, komme der »Kreativität« als wesentlicher Bestandteil der wissensintensiven Ökonomie eine strategische Bedeutung zu. Die damit assoziierte »Kreativindustrie« steht nicht nur für Kunst und Kultur, sondern es geht auch um konsumorientierte Dienstleistungen, um neue Technologien und die verschiedenen Sparten der Wissensproduktion.
Gemeint ist damit letztlich eine verstärkte Durchdringung von Kultur und Ökonomie als wesentliche Voraussetzung für die Prosperität der Städte. Aus der »Creative City«-Perspektive wird das gesamte städtische Leben vornehmlich als eine Ressource angesehen, die es auszubeuten und marktförmig zu verwerten gilt. Doch die Geschichte der Räume war und ist eine Geschichte der gesellschaftlichen Widersprüche in den Produktionsverhältnissen.

Es gilt also die Bruchstellen im neoliberalen Alltagsleben zu finden, wo Kollektive oder Individuen sich der herrschenden räumlichen Praxis entziehen, sie unterlaufen oder sich ihr offen widersetzen. Der Kampf um das »Recht auf die Stadt« ist nicht notwendigerweise ein Kampf der Unterprivilegierten. Es sind eher diejenigen, für die die städtische Zentralität als Ressource besonders wichtig ist. Aus solchen Aktionen entstehen auch Räume, in denen die verschiedenen subversiven Kräfte des Bruchs und des Spiels aufeinander treffen und (gegebenenfalls) gemeinsam versuchen sich die Stadt »anzueignen«.

Klaus Ronneberger
Nitribitt Frankfurter Ökonomien


54 Kommentare zu “Das Recht auf die Stadt”

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