Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zu den Krawallen in UK

Ein paar Blicke auf die Facebook-Präsenzen meiner Freunde und Freundesfreunde zeigte mal wieder, wie einfach es ist, sich von der Ferne aus zu solidarisieren und so konnte ich immer wieder offene oder klammheimliche Freude über die Ausschreitungen in London, die inzwischen auf weitere Teile Großbritanniens übergegriffen haben, lesen.

„Endlich bewegt sich was“ oder „endlich geht es denen da oben mal so richtig an den Kragen“ lautete der Tenor manches Kommentars.
Wer Geschäfte plündert und Häuser anzündet, ist in Wahrheit ein moderner Robin Hood im Kampf gegen ein unterdrückerisches System… so einfach ist das also.

Nur ein Freundesfreund, der nach seinem Webauftritt offenkundig der antideutschen Szene zuzurechnen ist, kommentierte, dass „gegen primitive Menschen nur Polizeigewalt“ helfe.
Heute sah ich die Bildschlagzeile, in der Teilnehmer der Ausschreitungen als Chaoten abgestempelt wurden.
Primitive Chaoten mit der Lust am Zerstören… so einfach ist das also.

Doch ist es wirklich so einfach?

Die unvermeidliche Frage unserer Medienlandschaft ist die Schuldfrage. Wer ist schuld an den Ausschreitungen?

Nach Lesart der Linken sind ganz klar die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse schuld, die den randalierenden Jugendlichen keine ausreichenden Lebenschancen gegeben haben, die durch Gentrifizierung ärmere Bevölkerungsschichten in prekäre Wohnlagen gedrängt haben, die den Jugendlichen durch Werbung suggerieren, dass sie teure Statussymbole brauchen und die Bildung und Gesundheitsfürsorge zu einer Frage des Einkommens machen.
Der Thatcherismus von dem sich auch spätere Labour-Regierungen nie mehr ganz lösen konnten, mit Privatisierungen, Reduzierung der Arbeitnehmerrechte und allgemeinem Sozialabbau hat die Basis geschaffen, auf der heute die Unruhen entstehen.

Diese Einschätzung ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, doch ist sie problematisch und verkürzend, da sie das gewalttätig handelnde Individuum von eigenen Schuldanteilen freispricht und den Gewalttäter zum Opfer einer Gesellschaft stilisiert, die ihm keine andere Wahl zu handeln gelassen habe.

Außerdem bietet sie keinen Lösungsansatz außer der vagen Hoffnung, dass eine ideale Gesellschaft sich irgendwann den idealen Menschen formen möge.

Die rechte Lesart hingegen, die in unseren Zeiten oft unter der Flagge eines falsch verstandenen Liberalismus daherkommt, betont die Eigenverantwortung des Individuums bis hin zu einem Punkt, dass gesellschaftliche Einflüsse ausgeklammert werden.

Nach dieser sind arme Individuen an ihrer Misere durch ihren „Arbeitsunwillen“ und ihre „Faulheit sich zu bilden“ „selber Schuld“.

Eine solche Interpretation bietet drastische Scheinlösungen („konsequent niederknüppeln“), die in ihren Folgen allerdings äußerst unappetitlich sind und mit etwas klarem Verstand konsequent abgelehnt werden müssen.

Über diese Interpretationen kann man sich nun trefflich und ausufernd streiten, doch hat dieser Streit den Wert einer Diskussion darüber, ob Licht aus Wellen oder Teilchen besteht.
Erklärungsmodelle sind eben vor allem eines: Modellvorstellungen.

Tragisch wird es, wenn derartige Modellvorstellungen derart internalisiert werden, dass sich aus ihnen erst Gewissheiten und schließlich Reflexe bilden.

Wie sich rechte Reflexe anhören, kann man sehr gut an den Schlagzeilen der Bildzeitung ablesen aber auch in anderen Medien, da rechte Reflexe, wie mir scheint, zur Zeit en vogue sind, was auch die Sarrazin-Debatte eindrucksvoll bewiesen hat.

Doch auch den linken Reflex gibt es, der von rechter Seite gerne als „Gutmenschentum“ angeprangert wird.

Um hierfür ein Beispiel geben zu können, möchte ich mich an eine Begebenheit aus meinem Bekanntenkreis erinnern. Auf einer Party erzählte ein Bekannter, ein übergewichtiger Heavy-Metal-Fan und Fantasy-Rollenspieler mit Hauptschulabschluss, dass er früher ausländerfeindlich und rechtsextrem gewesen sei.
Diese Einstellung habe er damals entwickelt, da er als einziger deutscher Schüler in seiner Klasse von den ausländischen Mitschülern schlimm drangsaliert worden sei.
Inzwischen habe er sich aber komplett von der rechten Szene distanziert.
Eine angehende Sozialpädagogin, die das mitanhörte unterstellte ihm daraufhin, er sei damals von seinen ausländischen Mitschülern gehänselt worden, da er eine latent rassistische Einstellung gehabt habe.
Wenn er nur offen genug auf seine Mitschüler zugegangen wäre, so wären diese auch freundlich zu ihm gewesen.

