Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Attentat und die Medien

Der Attentäter

Der Attentäter von Norwegen : Fiktion (l.) und Realität (r.)

Fast wäre das Attentat in Norwegen an mir “vorbeigegangen”. Ich war für eine Woche in Urlaub ohne Zeitungen und ohne Netz. Erst zwei Tage nach dem Attentat las ich auf Spiegelonline über das Attentat und den Attentäter, einen Norweger der aus Abscheu vor dem “Kulturmarxismus” und der liberalen Politik seiner Regierung gegenüber Migranten, insbesondere Moslems im Regierungsviertel gebombt und ein Blutbad in einem Jugendlager der norwegischen Sozialdemokraten angerichtet hatte. Am Tag danach fuhr ich von Leipzig nach Frankfurt, hörte einen Popmusiksender und wunderte mich, dass in keiner der halbstündigen Kurznachrichten von den Motiven des Attentäters die Rede war. In den längeren Berichten der Infosendungen wurde durchaus darüber berichtet,  aber nicht in den Kurznachrichten , die auch die Masse der politisch Uninteressierten hört.Weder wurde die Begründung für die Tat erwähnt, noch  dass das Sommercamp von der sozialdemokratischen Partei veranstaltet wurde.Es war lediglich von einem “Sommercamp für Jugendliche” die Rede. Jeder Sender betreibt “selektive Wahrnehmung”, das ergibt sich schon aus Gründen der Zeitökonomie. In vier Minuten gibt es nur “das wichtigste”, bzw. das, was die Nachrichtenredaktion dafür hält. Offenbar gehörten die Motive des Täters nicht dazu. Ich behaupte: hätte ein “Islamist” diese Tat begangen, hätte man genau dieses Wort als Marker in den Kurznachrichten verwendet oder von einem “islamischen Hintergrund” gesprochen, um dem Zuhörer die Einordnung zu geben. Hier hingegen wurde nicht von einem “Antiislamisten”, einem “antiislamischen Hintergrund”, “Fremdenfeindlichkeit” oder whatever gesprochen, der Täter tauchte nur als “Attentäter” auf.

Dazu passt, dass sich die hiesige Presse am Tattag mit voreiligen Spekulationen über einen islamischen Anschlag blamiert hatte, so WELT ONLINE am 22. mit der Überschrift “Norwegen Zielscheibe für Islamisten” und dem großformatigen Bild eines standesgemäß bärtigen “Islamistenführers”.

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Die BZ titelte: “Der Terror ist zurück in Europa”, BILD verwies auf die uralten Mohhamed-Karikaturen usw. Der Medienwatchblog BILD-Blog. de hat diesen bunten Reigen der Vorverurteilung und des angeblichen Expertentums in einer wie immer hervorragenden Dokumention beschrieben, ebenso der Medienjournalist Stefan Nieggemeier. Die Fuldaer Zeitung schoß unter den blinden Jägern den Superbock. Ihr Kolumnist Manfred Schermer, optisch ganz der schneidig- konservative Jungschnösel, kommentierte : “Die Mitte-Linksregierung in Norwegen hat auf eine liberale Auswandererpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern gesetzt. Nun muss sie bitter erfahren, wie ihnen ihre Liberalität gedankt wird. Diesem feigen Terrorpakt mit Großzügigkeit begegnen zu wollen, hieße ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen.”

