Frankfurter Gemeine Zeitung

Vorm Anfang das Ende?

Genossenschaftsmodell für Hess Natur abgelehnt
Die kuriose Idee, ein stabiles Öko-Versandunternehmen ausgerechnet an einen Finanzinvestor zu verkaufen, der selbst in dieser ohnehin nicht gut beleumundeten Branche nicht den besten Ruf genießt, und die Idee der Belegschaft, es dann doch lieber selbst zu machen, haben es bis in FAZ, Süddeutsche und FTD geschafft. Die Steine, die den Kommentatoren und anderen aufmerksamen Beobachtern klammheimlich von ihren Herzen fielen, waren hörbar, als den Genossen Beschäftigten nun der Ausschluss vom Bieterverfahren erklärt wurde.

Warum erregt der Plan, es selbstverwaltet besser zu machen, regelmäßig solche Widerstände? Eine Analyse und Einschätzung von Anton Kobel. Die Insolvenz der Arcandor AG im Sommer 2009 führte nicht nur zum Ausschlachten und Verscherbeln der Unternehmen des Karstadt/Quelle-Konzerns und der nicht in Konkurs gegangenen profitablen Töchter wie Thomas Cook – mit all ihren Folgen für Tausende Beschäftigte mit ihren Familien. Verkauft werden sollte darüber hinaus auch das Ökotextilversandhaus Hess Natur in Butzbach/Hessen. 1976 gegründet, arbeitet das relativ kleine Versandhaus derzeit mit ca. 300 Beschäftigten, macht mit ca. 700 000 KundInnen 70 Millionen
Euro Umsatz und fünf Millionen Euro Gewinn. Diese Profitabilität in Verbindung mit einem verkaufsfördernden Image war es, die das Unternehmen in für den Einzelhandel schwierigen Zeiten (stagnierende Kaufkraft, kritischer werdende KundInnen) während der Verkaufsverhandlungen des letzten Jahres attraktiv machte.
Faktisch gehört Hess Natur-Textilien GmbH derzeit dem Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Trust (KQMT). KQMT lässt sich bei den Verkaufsverhandlungen durch die Primondo Speciality Group (PSG) vertreten. KQMT sichert als Pensionsfonds die Betriebsrenten von ca. 50 000 ehemaligen Beschäftigten des Konzerns und seiner Töchter sowie von über 100 000 noch Beschäftigten. Deren Ansprüche belaufen sich auf ca. zwei Milliarden Euro. Dies sind beste Voraussetzungen für knallige Widersprüche im kapitalistischen Alltags- und Arbeitsleben. Während KQMT als Pensionsfonds ein Interesse an einem möglichst hohen Verkaufserlös für Hess Natur-Textilien hat, interessieren sich dessen Beschäftigte für sichere Arbeitsplätze und Einkommen.
Die wurden bisher »garantiert« durch die nachweislich ökologische und soziale Geschäftspolitik. Eine enge Bindung von bewussten KundInnen ist gerade in Zeiten ökologischer Krisen ein unschätzbarer Vorteil im umkämpften Einzelhandelsmarkt. Der Versuch einer ökologischen Ausrichtung der Einzelhandelskonzerne, wie er etwa bei Lidl, Rewe, Penny, Edeka, Netto, Aldi, dm usw. zu beobachten ist, verschärft den Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb auch im Bio-Segment des Einzelhandels. Dies wiederum bedeutet für Unternehmen wie Hess Natur eine Steigerung des Wertes. Dessen Eigentümer KQMT scheint dies derzeit voll nutzen zu wollen.
In dem seit Monaten dauernden Verkaufsprozess schälte sich als einer der Hauptinteressenten Carlyle heraus. Carlyle gilt als »Heuschrecke«, die profitlich erfolgreich auch in Rüstungsgeschäften tätig ist. Dies schreckte die Belegschaft von Hess Natur und auch attac auf. Ein Rüstungsprofiteur als neuer Eigentümer eines Öko-Unternehmens mit ständig steigenden Kundenzahlen! Unvorstellbar, dass das gut geht: Eine Vorstellung jenseits vieler ethischer und moralischer Prinzipien. Ethisch konsumieren zugunsten eines
Rüstungsprofiteurs? Innerhalb kurzer Zeit konnte attac die Unterschriften von ca. 10 000 boykottbereiten KundInnen übergeben.
In der Belegschaft mobilisierte diese Zukunftsperspektive offensichtlich eigene Phantasien und Produktivkräfte. Es entstand die Idee, den Betrieb zu übernehmen. Am 17. März 2011 kam es durch die Kooperation von Beschäftigten, Betriebsrat, attac und KundInnen zur Gründung einer Genossenschaft. Die »hn.Geno«, seit dem 1. Juni 2011 beim Amtsgericht Friedberg als Genossenschaft eingetragen, trat offiziell als Kaufinteressent des Unternehmens auf den Plan. Die Medienresonanz war enorm und überwiegend positiv. David gegen Goliath, der Traum von und der Wunsch nach Selbstverwaltung und Solidarität bestimmte nicht nur die Kommentare, sondern auch die Bereitschaft zum persönlichen Engagement.
