Frankfurter Gemeine Zeitung

Activism meets Academy

Die Exzess-Halle in Bockenheim war gerammelt voll, mit fast 150 Leuten hatte kaum jemand gerechnet. “Faites vos jeux!” und die “Krisengruppe” aus dem Frankfurter Netzwerk “Wem gehört die Stadt?” wollten die Netzwerker und andere Interesierte mit Kritischen Geografen und Stadtforschern , die sich in Frankfurt gerade zu ihrem Welt-Kongress (!) zusammenfanden, in einer Veranstaltung zum “Recht auf Stadt” zusammenbringen.

recht_auf_Stadt_logo

Das gelang auch ein gutes Stück weit. Drei ReferentInnen aus akademischen Institutionen berichteten über Umfeld und Bedingungen von europäischen Stadtbewegungen der letzten Jahre. Sybille Bauriedl lehrt am Institut für Geographie der Universität Hamburg und ist mit dem Arbeitsschwerpunkt StadtRaum (ASSR) beim Bundeskongress Internationalismus (BUKO) aktiv. Andrej Holm forscht an der Humboldt-Universität Berlin zu den Themen Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik im internationalen Vergleich. Anne Vogelpohl ist Mitarbeiterin am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main und arbeitet dort im Forschungsprojekt »Die Neuordnung des Städtischen im neoliberalen Zeitalter«  Die Veranstaltung sollte  das Frankfurter Netzwerk mit Erkenntnissen über ihre direkten Zusammenhänge versorgen und diese diskutieren.

Das betraf zunächst die theoretischen Quellen der Stadtbewegungen aus der französischen Philosophie der 60er Jahre, besonders in Gestalt Henri Lefebvre,den Anne Vogelpohl vorstellte. Der unorthodoxe Marxist diagnostizierte in der Stadt einen besondern gesellschaftlichen Schmelztiegel, der eigene Impulse für soziale Bewegungen liefert. Lefebvre:”Alles, was andernorts entsteht, reißt die Stadt an sich: Früchte und Objekte, Produkte und Produzenten, Werke und schöpferisch Tätige, Aktivitäten und Situationen. Was erschafft sie? Nichts. Sie zentralisiert die Schöpfungen.« Dieses Zentrum gilt es zurück zu erobern. (mehr über Lefebvre hier von Klaus Ronneberger v.”Nitribitt” in der FGZ)

Aus reflektierter und praktisch erfahrener Berliner Sicht wurde dieser theoretische Ansatz von Andrej Holm mit praktischen Ansprüchen und Problemen in Stadtteilen vor Ort konfroniert. “Mit dem großen Systemsprung kommt man da nicht weiter“. Die damit oft verbundene konzeptionelle Überlastung der Aktivitäten bringt tatsächlich weniger politische Aktivierung als gewünscht. Aber die von Lefebvre vermuteten “kreativen Überschüsse” gerade im Städtischen können dort vielleicht schrittweise neue politische Formen erzeugen. Deshalb,so Holm: keine Theorie-Engführung; dass die Netzwerke kaum Thesenpapiere über ihr Selbstverständnis produzieren sei kein Manko, sondern halte sie effektiv.

Der dritte Bericht v. Sybille Bauriedl bezog sich auf die Geschichte von Stadtbewegungen und besonders auf Hamburg, dessen Stadt-Netzwerk gegenwärtig am meisten Furore macht. Insbesondere die im Netzwerk vertretenen Künstler beherrschen das Spiel mit den Medien virtuos: sie faken Stadtmitteilungen, um auf Probleme aufmerksam zu machen oder verweigern sich spektakulär gegenüber dem Versuch der Stadt, sie als Aushängeschild für die “Marke Hamburg” zu mißbrauchen (mit Aktionen wie “Not in our name“). Bauriedl betonte die Heterogenität, Breite und die Erfolge  der Hamburger Iniative, aber auch die Kontinutät (als jour fixe) und gegenseitige Sensibilität für unterschiedliche Lagen der beteiligten Gruppen: sie reicht von Autonomen bis zum Schrebergartenverein.

Die anschließende Diskussion spannte sich vor allem zwischen den Polen Systemangriff und Mikropolitik auf: wie kommen diese zusammen, ohne das jeweils andere zu vernachlässigen? Wie zielt man auf übergreifende Zusammenhänge, ohne sich in Alltagsauseinandersetzungen zu verlieren? Vergisst man beim Erhalt von Wohnraum nicht den Kontext der Immobilienzusammenhänge? Wann redet man an den Problemen vor Ort vorbei?