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Stefan Niggemeier kommentierte diesen Kurzschluss so: “Wer nett zu Moslems ist, darf sich nicht wundern von ihnen umgebracht zu werden”. Die Fuldaer Zeitung entschuldigte sich später mit dem Verweis auf “hektische Arbeitsstunden”. Wohlgemerkt hielt sich im Gegensatz zur hiesigen Presse die norwegische Polizei mit Spekulationen weitgehend zurück. Ähnlich hektische Arbeitsstunden müssen auch in den Fernsehredaktionen geherrscht haben, denn ZDF, ARD und NTV wiederholten. Insbesondere der “Terrorexperte” von HEUTE redete sich, wie Stefan Nieggemeier in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt, um Kopf und Kragen:  ” Elmar Theveßen berichtete in der „heute“-Sendung von seinen Gesprächen mit „norwegischen Sicherheitsbehörden“, die ihm bestätigten, was sie offiziell (aus gutem Grund, wie man im Nachhinein meinen möchte) nicht sagten: dass wohl Islamisten hinter den Anschlägen stecken. Noch im „heute journal“ um 22.15 Uhr, als es längst massive Zweifel an dieser Interpretation gab, betonte er, ein islamistischer Hintergrund sei „nicht ausgeschlossen“. Er und seine Kollegen waren höchstens noch Millimeter von der „Switch“-Satire entfernt, in der die Reporterin auf die Frage nach der Ursache eines gerade passierten Unglücks sagt: „Al Qaida. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.“ Theveßen hat inzwischen Kritik an seinem Expertentum zurückgeweisen, aber fast ohne Argumente, wie ein Close Reading seiner Darlegungen während der Sendungen beweist.

Einige schöne Fernseh-Ausschnitte hat TAZ Reporter Karim El-Gawhary zusammengestellt. Eine geballte Ladung des versendeten Schnellschussurteils im Fernsehen servierte Holger Kreymeier in seiner Satiresendung “Fernsehkritik“. Darin findet sich kaum zu glaubende Ausschnitte des Möchtegern-CNN NTV, inclusive eines Berichtes über eine angebliche “zweite Explosion” im Parlamentsbezirk, der mit einem deutlich als solches zu erkennendes Fakevideo unterlegt wurde, das ein Spaßvogel auf youtube eingestellt hatte. Dazu hörte man  Kommentare wie: “Da zeigt sich die Handschrift Al Quaidas”. Der österreichische Standard kommentierte dergleichen freiflottierende Fernseh- und Presse-Phantasien mit “Der Moslem war´s!” Sie fanden sich auch zu Hauf in der englischsprachigen Presse wie der Guardian berichtete.

Eine wichtige Frage ist: war dieser allgemeine Info-Gau einfach nur “schlechter Journalismus” oder zeigt sich hinter dem Reflex eine bestimmte Ideologie? Die Verteidiger der ersten Position behaupten, es wäre eben naheliegend gewesen auf Al-Quaida zu kommen, denn wer mordet und bombt sonst so viel in Europa? Ziehen wir die Statistik von Europol zu Rate. 2010 gab es ganze drei islamistische Anschläge in Europa von insgesamt 249; ein Jahr zuvor gabs sogar nur einen. Diese Zahlen überraschen. Allerdings nimmt Europol gescheiterte, vereitelte und geglückte Anschläge gleichermaßen auf. Wikipedia hat eine Liste nur der “geglückten” Terroranschläge seit dem 11.9.2001 für Europa (ohne Russland) erstellt. Es gab in diesen 10 Jahren 111 Attentate, 86% davon hatten einen nichtislamischen Hintergrund. Die großen islamistischen Terroranschläge  innerhalb Europas fanden in London 2005 und Madrid 2004 statt, beide  im Zusammenhang des Irakkrieges und durch diesen motiviert. Eine ähnliche Motivationslage lässt sich für Norwegen nicht feststellen. Warum sollten die Islamisten ausgerechnet Norwegen wählen, ein Land, das innerhalb Europas eine der liberalsten Haltungen gegenüber Migranten pflegt und als einziges Land in der EU Israel kritisiert, den Palästinensern das Recht auf einen eigenen Staat einräumt und Kontakte zur Hamas unterhält? Der Fuldaer Kommentator versucht dieses Erklärungsdilemma dadurch zu beheben, dass er meint Als Quaida hätte eben genau dieses bestrafen wollen, ohne zu bemerken, dass dies viel eher für einen Attentäter von rechts spricht. Hinzu kommt noch, dass die norwegische Polizei sich schon zu diesem Zeitpunkt sehr zurückhaltend zeigte gegenüber islamistischen Vermutungen. Das alles spricht dafür, dass es eine islamophobe Vorurteilsstruktur in den hiesigen Medien gibt, die durch die Debatten um Sarrazin, Broder etc. unterfüttert wurde. Salopp gesagt: “die Moslems machen uns einerseits durch ihre hohen Geburtenraten, andererseits durch ihre Bomben fertig”. Das erzeugt zwar nicht solche Psychopathen wie den Attentäter, aber es begünstigt ihr Tun.  (Damit ist keine Relativierung  islamistischen Terrors verbunden, der abscheulich ist und sehr gefährlich bleibt.)

