Frankfurter Gemeine Zeitung

Nach der Erschießung statt Läuterung nun die Schließung

Bereinigung des Tatorts: Auflösung eines Jobcenters
Als in Norwegen ein idealer Schwiegersohn die Töchter anderer nicht geheiratet, sondern gemetzelt hat, seit dieser blonde hübsche junge Mann von nebenan bewiesen hat, dass man zu gewaltbereitem Fundamentalismus auch auf christlich-abendländisch konvertieren kann, steht das bürgerliche Europa ein wenig Kopf.

Vorher haben sich manche als “Gutmenschen” Geschmähte den Mund mit Warnungen fusselig geredet und die Finger auf Tastaturen wund geklopft: “Christlich-jüdisch” geprägte “hate-speech” galt dennoch als harmlos, und auch jetzt, nach Oslo, gar nicht unbedingt als verfassungsfeindlich. (1) “Menschenfeindlichkeit” ist eben etwas anderes, weit harmloseres, so scheint es, für “gutbürgerliche” “Leistungsträger”, als Verfassungsgegnerschaft, und die bemisst sich anscheinend hauptseitig an der Stellung zu den Bündnispartnern USA und Israel. Es mag also sein, dass Schmutzfinken von der selbsternannten Jihad-Watch und den europäischen Parteien der “Freiheit” (d.h. wohl freie Fahrt für freie Wutbürger) plötzlich sogar in der “Welt” eine etwas schlechte Presse haben. Nur sollten die Zeitgenossen, die die deutsche Provinz von Propagandistan kritisch beäugen, sich nicht zu früh freuen. Denn erstens ersetzt das dumpfe Zeigen auf ein Massaker keine ordentliche Analyse und Kritik. (2) Zweitens kommt das ganze Böse weit mehr aus der Mitte, als öffentlich zugegeben werden soll. Vielleicht enden die Hetzer von pi-news einfach nur als billige Sündenböcke auf dem gesellschaftlichen Pranger. Welche Ironie der Geschichte in ihrem Falle, wollten sie doch an dieser Stelle Menschen muslimischen Kulturhintergrundes ideologisch zum Abschuss freigegeben sehen.

Warum hat aber kaum einer stattdessen die Bild-Zeitung als den Schoß erkannt, aus dem so manche Menschenfeindlichkeit kroch, an der sich auch unser norwegischer Massenmörder berauschte? Warum so sehr auf die Schmuddelkinder des Internets hauen, wenn auch bei dieser Barbarei die Springer-Presse ideologisch Pate stand und steht? Ein Tip: Wer jetzt am lautesten “Verrückter”, “Aufhängen!” und ähnliches schreit, könnte am Ende bloß meinen: “Haltet den Dieb!” Damit seine eigene Komplizenschaft im menschenfeindlichen Denken bloß nicht thematisiert wird. Und wer dann, meist heuchlerisch, Mitleid mit den Opfern oder besser gesagt: Mitleidsbekundungen – einklagt, den können wir mit besserem Recht zu tätigem Mitleid mit Opfern rassistischer und sozialer Diskriminierung hier und heute, in unserer Mitte, auffordern. Zum menschenfeindlichen Denken und Reden der “gesellschaftlichen Mitte” gehört nämlich auch ihr Handeln, oder das ihrer Büttel. Handeln und Unterlassen der einen, Wegschauen der anderen, wie immer schon. In deutschen Sozialbehörden zum Beispiel werden nicht erst seit gestern tagtäglich Hilfsbedürftige in ihrer Not amtlich verhöhnt. Wenn sie aufmucken, setzt es Kriminalisierung und polizeiliche Behandlung, nicht Hilfe.

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Christy Schwundeck machte am 19. Mai dieses Jahres den Fehler, sich gegen die polizeiliche “Bearbeitung” ihres Hilfeersuchens handgreiflich wehren zu wollen. (3) So endete ihr Gang zur städtischen Fürsorge mit ihrem Tod. Wie praktisch für unsere “gesellschaftliche Mitte”, dass diese “Störerin” sich auch im Nachhinein so einfach kriminalisieren ließ, zum Beispiel bloß mit dem Wort “Messerstecherin“. (4) Genauere Analyse des Falles zeigt aber, wie sehr Christy Schwundeck zum Opfer unserer “weltoffenen” Stadt Frankfurt wurde – und erst danach und dadurch zur Täterin. (5) Belegt wird dies mittlerweile auch durch den behördlichen “doublespeak“, besser gesagt: “double-act”: Eine wirklich unabhängige Untersuchung der Vorgänge im Jobcenter Gallus ist nicht vorgesehen und wurde nicht vorgenommen. Stattdessen werden Petitessen zugegeben: Menschliche Fehler, das wird man ja doch noch einmal machen dürfen! (Kleine Anmerkung: Diese Regel gilt nur fürs Amt oder Politiker oder wohlhabende Bürger – nicht für Kreti und Pleti!).

