Frankfurter Gemeine Zeitung

Horowitz mit Schubert in Moskau


Ein Schubertimproptu mit dem alten und jungen Gott des Klaviers, Horowitz. H. hatte Russland 1925 verlassen, wg. der bösen Bolschewiki: Er musste in Kinosälen und wie Wikipedia weiß “vor proletarischen Bauern in Gasthöfen” spielen u. hatte doch als Kind dem großen Scriabin vorgespielt. Ich habe auch mal gehört, dass die Bolschewiki sein Klavier im Elternhaus zum Fenster rauswarfen, wie sich das damals für echte Bolschewiki gehörte. H. emigrierte 23jährig nach Berlin, dann nach Paris, und als die Nazis kamen, in die USA. Er wurde dort Freund des großen anderen russischen melancholischen Musikemigranten, Rachmanninoff.
61 Jahre nachdem H. Russland verlassen hatte, gab er wieder ein Konzert in Moskau: dieses! Und sein Schubert, gespielt von 83jährigen, altersfleckigen Händen, klingt so selbstvergessen innig und so wienerisch nonchalant wie vermutlich schon 1925.
Welten stoßen zusammen und verschwinden: Horowitz, 1903 in einem russischen Schtetl geboren, als Jude und Sohn eines “Elektroingenieurs”-den Beruf gabs damals offenbar schon im zaristischen Russland, starb 1989 fast zeitgleich mit der viel jüngeren Sowjetunion Gorbatschows, in der er dieses Konzert gab. Der fast schon greise Reagan verlieh dem Echt-Greis die “Presidential Medal of freedom”, obwohl H. 1945 die ironischste, pseudoauftrumpfendste Version von “Stars and Stripes forever” gespielt hat, die sich denken läßt- und was war für H. schon “Amerika” gegenüber dem “ewigen Rußland”?
Aber vielleicht ist auch das ein Irrtum.

Horowitz war fast zur gleichen Zeit im Deutschen Fernsehen: 1986. Bei “Aspekte” in einem Interview in Deutsch, denn, na klar, ein Jud aus dem russischen Stettl versteht Deutsch noch mit 83. Ein Interview, das das damalige deutsche Qualitäts-Feuilleton auf grausame Weise entlarvt mit seiner virtuos gehandelten “indirekten Rede” “sie sagten, dass….”, und dem gleichzeitig vorweggenommenen Quatsch der Privaten: “Was für ein Gefühl ist es, Horowitz zu sein?” Trotzdem der Gestus der tonlos inquisitorischen Wahrheitssuchers…Und H. antwortet so wunderbar kindlich,z.B. auf die Frage nach Furtwängler: Nasty and Nazi verschmelzen ununterscheidbar. Horowitz ist ewig.
Aber kein Grund, diesen Fragen, diesen Konjunktiven nachzutrauern. Das ist zu Recht verschwunden.


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