Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass: Jagdszenen

“Wir werden euch verfolgen,
wir werden euch finden,
wir werden euch anklagen,
wir werden euch bestrafen”.

Diese mutigen Sätze sprach ein echtes Mitglied der Oberklasse aus, der britische Premier Cameron nach den “Riots” in englischen Großstädten. Er äusserte seine Drohungen im Geiste einer jahrhundertealten Erfahrung seiner Klasse mit Aufstandsbekämpfung in der ganzen Welt, von Indien über Südafrika bis in die eigenen Vorstädte. Nichts wirklich Neues also.

Upper-Class-English-Twits

Eine intensive Kriminalisierung von mittellosen Teilen der eigenen Bevölkerung begann aber in der Ära Thatcher vor ca. 30 Jahren, beschleunigte sich mit dem Kampf gegen die alte englische Arbeiterbewegung und schlägt sich heute in ständigen Überwachungen bis zu informellen Ausgangssperren in kritischen Stadtteilen nieder. Wer möchte in der Finanz- und Shopping-Stadt London bei seinen Geldtransfers auch durch minderbemittelte Habenichtse gestört werden? Solches wäre schädlich beim ach so wichtigen Städte-Wettbewerb.

Die tiefere Bewertung und Eigendynamik soll hier nicht Thema sein (eine lesenswerte Einordnung des Geschehens durch einen Bewohner findet sich hier), sondern eher die Reaktionen der Presse, die sich wieder als besonders übles Moment gesellschaftlicher Neuordnung offenbart.

Nur Tage nach Aufdeckung der engen Verquickung von Administration, Polizei und Medien, nach den diversen Korruptions- und Selbstbedienungsaffären in englischer Politik hat die mutige englische Presse endlich wieder die richtigen Feinde gefunden: direkt auf der Strasse vor Ort. Mit etwas Verwunderung darüber, dass Medienvertreter dort nicht sonderlich beliebt sind, setzen Reporter die polizeiliche Verhörpraxis in den Unruhe-Stadtteilen fort, mit eher geringem Erfolg. Auf beharrliches Nachfragen wollten die befragten illegalen Shopper den mit Videokameras drängelnden Medienvertretern keine genaue Auskunft über ihr Tun geben.

Was den Beobachter solcher Szenen journalistischen Mutes stört, ist die Selektivität der Befragung: erinnern wir uns an den allgemeinen medialen Jubel über die unregulierte Londoner Finanz-City, die wohlige Erregung über dortige Champagner-Parties und Milliarden-Profite. KEIN Medienvertreter rannte beim großen Breakdown 2008/2009 den Pleite-Bankern hinterher, fragte sie nach ihren Beweggründen aus, bedrängte sie vor ihrer Haustür und verlangte nach DRASTISCHEN Sanktionen gegen sie – genausowenig wie jetzt! Dabei war der verursachte gesellschaftliche Schaden ein Vielfaches von dem der Ereignisse letzter Woche.

Ein Kommentar aus linksliberaler Ecke macht das ganze Elend und die Dummheit des gnadenlosen britischen Neoliberalismus deutlich: “Manche Politiker weisen darauf hin, die Unruhen seien dadurch ausgelöst worden, dass Jugendlichen die Zukunftsperspektiven fehlten. Das mag stimmen. Doch das größte Problem in Großbritannien ist ein anderes. In den vergangenen 20 Jahren hat man geglaubt, der Staat müsse alles regeln und alles Notwendige zum Wohlergehen in die Wege leiten. Die Verantwortung des Einzelnen für sich und die Gemeinschaft übertrug man bereitwillig dem Staat. Falls die jüngsten Unruhen irgendetwas gezeigt haben, dann lautet die Botschaft, dass es so nicht weitergehen kann“, konstatierte tatsächlich der GUARDIAN in London.

Man reibt sich die Augen: ZUVIEL STAAT ist angeblich das Problem, zuwenig Individualismus, und das nach Thatcher, Blair und Cameron, nach 30 Jahren Abbau des Gemeinwesens. So urteilen selbst sozialdemokratische Blätter – und man ahnt, was uns in Deutschland noch bevorsteht.

Die Musen sind keine Scharfrichter!

Das Schiller-Zitat scheint frommer Wunsch zu werden, wenn man sich an einem Interview mit Wolf Biermann zum Mauerbau orientiert. Der Ex-DDR-Sänger und wilde Linken-Hasser konstatierte im Radio: Sich selbst mit ihrer Partei aus der Schuld herauszulügen, die geschichtlich auf diesen Leuten lastet. Das sind ja die Erben der DDR-Nomenklatura, und zwar finanziell und politisch und moralisch, genauer gesagt, unmoralisch. Es ist dieses verkommene Pack, das uns jahrzehntelang in der DDR unterdrückt hat, und natürlich tun die alles, um ein Geschichtsbild zu basteln, wo sie mit blauem Auge davonkommen und nicht mit Kopf ab.

Nun weiß man nicht, ob das “Kopf ab” für “verkommenes Pack” besonderes Musentum des Bänkelsängers artikuliert, oder eher die eigene Beschleunigung in Richtung einer Art von McCarthytum. Dieses meint eine allgemeine Sozialistenhatz in den USA der 50er Jahre, bei der sich Künstler-Kollegen (etwa Ronald Reagan) gegeneinander illegaler gewerkschaftlicher Tätigkeit bezichtigten. Alles im Sinne von gutem Cashflow: “mit voller Kraft für den Kapitalismus”.

Es bleibt aber noch eine andere Interpretation der erregten Äusserung: vielleicht kommt nach Jahrzehnten bei Biermann doch ein versteckter Stalinismus bei der Suche nach Staatsfeinden an die Oberfläche, als eine Variante des Musentums, bei der Abweichler gerne mal den Exekutionspeletons ausgeliefert wurden. Hauptsache das eigene Bild bleibt scharf genug.


5 Kommentare zu “Medienkompass: Jagdszenen”

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