In diesem Moment hätte ich gerne gesehen, wie diese verständnisvolle Sozialpädagogin mit einer Horde testosterongeladener, wild pubertierender männlicher Hauptschüler fertig geworden und ob ihre Offenheit dort auf viel Gegenliebe gestoßen wäre.
Oder ob sie sich nach ein paar Jahren nicht selbst verbittert dem rechten Erklärungsmodell angeschlossen und die Schüler für „faul“, „unintegrierbar“ und „böswillig“ abgestempelt hätte.

Schließlich sind so einige der Vertreter des rechten Modells durch das Leben enttäuschte und zynisch gewordene Linke, wie Henryk M. Broder oder der ungleich schlimmere Horst Mahler.

Doch um wieder auf die Unruhen in Großbritannien zurückzukommen:

Wie haben diese überhaupt begonnen?
Sie begannen im Londoner Stadtteil Tottenham, als ein junger vierfacher Vater unter fragwürdigen Umständen durch die Polizei erschossen wurde, etwas, das, wenn ich mir die Anmerkung an dieser Stelle erlauben darf, durchaus auch in Frankfurt vorkommt.

Aus den berechtigten Protesten wurden inzwischen aber generalisierte Gewalttätigkeiten, die kein politisches Ziel mehr verfolgen. Und dies eben ist ein grundsätzliches Problem politischer Gewalt: Sie verselbständigt sich und zwar egal, ob sie von staatlicher Seite oder von Protestierenden kommt.
Sie zieht Trittbrettfahrer an, die das allgemeine Chaos nutzen, um sich zu bereichern oder persönliche aggressive Impulse zu befriedigen.

Doch politische Gewalt hat noch einen weiteren negativen Aspekt, der eigentlich jeden denkenden Menschen davon abhalten sollte, Gewalt als Mittel der Politik in Erwägung zu ziehen.
Politische Gewalt nämlich delegitimiert auch die besten Absichten.

Die Durchschnittsbevölkerung, die eigentlich selbst Leidtragende von Privatisierung und Sozialabbau, von Konkurrenzdruck und Entgrenzung der Arbeit ist, kann sich nicht auf die Seite derer stellen, die ihre Autos demolieren und ihre Häuser anzünden.
Notgedrungen wird sich die öffentliche Meinung also auf Seiten der Hardliner schlagen, die die Viertel „mit dem Kärcher reinigen“ wollen, wie Nicholas Sarkozy angesichts ähnlicher Unruhen in Frankreich sagte.
Denn selbst das toleranteste politische System kann keine brandschatzenden Horden auf seinen Straßen tolerieren.
Die Bevölkerung wird also ganz „freiwillig“ nach einer Ausweitung der Repression schreien, die ihnen dann natürlich von ihrer Regierung gerne gewährt wird.
Natürlich verschärft eine Ausweitung der Repression die sozialen Ungleichgewichte und damit eine der Ursachen des Problems weiter, womit es wieder zu neuen Ausschreitungen und zu neuen Repressalien kommt, bis sich das ganze System unter Augen und Zustimmung seiner Bürger in einen Polizeistaat verwandelt, in dem die sozialen Unterschiede derart zementiert sind, dass niemand mehr wagt, dagegen aufzumucken.
Eine fürchterliche Vorstellung.

Doch was kann man gegen diesen Teufelskreis tun? Wie könnte, um es mit Wittgenstein zu sagen, die Fliege den Weg heraus aus dem Fliegenglas finden?

1. Zuerst einmal sollten sich möglichst viele Beteiligte über ihre politischen Reflexe klar werden und diese weitestmöglich über Bord werfen.

2. Auf Seiten der politisch Aktiven, die versuchen gegen die sozialen Ungerechtigkeiten zu kämpfen, sollte konsequent auf Aktionen verzichtet werden, die das Ansehen der eigenen Sache diskreditieren können.

3. Von staatlicher Seite muss gegen Ausschreitungen vorgegangen werden, dies aber in einem rechtsstaatlichen Maße, transparent und unter umfassender Information der Bürger. Wer behauptet, man käme den „Gegnern des Rechtsstaates mit rechtsstaatlichen Mitteln nicht mehr bei“, der unterschreibt damit die Bankrotterklärung der Werte, für die er selbst einsteht.

4. Rachsucht und Zorn sind für alle Seiten die schlechtesten Ratgeber. Politische Handlungen sollten rational und nicht emotional bestimmt sein.

Das Wichtigste aber bleibt, dass Solidarität kein Abstraktum ist, sondern bei einem selbst anfängt.

Stelle Dich einmal vor den Spiegel und frage Dich selbst, wie viele Menschen Du kennst, die in prekären und bildungsfernen Verhältnissen leben.
Wie viele ehemalige Gefängnisinsassen zählen zu Deinem Freundeskreis? Wie viele Deiner Freunde haben „nur“ einen Hauptschulabschluss?
Setze Dich einmal an einem Samstagvormittag mit einer Gruppe betrunkener südosteuropäischer Tagelöhner auf eine Parkbank und rede mit ihnen über das Leben.

Segregation kann erst dann aussterben, wenn wir aufhören Segregation zu leben.


3 Kommentare zu “Gedanken zu den Krawallen in UK”

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