Frankfurter Gemeine Zeitung

Frankfurter Slutwalk Fotostrecke

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Schlampenspaziergang

Oberfoto
Am vergangenen Samstag war am Kaisersack des Frankfurter Bahnhofsviertels der Teufel los. Unter dem Motto „No means no“ versammelten sich städteübergreifend mehrere Tausende selbsterklärte „Schlampen”, um gegen vorherrschende Rollenbilder und sexualisierter Gewalt einen Zeichen zu setzen. Mit Plakaten und Transparenten legten Frauen und Männer in schriller, freizügiger aber auch in „normaler“ Kleidung einen beeindruckenden Slutwalk hin. Eine Kleidungsvorschrift a´ la “um Miniröcke wird gebeten” gab es nicht – jede(r) kam so, wie sie oder er sich wohl fühlt. Gemeinsam marschierten sie durch das Rotlichtmilieu, an Erotikcentern, Casinos vorbei, wo neugierige Prostituierte aus den Fenstern schauten, bis hin zum Willy-Brandt-Platz. So bunt wie das Publikum, so vielfältig waren auch die Sprüche, die sich Frauen und Männern auf ihre Körper, auf Plakate oder Transparente geschrieben haben: „ My body my choice“, „You don´t own me“, “To slut or not to slut. It´s not the question. Don´t be a sexist”. “Die Würde der Schlampen ist unantastbar” oder “May be i´m asking for it, but not from you!”

Slogans
Hintergrund des Schlampenmarschs ist der Rat eines kanadischen Polizisten während eines Vortrags: Frauen sollten sich nicht wie Sluts kleiden, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden. Der Stein kam ins Rollen- auch in anderen Großstädten u.a. in Hamburg, München und Stuttgart demonstrierten Tausende von Menschen. Slutwalker setzten sich entschlossen gegen das “victim blaming” ein, das Opfer von Vergewaltigungen zu Täterinnen macht, ebenso wie gegen Sexismus, Vergewaltigungsmythen und- verharmlosungen.
Am Rande des Slutwalks sprach ich mit einigen TeilnehmerInnen.
Einer der VeranstalterInnen, Elisabeth, betonte, dass „nicht nur der Feminismus, sondern generell Bewegungen gegen Diskriminierungen ihre Ziele noch lange nicht erreicht haben“. Aktionen wie diese sollen die Gesellschaft aufrütteln.

Elisabeth, eine der Veranstalterinnen

Elisabeth, eine der Veranstalterinnen

Aus demselben Anlass beteiligten sich auch Sunny Graff und ihr Verein „Frauen in Bewegung“ an dem Aufmarsch der “Sluts”.  „Frauen in Bewegung“ sind ein gemeinnütziger Verein für Selbstverteidigung, Kampfkunst und Gewaltprävention, der sich an Frauen und Mädchen richtet.

Frauen in Bewegung

„Wir sind hier, weil es wichtig ist ein Zeichen zu setzen, dass Frauen ein Recht darauf haben ihr Leben frei zu leben und sich zu kleiden und zu gehen, wie wir wollen, wo wir wollen. Wir haben genauso viele Rechte, die wir für uns in Anspruch nehmen sollten. Wir sind hier, so: Deal with it!”

Aber auch Männer waren als Sluts oder Symphatisanten unterwegs. Habir Moreno kommt alle halbe Jahre nach Spanien. Über Facebook hat seine Freundin ihn auf den Slutwalk darauf aufmerksam gemacht.

Habir Moreno

Habir Moreno

„Ich fand den Namen interessant und wusste eigentlich nicht genau was das ist, nur, dass es um die Rechte von Frauen geht. Ich beteilige mich als Mann hier, weil ich mich für die Gleichberechtigung ausspreche. Außerdem sollen sich Leute so anziehen, wie sie das möchten und ihre Sexualität zeigen”. Wenn Frauen als “Sluts” bezeichnet werden, dann ist das nicht ein Problem der Frauen, sondern ein Problem der Männer“!

Auch Eva aus Frankfurt ist hier, um gegen sexuelle Übergriffe und insbesondere gegen das victim blaming zu protestieren.

Eva

Eva

Sie sagte, dass die Art von Diskriminierung findet überall statt und Frankfurt ist genauso betroffen wie alle anderen Städte auch. Gewünscht hätte sie sich  allerdings etwas mehr TeilnehmerInnen.