Die Diskussion führte auch zu  Nachfragen gegenüber der effektiven Ergebnissen der Berliner und Hamburger Initiativen: War es dort gelungen den Gentrifizierungsprozess allgemein zu stoppen? Oder standen  die medial wirksameren Lebens- oder Marktpositionen von Künstlern  im Vordergrund? Diese Gefahr war den akademischen Aktivisten durchaus bewußt, sie wurde aber mit dem Hinweis auf die Initiativen-Bezogenheit  und Solidarität abgeschwächt. So verwies Bauriedl darauf, dass es üblich geworden wäre, bei überteuerten Wohnungsangeboten vor Ort wilde Partys zu veranstalten,um gegenüber Maklern unerwünschte Präsenz zu zeigen. Auch in Gremien oder bei offiziellen Veransdtaltungen hätte das Netzwerk beachtliche “Nervaktivitäten” entfaltet-das alles würde nicht nur von Künstlern initiert und käme nicht nur Künstlern zu gute.

Allerdings räumten die Referenten ein, dass der Zusammenhang zur “Arbeit”, die mit ihren Kontexten gewiß im Fokus gesellschaftskritischer Initiativen liegen müsste, von  den dortigen Netzwerken – wie in Frankfurt - kaum hergestellt wird.  In die Beschreibung der aktuellen Grenzen solcher Bewegungen / Netze passt sich die Nachfrage eines Zuhörers ein, was denn mit den Migranten wäre. Es verwunderte  ihn, dass an diesem Abend  eine sehr große Gruppe der Frankfurter Stadtbevölkerung fast gar nicht im Publikum vertreten war, obwohl sie zu den Leidtragenden der Stadtentwicklung gehört. Die Referenten stimmten dem auch für Berlin und Hamburg zu: Migranten, aber auch Hartz-IV-Empfänger sind in allen Recht-auf-Stadt-Gruppen eher spärlich vertreten. Sie betrachten die Problematik nicht als die ihre; es gibt wohl auch “kulturelle” Barrieren. Andrej Holm forderte dazu auf, aktiv auf diese Gruppen zu zu gehen.

Beinahe ironisch könnte man anmerken, dass bei der Schilderung der langjährigen Ereignisse in Hamburg und Berlin die Geschichte der Stadt Frankfurt, in der die Netzwerk-Initiative doch angesiedelt ist, eigentlich untergeht. Die fast 10 Jahre dauernden “Häuser-” und Stadt-Kämpfe in Frankfurt vor über 30 Jahren waren Vorreiter in Deutschland. Besonders waren bei ihnen Stadtbewohner, Studenten, für Lohn Arbeitende und Immigraten sehr aktiv beteiligt. Davon ist man jetzt aber weit entfernt, leider.

Während damals die Trennlinien eher durch politische Gruppierungen gezogen waren, sind es heute mehr Milieus, Tätigkeitssphären und Individualisierungserwartungen. Im Zusammenhang von damals und heute sei angemerkt: die “kreativen Überschüsse” der Stadt wurden und werden gerne von herrschenden Kräften vereinnahmt und liegen nicht einfach zu freier politischer Eruption offen.  Zu lernen wäre vermutlich auch für das Frankfurter Netzwerk, wie man sich an solche Geschichten und ihr (radikales) Scheitern bezieht, und wie man auch die eigenen Erfahrungen möglichst bewahrt und sie schrittweise ausbaut.


Freitag Abend: Mainufer

IMG_0444

IMG_0453

IMG_0467

IMG_0495

IMG_0515


Medienkompass: Freitag macht den Spiegel, Augstein den Schirrmacher

Eine Welle antisozialistischer oder “anti-linker” Bekundungen aus den deutschen Medienhimmeln umspült die Berliner politischen Einrichtungen derzeit. Sie reicht bis zu offenen Kotaus vor ihnen, trotz ihrer eher miserablen Verfassung. Über des Rot-Grünen Präsidentenkandidaten Gauck Warnung vor der Berliner Mauer beim Salzburger Opernpublikum und die Anregung des Liedermachers Wolf Biermann, die Linke einen Kopf kürzer zu machen kommt jetzt in diesem Sinne noch ein grüner Medienerbe hinzu. Er schickt dabei sein Blatt mit in den Berliner Wahlkampf, gegen den akut drohenden Sozialismus: offensichtlich reicht die Taz dazu allein nicht.

Der damit adressierte Freitag-Besitzer Jakob Augstein übernahm vor ein paar Jahren die einzige linke deutsche Wochenzeitung und unternimmt seitdem immer wieder Schritte zur “Verspiegelung” des Blattes. Eigentlich brauchen wir das nicht wirklich, davon gibt es tatsächlich schon genug.