Die Genossenschaft bot inzwischen offiziell 21 Millionen Euro als Kaufpreis und legte ein Konzept zur Weiterführung des Unternehmens vor. Letzteres war von Fachleuten aus Handel und Banken geprüft, die Finanzierung schien nachvollziehbar und akzeptabel zu sein. Am 16. Juni 2011 teilte nun die PSG mit, »dass hnGeno nicht mehr Teilnehmer des Bieterverfahrens ist«. Die vorgelegten wirtschaftlichen Daten seien nicht akzeptabel, da »nicht solide finanziert«, der angebotene Kaufpreis von 21 Millionen Euro »konnte weder den Unternehmenswert angemessen reflektieren, noch zukünftiges Wachstum finanzieren«. Zusätzlich äußerte sich PSG anstelle von KQMT klar politisch: »hnGeno hat durch das aggressive und destruktive Verhalten die gegenseitige Vertrauensgrundlage langfristig zerstört.« Gemeint waren damit die Äußerungen von attac und von Hess Natur-Betriebsräten, die den Kaufinteressenten Carlyle als »Kriegsinvestor« bezeichnet und als Eigentümer abgelehnt hatten.
Der Betriebsratsvorsitzende und Mitglied im Vorstand der Genossenschaft, Walter Strasheim-Weitz, erklärte daraufhin, dass die Genossenschaft weiterhin kaufen wolle, auch für mehr als 21 Millionen Euro. Er erinnerte an die Forderungen, die PSG an einen zukünftigen Eigentümer formuliert hatte: Neben einer soliden Finanzierung und der Weiterentwicklung des Geschäfts die Einhaltung der Hess Natur-Standards.
Offensichtlich geht es jetzt nicht mehr um die Standards mit ihren vielfältigen ökologischen und sozialen Aktivitäten von Hess Natur-Textilien, sondern nur noch um einen möglichst hohen Kaufpreis. PSG sprach inzwischen von 33-40 Millionen Euro. Interessant ist, dass auch ein weiterer Öko-Interessent, der Waschbär-Eigentümer Ernst Schütz, nicht mehr als Käufer zum Zuge kommen soll.
Das Spiel um den Verkauf und die Zukunft von Hess Natur-Textilien ist noch nicht entschieden, allerdings in einer wenig ermutigenden Phase. Die Belegschaft und die Genossenschaft, eine denkwürdige und bemerkenswerte Koalition von Beschäftigten, Kunden und kritischen ZeitgenossInnen, haben noch Chancen. Sie brauchen auch finanzielle Solidarität.
Dem Schreiber dieses Artikels kommen dabei immer wieder zwei Erfahrungen in den Sinn. Sie begründen Zweifel, dass es in dieser Auseinandersetzung nur um möglichst hohe Verkaufserlöse geht. Bei der Schließung des Hertie-Kaufhauses in Mannheim hatte die Belegschaft 1995/96 mit ihrem Betriebsrat und der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) mit großer öffentlicher Resonanz und Unterstützung statt der Schließung des Kaufhauses mit den 300 Beschäftigten die Transformation in das erste große Ökokaufhaus in Deutschland propagiert. Ein Konzept war mit dem Wuppertal-Institut und weiteren Experten in zwei öffentlichen Ideenwerkstätten erarbeitet worden. Eine Realisierung scheiterte an der Weigerung des Karstadt/Hertie-Konzerns und der Hertie-Erben an diesem weithin beachteten Experiment. Dies galt auch für den Verkauf der Immobilie.
Ein ähnlicher Versuch scheiterte 2010 in Kaiserslautern. Am 30. November 2009 wurde dem Betriebsrat von Karstadt Kaiserslautern die Schließung des Kaufhauses zum 31. März 2010 mitgeteilt. Mit großer gewerkschaftlicher und öffentlicher Unterstützung erarbeitete der Betriebsrat zusammen mit Experten und öffentlichen Kreditgebern ein als tragfähig und zukunftsträchtig bezeichnetes Konzept für ein neues Kaufhaus im alten Gebäude. »K-Stadt« war der Name der am 5. Dezember 2009 gegründeten  Genossenschaft. Zu der für den 15. Oktober 2010 geplanten (Neu-)Eröffnung kam es nicht. Am 12. Februar 2010 erklärte nämlich Highstreet, der Immobilienbesitzer zahlreicher Karstadt-Häuser, die Immobilie sei nicht an die Belegschaft zu verkaufen. Dieser Erklärung folgte eine normalerweise wirtschaftlich unsinnige Schließung des Hauses
und die Freistellung der oft jahrzehntelang Beschäftigten zum 23./24. Februar 2010 bei gleichzeitiger Beschäftigung von 40 neuen LeiharbeitnehmerInnen. Ähnliches war auch schon in Mannheim passiert.

Offensichtlich waren 1995/96 in Mannheim und 2010 in Kaiserslautern zusätzliche, hohe Kosten akzeptabel! Warum? Um das Entstehen von selbstorganisierten und selbstverwalteten größeren Betrieben im Einzelhandel zu verhindern? In Butzbach, Mannheim und Kaiserslautern ist immer irgendwie der Karstadt-/Quelle-Konzern, egal in welcher aktuellen designten Wortschöpfung, ob als Arcandor, Promondo, KQMT, PSG usw. beteiligt. Ein Zufall? Eine Laune des Großkapitals? Oder gar dessen Absicht?
(Weitere Infos auch über den Erwerb von Genossenschaftsanteilen findet man auf der Homepage der Hess Natur-Genossenschaft)

anton kobel
erschienen im express, 6/11


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