Cat (28) meinte: “Es ist blöd , wenn man “nein” sagt und der denkt dann doch “ja” und wenn du dich jedes Mal wehren musst. Oder Lieder gesungen werden, die frauenfeindlich sind. Frankfurt ist eine Großstadt und viele Leute kennen die Stadt. Ich denke, dass Frankfurt deshalb als Standort gewählt wurde. Ich erhoffe mir von der Veranstaltung, dass wir mehr respektiert werden.Es kann nicht sein, nur weil wir gut aussehen, das es gleich heißt, oh, ich kann mit der in die Kiste, egal wie“.

Cut

Cat

Ein Zeichen haben die SlutwalkerInnen am vergangen Samstag definitiv gesetzt. Bleibt nur abzuwarten, welche Spuren die Initiative in den Medien hinterlässt, dort, wo Frauen gerne wieder als fremdbestimmte Sexobjekte abgefeiert werden  und Heterosexualität überwiegend als „Normalzustand“ erscheint.


Bürgerlicher Alarmismus: Schirrmacher macht den Geißler

Dem “Kulturkritiker” und “bürgerlichen Vordenker” Frank Schirrmacher muß ob plötzlich erkanntem Ausdünnen “bürgerlicher Werte” der Schreck in die Glieder gefahren sein: unter der Überschrift „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ möchte er in einem FAZ-Artikel eine Art Ent-Finanzialisierung der CDU antriggern. Ihn bewegt jetzt ein feuilleton-politisches Unbehagen der Art, wie es bereits vor Jahren den Alt-Konservativen Heiner Geißler zu ATTAC trieb.

Wie in der FAZ üblich, deren Mitherausgeber Schirrmacher ist, finden sich solche Pamphlete zu “Werten” auf den hinteren Kulturseiten, während vorne und im Wirtschaftsteil die harte Realpolitik durchgezogen wird.

Das Faß des bürgerlichen Schönschreibers zum Überlaufen brachte erstens eine Seniorenrede von Erwin Teufel (Ex-CDU-Ministerpräsident), der ganz überraschend alte Werte mit neuer Steuerreform (ala Lobbyist Merz und Kirchhoff) verknüpfte und den ganzen Miesen im jahrzehntelang aufgepeppelten Aktien-Depot so richtig aus der Seele sprach.

Werte-Kanon

Und dann kam zweitens noch ein Waschechter aus der harten Thatcher-Brigade im gegenwärtig unruhigen Großbritannien dazu: haben “die Linken” manchmal die besseren Ideen? fragte er, womit er explizit nicht die Labor-Party meinte.

Also folgt aus diesen Statements ein gewisses FAZ-Resümee: bevor die SPD zur Werte-Revolution der Mitte aufruft, schnell selbst ans Werte-Bastel-Werk. Oder vielleicht lässt sich ja auch eine große Werte-Koalition aus schwarz, grün, rot versammeln. Wäre auch gut für den Standort-Wettbewerb.

Wer aber wird darunter zu Lachen haben?

Vielleicht der ehrgeizige Jung-Rechte Paul Nolte (“Vordenker”), der in diesen Artikeln nur eine Anbiederung an alte Hüte und “Verschwörungstheorien” der Linken über den “Kapitalismus” sieht, und sich über das greisenhafte Klagen solcher Konservativer wundert. Nichts wirklich Neues im Lande also.

Darunter gibt´s aber für viele auch nicht viel zu Lachen.

Ok, zumindest über die Phraseologien aller Genannten kann man schmunzeln.


Medienkompass: Jagdszenen

“Wir werden euch verfolgen,
wir werden euch finden,
wir werden euch anklagen,
wir werden euch bestrafen”.

Diese mutigen Sätze sprach ein echtes Mitglied der Oberklasse aus, der britische Premier Cameron nach den “Riots” in englischen Großstädten. Er äusserte seine Drohungen im Geiste einer jahrhundertealten Erfahrung seiner Klasse mit Aufstandsbekämpfung in der ganzen Welt, von Indien über Südafrika bis in die eigenen Vorstädte. Nichts wirklich Neues also.

Upper-Class-English-Twits

Eine intensive Kriminalisierung von mittellosen Teilen der eigenen Bevölkerung begann aber in der Ära Thatcher vor ca. 30 Jahren, beschleunigte sich mit dem Kampf gegen die alte englische Arbeiterbewegung und schlägt sich heute in ständigen Überwachungen bis zu informellen Ausgangssperren in kritischen Stadtteilen nieder. Wer möchte in der Finanz- und Shopping-Stadt London bei seinen Geldtransfers auch durch minderbemittelte Habenichtse gestört werden? Solches wäre schädlich beim ach so wichtigen Städte-Wettbewerb.