Sein Leitkommentar in der aktuellen Ausgabe sieht 2 Verlierer gegenwärtiger Moderne, den Neoliberalismus und die Linken. Offensichtlich haben den Berliner Verleger  ähnliche Ereignisse bewegt wie kürzlich einen bekannten Frankfurter Zeitungs-Herausgeber:  auch Schirrmacher von der FAZ sieht Schwierigkeiten mit dem Kapitalismus wegen dauernden Unruhen und der Finanzkrise.

Während sich Schirrmacher jedoch noch rhetorisch guten Erklärungen von Linken zuwendet, verbaut Augstein gleich alle linken Strömungen und Fraktionen der Partei Die Linke zu einer drohenden stalinistischen Fratze. Sozialismus kann nur bei der Stasi enden, wo auch sonst, Basta!

Zum Glück sieht der besorgte Unternehmer nur den Neoliberalismus auf dem Scherbenhaufen der Geschichte verendet, und nicht gleich den ganzen Kapitalismus. Wieso jener angeblich dort gelandet sei, weiß ich nicht, jedenfalls zieht Augstein die große Trumpfkarte Berlins aus der Tasche: die Rettung allein bietet das “parlamentarische System“. Damit kriegt man gewiß auch den Kapitalismus hin.

Nun offeriert vermutlich jede der unsäglichen Talkshows, die der quirlige hauptstädtische Medieneigner durchstreift, einen guten Platz um bei solchen Bekenntnissen zum Parlament schnell die Beifalls-Regler aufzudrehen. Und gewiß werden alle anderen Mit-Talker dort einem Credo zum Reichstag eilfertig zustimmen.

Wir wissen aber nicht was der gute Mann damit eigentlich genau meint. Eine Art “Verfassungspatriotismus”, wie sie der Europa-Philosoph Jürgen Habermas immer wieder anmahnt? Oder die “wehrhafte Demokratie” von Berufsverboten bis zu Anti-Terror-Gesetzen, die seit Jahrzehnten die bürgerliche Grundrechte immer mehr einschränkt? Denkt er an die ökonomischen Freiheiten aus der “parlamentarischen Meinungsbildung” heraus, wie sie uns in den letzten 30-40 Jahren quer durch alle Parteien, Administrationen und Lobbys hindurch angedient wurde? Möchte er Grundgesetzänderungen, oder nur Beschwichtigungen zum Beispiel bei der “Schuldenbremse”?

Welche institutionellen Gefüge genau soll dieses ominöse “parlamentarische System” nach einem halben Jahrhundert “Reformen” im bestehenden Institutionensystem Deutschlands genau bezeichen – und zwar in dem Sinne, dass es als unhinterfragbarer Bezugspunkt gelten kann? Wenn man die administrativ-politische Seite betrachtet: welche der Parteien von schwarz-gelb-rot-grün sollen denn ihr Motor sein? Alle haben doch ihre gewichtige Rolle bei der Bildung der jetzigen Ordnung gespielt. Wenn man dann schon die oft recht harmlosen Linken noch als Drohung aus der Unterwelt malt, was bleibt dann vom “System”?

Vermutlich möchte Herr Augstein dem gewitzten Herrn Schirrmacher bei seiner konservativen Werteerneuerung beistehen oder dieser entgegenkommen, vielleicht “erneuertes” schwarz-grün, denn das ist doch noch nicht auf dem Scherbenhaufen gelandet. Und es droht nicht so.

Man möchte dem Berliner Zeitungsmacher empfehlen, das neue Buch des Freitag-Autors Georg Seeßlen zu lesen: “Blödmaschinen”. In ihnen beschreibt dieser das endlose Leerdrehen der Medienapparate mit Leuchtturmbegriffen, die mehr dem Politainment als politischen Impulsen dienen. So ist es: die politische Administration der Berliner Republik ist ein gutes Beispiel für solche Geräte.


Die Frankfurter Grünen und der Milieuschutz

Es hat sich bereits in der ganzen Republik herumgesprochen, dass die Grünen in der Schwarz-Grünen Frankfurter Römer-Regierung eine eigenartige liberal-konservative Rolle einnehmen. Dieser Übergang vom Realo zu Liberalo ist vermutlich der Masse der Grünen-Wähler nicht wirklich bewußt.

Allerdings verwundert es inzwischen viele vor Ort, dass zum Beispiel im grünen Herz-Stadtteil Nordend die immerhin seit bald 30 Jahren verlaufende Gentrifizierung von der ach so bodenständigen Partei nicht politisch registriert wird. Da mag auch die wirtschaftliche und politische Positionierung einiger grüner Parteimitglieder im Immobilienumfeld und anderswo eine Rolle spielen. Das grüne Wahl-Motto “Die Stadt gehört Dir” erhält so einen ganz anderen Geschmack, und zwar abseits der Entertainments um den Grüngürtel.

