Frankfurter Gemeine Zeitung

Von den Problemen mancher „hierarchiefreier“ Communities

Insbesondere in der linken Szene stellen viele Initiativen und Gruppen an sich selbst den Anspruch hierarchiefrei oder gar herrschaftsfrei zu sein.
Dieses Ansinnen ist durchaus respektabel und bestimmt würden die meisten Menschen eine Welt, in der es weder Herrschaft noch Hierarchien gibt sehr begrüßen. Ich jedenfalls würde es.
Doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht wie ich in den folgenden Zeilen zeigen möchte.
Denn es stellt sich mir die Frage, ob Hierarchien nicht Folge natürlicher, oder wenn man dieses Wort nicht mag, systemimmanenter Prozesse und somit unvermeidbar sind. Wo aber etwas unvermeidbar ist, erscheint es sinnvoller, den entsprechenden Faktor nicht krampfhaft negieren zu wollen und nach einer utopischen Scheinlösung zu suchen, sondern vielmehr nach der am besten praktikablen Lösung, die der Zielvorstellung am nächsten kommt.

Nehmen wir uns einmal folgendes Beispiel vor, welches ich aus der Realität entnommen habe, bei dem ich aber nicht die tatsächlichen Namen nennen möchte um Initiativen, deren Ansinnen ich eigentlich im Grunde gut finde, nicht zu diskreditieren:

Eine politisch linksorientierte Gruppe von Personen betreibt eine Website, auf der alternative Nachrichten nach dem Prinzip des Open-Posting veröffentlicht werden sollen. Jeder, der möchte, kann seine Beiträge dorthin schicken.
Die Gruppe gibt sich selbst das Etikett „hierarchiefrei“ und behält sich ausdrücklich vor, Gruppen die sie als hierarchisch empfindet, jegliche Zusammenarbeit zu verweigern. Deshalb bildet sie auch bewusst keine festgeschriebene Organisation nach dem Vorbild demokratischer Vereinsstruktur oder einer klassischen Internetredaktion.
Doch irgendwer muss die Seite betreiben und pflegen.
Natürlich könnte man die Seite als vollkommen offenes Projekt betreiben, so dass jeder Internetuser, ohne vorherige Prüfung, beliebig den Code und Content der Seite verändern könnte. Dies hätte aber zur Folge, dass dort jeder nach Herzenslust werben, spammen oder dem Vandalismus frönen könnte.
Wer dies vermeiden will, kommt gar nicht umhin, nur bestimmten Personen Adminrechte einzuräumen. Wer aber Adminrechte hat, hat automatisch auch die Macht eine Zensurfunktion auszuüben.
Und nach welchem Kriterium wird entschieden, wer diese Rechte bekommt und wer nicht?

Wenn man die demokratische Wahl als „hierarchisch“ ablehnt, muss man wohl andere Wege finden, sich irgendwie zu einigen. Und hierbei können mangels klar festgelegter Spielregeln jegliche Mittel sozialer Manipulation zum Einsatz kommen.
Tatsächlich ist es sogar wahrscheinlich, dass genau der seinen Willen durchsetzt, der besonders geschickt in diesem manipulativen Spiel vorgeht. So wird das Wort einer charismatischen Persönlichkeit in einer vorgeblich „hierarchiefreien“ Umgebung deutlich mehr Gewicht haben, als das Wort einer stilleren und weniger dominanten Person.
In einer freien, gleichen und geheimen Abstimmung gäbe es immer die Möglichkeit einer „stillen Revolution“, so dass auch die, welche sich nicht getraut haben, im Plenum das Wort zu erheben im Geheimen gegen die vermeintlich vorherrschende Meinung stimmen können und die Stimme eines Jeden zählt genau gleich viel.
Wenn man hingegen versucht jegliche Probleme durch Ausdiskutieren zu lösen, ergibt sich zum einen das Problem, dass weniger redegewandte Personen untergebuttert werden, zum anderen wird man sich auch nicht in jedem Fall einig. Bei einer Abstimmung hat man irgendwann einen klaren Gewinner und wer demokratischen Geistes ist, wird sich auch mit der Tatsache abfinden können, dass die Mehrheit in einer Sache anders entschieden hat. Wenn man sich aber beim Ausdiskutieren nicht einig wurde und sich aus den Gegebenheiten trotzdem eine Entscheidung ergibt (z.B. ist auch Unterlassen manchmal eine Form des Handelns) so wird es bei der Gegenseite, die nicht zum Zug kam, immer das Gefühl hinterlassen man sei ausgetrickst oder ausgebootet worden.
Die Folge können erhebliche Querelen und Flügelkämpfe sein, die in der politischen Linken ja durchaus keine Seltenheit sind.

Diese Probleme gibt es nicht nur in linken Internetcommunities, sondern auch in vielen Initiativen, Gruppen und besetzten Häusern im RL.
Manchmal kommen Menschen auch einfach nicht miteinander klar. Doch wie soll die Entscheidung getroffen werden, wann Fehlverhalten in der Gruppe sanktioniert oder gar jemand aus der Gruppe auszuschließen ist?
Spätestens hier können Uneinigkeiten sogar zu psychischer und physischer Gewalt innerhalb einer Community führen.
Und wenn es erst zu Ausgrenzung/Ausschluss/Hinausekeln eines Teiles der Gruppe kam, so scheint es zumindest mir, dass der Rest der Gruppe umso enger zusammenrückt und eine Ingroup bildet, die Außenstehende eher misstrauisch beäugt, statt ihnen freien Zugang zu gewähren.
In der Gruppe kommt es zu Konformismus und zu Hierarchien, die aber nicht durch allgemein vereinbarte Spielregeln (z.B. Neuwahl der Führung) durchbrochen werden können.
Tatsächlich habe ich erlebt, dass linke Gruppen in ihren Auffassungen manchmal engstirniger sind und eine geringere Heterogenität der Meinungen aufweisen, als so mancher CDU-Ortsverein.
Ich denke, dass Hierarchie und Herrschaft an und für sich nichts Schlechtes sind, so lange sie selbst durch regelnde Strukturen durchbrochen werden.
Manchmal, so scheint mir, dass nur Macht ein Gegengewicht zu Macht schaffen kann und dass es deshalb nicht heißen sollte „Keine Macht für niemand“, sondern viel mehr „Transparenz und pluralistische Verteilung der Macht für alle“.

Leider ist (und das möchte ich mitnichten bestreiten) unsere demokratische Gesellschaft zur Zeit genau dabei diese Prinzipien der Transparenz und Verteilung von Macht abzulegen. Doch was hilt motzen und maulen? Wem hilft reine Verweigerung?

Tragfähige Konzepte werden gebraucht!


5 Kommentare zu “Von den Problemen mancher „hierarchiefreier“ Communities”

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