Die tiefere Bewertung und Eigendynamik soll hier nicht Thema sein (eine lesenswerte Einordnung des Geschehens durch einen Bewohner findet sich hier), sondern eher die Reaktionen der Presse, die sich wieder als besonders übles Moment gesellschaftlicher Neuordnung offenbart.

Nur Tage nach Aufdeckung der engen Verquickung von Administration, Polizei und Medien, nach den diversen Korruptions- und Selbstbedienungsaffären in englischer Politik hat die mutige englische Presse endlich wieder die richtigen Feinde gefunden: direkt auf der Strasse vor Ort. Mit etwas Verwunderung darüber, dass Medienvertreter dort nicht sonderlich beliebt sind, setzen Reporter die polizeiliche Verhörpraxis in den Unruhe-Stadtteilen fort, mit eher geringem Erfolg. Auf beharrliches Nachfragen wollten die befragten illegalen Shopper den mit Videokameras drängelnden Medienvertretern keine genaue Auskunft über ihr Tun geben.

Was den Beobachter solcher Szenen journalistischen Mutes stört, ist die Selektivität der Befragung: erinnern wir uns an den allgemeinen medialen Jubel über die unregulierte Londoner Finanz-City, die wohlige Erregung über dortige Champagner-Parties und Milliarden-Profite. KEIN Medienvertreter rannte beim großen Breakdown 2008/2009 den Pleite-Bankern hinterher, fragte sie nach ihren Beweggründen aus, bedrängte sie vor ihrer Haustür und verlangte nach DRASTISCHEN Sanktionen gegen sie – genausowenig wie jetzt! Dabei war der verursachte gesellschaftliche Schaden ein Vielfaches von dem der Ereignisse letzter Woche.

Ein Kommentar aus linksliberaler Ecke macht das ganze Elend und die Dummheit des gnadenlosen britischen Neoliberalismus deutlich: “Manche Politiker weisen darauf hin, die Unruhen seien dadurch ausgelöst worden, dass Jugendlichen die Zukunftsperspektiven fehlten. Das mag stimmen. Doch das größte Problem in Großbritannien ist ein anderes. In den vergangenen 20 Jahren hat man geglaubt, der Staat müsse alles regeln und alles Notwendige zum Wohlergehen in die Wege leiten. Die Verantwortung des Einzelnen für sich und die Gemeinschaft übertrug man bereitwillig dem Staat. Falls die jüngsten Unruhen irgendetwas gezeigt haben, dann lautet die Botschaft, dass es so nicht weitergehen kann“, konstatierte tatsächlich der GUARDIAN in London.

Man reibt sich die Augen: ZUVIEL STAAT ist angeblich das Problem, zuwenig Individualismus, und das nach Thatcher, Blair und Cameron, nach 30 Jahren Abbau des Gemeinwesens. So urteilen selbst sozialdemokratische Blätter – und man ahnt, was uns in Deutschland noch bevorsteht.

Die Musen sind keine Scharfrichter!

Das Schiller-Zitat scheint frommer Wunsch zu werden, wenn man sich an einem Interview mit Wolf Biermann zum Mauerbau orientiert. Der Ex-DDR-Sänger und wilde Linken-Hasser konstatierte im Radio: Sich selbst mit ihrer Partei aus der Schuld herauszulügen, die geschichtlich auf diesen Leuten lastet. Das sind ja die Erben der DDR-Nomenklatura, und zwar finanziell und politisch und moralisch, genauer gesagt, unmoralisch. Es ist dieses verkommene Pack, das uns jahrzehntelang in der DDR unterdrückt hat, und natürlich tun die alles, um ein Geschichtsbild zu basteln, wo sie mit blauem Auge davonkommen und nicht mit Kopf ab.

Nun weiß man nicht, ob das “Kopf ab” für “verkommenes Pack” besonderes Musentum des Bänkelsängers artikuliert, oder eher die eigene Beschleunigung in Richtung einer Art von McCarthytum. Dieses meint eine allgemeine Sozialistenhatz in den USA der 50er Jahre, bei der sich Künstler-Kollegen (etwa Ronald Reagan) gegeneinander illegaler gewerkschaftlicher Tätigkeit bezichtigten. Alles im Sinne von gutem Cashflow: “mit voller Kraft für den Kapitalismus”.

Es bleibt aber noch eine andere Interpretation der erregten Äusserung: vielleicht kommt nach Jahrzehnten bei Biermann doch ein versteckter Stalinismus bei der Suche nach Staatsfeinden an die Oberfläche, als eine Variante des Musentums, bei der Abweichler gerne mal den Exekutionspeletons ausgeliefert wurden. Hauptsache das eigene Bild bleibt scharf genug.


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