Ich diskutierte die Frage, ob es sich bei der voreiligen Täterzuschreibung einfach um schlechten Journalismus oder um eine deutliche Vorurteilsstruktur handelt ausgiebig mit einem Freund auf facebook. Er wies daraufhin, dass sich alle drei islamistischen Anschläge 2010 in Skandinavien ereignet hätten; außerdem sind laut Europol 179 Islamisten im Vorfeld geplanter Taten verhaftet worden. Allerdings sagen die Europolzahlen acu , dass 2010 den 179 im Zusammenhang mit Attentaten verhafteten Islamisten erstaunlicherweise drei Mal so viele, nämlich 532 Nichtislamistische Terroristen gegenüberstanden. Nun läßt sich argumentieren, dass es sich bei denen größtenteils um Seperatisten gehandelt hat, was für Norwegen natürlich kein geeignetes Motiv darstellt. Nur bietet die Norwegische Politik ebenfalls kaum ein geeignetes Motiv für einen islamischen Terroranschlag- und es wurden trotzdem keine anderen Möglichkeiten erwogen. Norwegen hat in der liberalen Haltung gegenüber Migranten u. seiner kritischen Haltung in der Nahostfrage eine Sonderrolle, während in Finnland die wahren Finnen an der Macht sind, die Dänen zur Sicherung der Festung Europa ihre Grenzen dicht machen wollen und in Schweden im Oktober 2010 ein Heckenschütze 15 Mord-Anschläge auf dunkelhäutige Migranten verübte-letzteres taucht übrigens in der Europolstatistik nicht als Terroranschlag auf, weshalb es für das Jahr auch offiziell keine rechtsradikalen Terroranschläge gab. Wußten das die medialen Terrorexperten nicht oder haben sie es einfach ignoriert? Stattdessen versieg man sich dazu, zur islamistischen Begründung des Norwegenattentats auf die 6 Jahre alten dänischen Mohammedkarikaturen und die norwegische Beteiligung am Lybieneinsatz zu verweisen, so als würde Gadaffi von internationalen Islamisten unterstützt (die dürften eher bei Teilen der Rebellen an zu treffen sein). Es MUSSTEN eben einfach Islamisten sein. Darin kann man eine vorrübergehende Fehlleistung sehen oder ein bedenkliches Symptom. Die ZEIT schrieb erstaunlich entschieden: “In den ersten Stunden nach den Bombenexplosionen, als sogenannte Terrorexperten in den Nachrichtensendungen eilfertig auf al-Quaida verwiesen, als sich in den Internetforen schon “Muslime-raus”-Kommentare häuften, da wurde sichtbar, wie reflexhaft das geworden ist. Wie selbstverständlich es geworden ist, Terrorismus mit Islam zu verbinden. Nur wer den zunehmenden Verfall demokratischer Sitten, die Abnahme des Respekts vor Andersdenkenden, die Zunahme fremdenfeindlicher Ressentiments auch im medialen Mainstream nicht sehen wollte, kann ihn für eine überraschende Erscheinung halten. Er mag ein Einzeltäter gewesen sein, aber er war kein Einzeldenker.”


5 Kommentare zu “Das Attentat und die Medien”

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