Auf der anderen Seite zeigen Arbeitsagentur und Jobcenter, dass sie sehr wohl wissen, wieviel Mist auf ihrer Seite gebaut wurde und wird. (6) Mitte Juli geruht seine Hoheit, der Hartz-IV-Herzog zu Nürrenberg, Heinrich der Alte, die Frankfurter Ländereien und Gebäude, insbesondere natürlich die Örtlichkeit, an der jene Gemeine aus dem Volk ihre Untat verübte, mit seiner erlauchten Gegenwart zu beehren: “Wir kümmern uns!” war die banale Propaganda-Botschaft des politischen Beamten. (7) Nein: ihr wisst, was ihr täglich verbrecht, wollt es aber auf ein anderes Gleis schieben, so einfach. Das dürfe nicht noch einmal passieren, sagte Alt, mochte aber am Amtsbetrieb nichts wirklich ändern. Den Eingangsbereich könne man vielleicht schön streichen, fiel ihm daher als bester Verbesserungsvorschlag ein. Die wohl nicht ganz unpassende Antwort in Sozialforen des Netzes: warum nicht gleich in praktischem Rot?

Nun ist die Stadt auf eine “bessere” Lösung verfallen: Machen wir den Laden doch einfach zu! (8) Die Mitarbeiter gruseln sich, die Kunden am Ende auch: dann werden sie einfach umgezogen, wenn es sich doch nur um ein gutes Dutzend “Sach”(!)bearbeiter und “Fall”(!)manager handelt. Auch hier zeigt sich dröhnend schlechtes Gewissen. Genauso dröhnend der Unwille, das Wesentliche der amtlichen Sünden zuzugeben. Und genauso dröhnend ihr Unwille, endlich die Nöte der Betroffenen in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. “Spare, spare, Häusle baue” gilt für die Stadtmütter und -väter des schönen Frankfort. Wo mit Public Private Partnership gespart wird, werden drei Euro fuffig für Arme schnell lästig und selber Gegenstand des Sparens, so geht Ökonomie im 21. Jahrhundert. Wenn man also seinen bösen Amts- und Sparstiefel einfach weiter fahren will, wie sorgt man dann dafür, dass so etwas im Jobcenter Gallus nie wieder passiert? Man schließt es einfach, sonnenklar!

Das ist die umgekehrte Mahnmals-Logik, scheint es. Erst zeigt uns H. Alt die umgekehrte Tatort-Logik: Das Sparen am “Kunden” führt zur Toten im Jobcenter Frankfurt. Er, der das Trauerspiel in deutschen Jobcentern von ganz oben verantwortet, guckt sich den Tatort an – und will noch glatt damit Eindruck schinden, anstatt wirkliche und praktische Einkehr zu üben. Nun wird nach Abreise des “Verantwortlichen” des Opfers nicht etwa gedacht, auch, um derartiges in Zukunft zu verhindern. Nein: die Spuren sollen beseitigt, die Sache, scheint es, am besten vergessen werden. Die Öffentlichkeit für blöd verkauft: “Aus den Augen, aus dem Sinne!” Schön und gut: dass da keiner mehr gerne hineingeht oder dort arbeitet, ist verständlich. Insofern wäre unser Alternativorschlag: Zumachen, ja. Aber nur, wenn zumindest eine Plakette am Gebäude angebracht wird. Zum Beispiel mit den einfachen Worten:
19. Mai 2011. Christy Schwundeck, farbige Deutsche, wird im Jobcenter Gallus erschossen. Sie kam, um um 10 Euro für Brot zu bitten.

Oder wir zitieren Brecht zum Thema: “Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.”

(1) Die Meldung der taz, die beim VS nachfragte:
http://www.taz.de/Anti-Islam-Hetze-auf-PI-News/!75174/ .

(2) Der leider “führende” Blog der Rechtsausleger der Mitte, pi-news.net oder Politically Incorrect, “empfiehlt” zum Einstieg unter anderem diese Diplomarbeit,
und durch wiederholte Hetze macht uns PI natürlich auf Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung (Link) aufmerksam. Siehe zum Beispiel dieses sehr aufschlussreiche Interview bei der taz

(3) Interessante Artikel findet man auch hier.

(4) Symptomatisch die Neue Presse mit “Tod einer Messerstecherin“. Von diesem unsäglichen Lokalorgan der “Mitte” auch ein rassistischer Bericht zur Pressekonferenz vom 8. Juni des Jahres hier.

(5) Vergleiche dazu auch die Analyse im Artikel der Frankfurter Gemeinen Zeitung hier.

(6) Leider symptomatisch die Pressekonferenz vom 8. Juni dieses Jahres.

(7) Die Frankfurter Rundschau berichtete davon.

(8) Dazu die Initiative Christy Schwundeck hier.
Die Meldung in der Frankfurter Presse hier und hier und hier.


Ein Kommentar zu “Nach der Erschießung statt Läuterung nun die Schließung”

  1. Hum

    Ein funktionierendes Prinzip unserer Mediendemokratie zeigt sich in der Aufregung über den verstauchten Zeigefinger eines Deutschen Polizisten, der immer problemlos Dutzende von ernsthaft Verletzten oder Toten andererorts topt. Eine widerliche Art von “Gewalt-Selektion”.
    Entspricht etwa dem Mitleiden bei der Steuererhöhung für Milliardäre. Das besetzt dann den ganzen Aufregungs-Raum.

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