Kommunale ABG: Luxuseigentum im Nordend - der Speckgürtel kommt zurück

Kommunale ABG: Luxuseigentum im Nordend - der Speckgürtel kommt zurück

Der in Köln ansässige Deutschlandfunk, eine der wenigen etwas anspruchsvolleren Teleeinrichtungen hat es die Tage jedoch gemerkt, und schildert in einem kleinen Feature die Gentrifizierungs-Lage in Frankfurt. Der Beitrag soll in einem längeren Zitat zur Sprache kommen, er spricht für sich selbst.

“Ob eine Milieuschutz-Satzung tatsächlich garantiert, dass das Nordend künftig auch Wohnraum für Normal- und Kleinverdiener bietet, da ist selbst der designierte Planungsdezernent von den Grünen skeptisch. In München etwa hätten die Satzungen – seiner Wahrnehmung nach – die Preise kaum drosseln können. Ihre potenziellen Wähler nehmen den Grünen diese Skepsis übel, legen sie als Hilflosigkeit aus.

Felix Dufour besteigt sein Fahrrad und muss einem Geländewagen ausweichen. Der Rate hat enorm zugenommen – vor allem

“… die Edel Geländewagenrate.”

Der Gründer der Bürgerinitiative radelt durchs Nordend und zeigt weitere Fixpunkte fortgeschrittener Gentrifizierung. Ein ehemaliges Sechs-Parteien Mietshaus etwa, das nun von einer Familie bewohnt wird. Eine Rentnerin musste nach 30 Jahren ausziehen, weil sie nach der Sanierung plus Balkon die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Félix Dufour hält vor einem eleganten, neuen Mehrfamilienhaus. Die Besitzer der 250-Quadratmeter-Penthouse-Wohnungen – Quadratmeter-Preis um 4.700 Euro – kennt der Abendschüler nicht, aber

“Ich kenn’ Leute, die hier im Hinterhaus wohnen, die wissen schon Bescheid, die haben noch ein Jahr, dann müssen sie ausziehen, weil ihr Haus dann auch saniert und dem angeglichen wird.”

“Träume kann man leben. Und darin wohnen” – mit diesem Spruch wird die sogenannte Residenz vermarktet – Luxus pur mit Fußbodenheizung und Elektro-Rolläden, Bädern im Edeldesign und Sprechanlage mit Video-Monitoring. Ein Traum für Architekten, Makler, gut Betuchte. Ein Albtraum für Anwohner in der Straße, die den Sog fürchten, den ein solches Objekt in der Immobilienbranche entwickeln kann. Félix Dufour findet es frustrierend, dass sich in Frankfurt am Main auch die städtischen Wohnungsgesellschaften an der Luxussanierung beteiligen. Beispiel Wiesenhüttenstift, vormals Altenheim.

“Dass immer mehr so Kabuffs, Wohnanlagen entstehen, wo die Eigentumswohnungen verkauft werden, die dann eine schöne Front haben, aber überhaupt nicht mehr mit dem Rest des Viertels korrespondieren, da parken die dicken Autos davor, die Kinder spielen drinnen und nicht mehr draußen, das ist wie eine Burg.”

Die Wohnungsgesellschaften würden dazu beitragen, den Immobilienmarkt zu entspannen, kontert der grüne Planungsdezernent Olaf Cunitz in spe.

“Das Entscheidende ist: da ist kein günstiger Wohnraum in teueren umgewandelt worden, sondern es ist zusätzlicher Wohnraum geschaffen worden, und prinzipiell muss man sagen, brauchen wir in Frankfurt auch hochpreisigen Wohnraum für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Es gibt viele ältere Menschen, die wieder in Stadt zurück ziehen wollen, die sehr finanzstark sind, die gute Renten haben. Für die brauchen wir auch Angebote.”


Grüne - Die Stadt gehört dir

Die grüne Wählerklientel kann diesen Argumenten zu großen Teilen nicht folgen, manche liebäugeln schon mit der Linken. Die Partei also, die die Eigentumsrechte stärker beschneiden will. Schreitet jedenfalls die Gentrifzierung im Nordend und anderswo weiter voran, könnte aus dem kommunalpolitischen Höhenflug der Grünen in Frankfurt am Main eine Bauchlandung werden.

Den gesamten Beitrag  kann man Audio hier nachhören.


Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.