Frankfurter Gemeine Zeitung

Medienkompass: Freitag macht den Spiegel, Augstein den Schirrmacher

Eine Welle antisozialistischer oder “anti-linker” Bekundungen aus den deutschen Medienhimmeln umspült die Berliner politischen Einrichtungen derzeit. Sie reicht bis zu offenen Kotaus vor ihnen, trotz ihrer eher miserablen Verfassung. Über des Rot-Grünen Präsidentenkandidaten Gauck Warnung vor der Berliner Mauer beim Salzburger Opernpublikum und die Anregung des Liedermachers Wolf Biermann, die Linke einen Kopf kürzer zu machen kommt jetzt in diesem Sinne noch ein grüner Medienerbe hinzu. Er schickt dabei sein Blatt mit in den Berliner Wahlkampf, gegen den akut drohenden Sozialismus: offensichtlich reicht die Taz dazu allein nicht.

Der damit adressierte Freitag-Besitzer Jakob Augstein übernahm vor ein paar Jahren die einzige linke deutsche Wochenzeitung und unternimmt seitdem immer wieder Schritte zur “Verspiegelung” des Blattes. Eigentlich brauchen wir das nicht wirklich, davon gibt es tatsächlich schon genug.

Sein Leitkommentar in der aktuellen Ausgabe sieht 2 Verlierer gegenwärtiger Moderne, den Neoliberalismus und die Linken. Offensichtlich haben den Berliner Verleger  ähnliche Ereignisse bewegt wie kürzlich einen bekannten Frankfurter Zeitungs-Herausgeber:  auch Schirrmacher von der FAZ sieht Schwierigkeiten mit dem Kapitalismus wegen dauernden Unruhen und der Finanzkrise.

Während sich Schirrmacher jedoch noch rhetorisch guten Erklärungen von Linken zuwendet, verbaut Augstein gleich alle linken Strömungen und Fraktionen der Partei Die Linke zu einer drohenden stalinistischen Fratze. Sozialismus kann nur bei der Stasi enden, wo auch sonst, Basta!

Zum Glück sieht der besorgte Unternehmer nur den Neoliberalismus auf dem Scherbenhaufen der Geschichte verendet, und nicht gleich den ganzen Kapitalismus. Wieso jener angeblich dort gelandet sei, weiß ich nicht, jedenfalls zieht Augstein die große Trumpfkarte Berlins aus der Tasche: die Rettung allein bietet das “parlamentarische System“. Damit kriegt man gewiß auch den Kapitalismus hin.

Nun offeriert vermutlich jede der unsäglichen Talkshows, die der quirlige hauptstädtische Medieneigner durchstreift, einen guten Platz um bei solchen Bekenntnissen zum Parlament schnell die Beifalls-Regler aufzudrehen. Und gewiß werden alle anderen Mit-Talker dort einem Credo zum Reichstag eilfertig zustimmen.

Wir wissen aber nicht was der gute Mann damit eigentlich genau meint. Eine Art “Verfassungspatriotismus”, wie sie der Europa-Philosoph Jürgen Habermas immer wieder anmahnt? Oder die “wehrhafte Demokratie” von Berufsverboten bis zu Anti-Terror-Gesetzen, die seit Jahrzehnten die bürgerliche Grundrechte immer mehr einschränkt? Denkt er an die ökonomischen Freiheiten aus der “parlamentarischen Meinungsbildung” heraus, wie sie uns in den letzten 30-40 Jahren quer durch alle Parteien, Administrationen und Lobbys hindurch angedient wurde? Möchte er Grundgesetzänderungen, oder nur Beschwichtigungen zum Beispiel bei der “Schuldenbremse”?

Welche institutionellen Gefüge genau soll dieses ominöse “parlamentarische System” nach einem halben Jahrhundert “Reformen” im bestehenden Institutionensystem Deutschlands genau bezeichen – und zwar in dem Sinne, dass es als unhinterfragbarer Bezugspunkt gelten kann? Wenn man die administrativ-politische Seite betrachtet: welche der Parteien von schwarz-gelb-rot-grün sollen denn ihr Motor sein? Alle haben doch ihre gewichtige Rolle bei der Bildung der jetzigen Ordnung gespielt. Wenn man dann schon die oft recht harmlosen Linken noch als Drohung aus der Unterwelt malt, was bleibt dann vom “System”?

Vermutlich möchte Herr Augstein dem gewitzten Herrn Schirrmacher bei seiner konservativen Werteerneuerung beistehen oder dieser entgegenkommen, vielleicht “erneuertes” schwarz-grün, denn das ist doch noch nicht auf dem Scherbenhaufen gelandet. Und es droht nicht so.

Man möchte dem Berliner Zeitungsmacher empfehlen, das neue Buch des Freitag-Autors Georg Seeßlen zu lesen: “Blödmaschinen”. In ihnen beschreibt dieser das endlose Leerdrehen der Medienapparate mit Leuchtturmbegriffen, die mehr dem Politainment als politischen Impulsen dienen. So ist es: die politische Administration der Berliner Republik ist ein gutes Beispiel für solche Geräte.


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