Frankfurter Gemeine Zeitung

Finanzfurt: Raubtiermaschinchen

Nicht jeder glaubt, dass der zukünftige Chef der Deutschen Bank ganz im Alleingang zig Milliarden für diese als Investmentbanker verdient hat. Anshu Jain wird von staunender Öffentlichkeit trotzdem als gewiefter Akteur in besonders einträglichen Geschäften begriffen, fast so wie es schon bei Buddenbrooks abging, heute halt noch mit Screen dazu.
Ok, ganz so verhält es sich in Wirklichkeit nicht. Die Leute mit dem Geldhandel sitzen nicht dauernd in Dreiteilern auf Ledersesseln und leisten würdevoll Unterschriften. Weder der Daytrader in der Einzimmerwohnung noch der Broker mit dem Finger am Abzug des Highspeed-Algorithmus. Und letzterer macht als Computer-Programm in verdammt schnellen Maschinen heute eine ganze Menge der Geschäfte an der Börse. Ganz allein, auch in Frankfurt. Das nennt der FAZ-Leser dann „Algo-Trading“, und mit dem kommt eine Menge Zaster zusammen, eben auch der Profit des agilen Inders Anshu Jain, des künftigen CEO der Deutsche Bank AG.

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Geschätzt zwei Drittel aller Aktiengeschäfte der USA laufen heute bereits automatisch über Maschinen, in Deutschland vielleicht die Hälfte. Das macht die normale Geschäftsabwicklung einfacher und billiger, auch für die schmalbrüstigen Privatanleger mit ein paar tausend Euro. Käufer und Verkäufer kommen nur noch über Programm-Schnittstellen zusammen. Kein großer Arbeitsaufwand beim Händler, was sollte dagegen sprechen? Wenn das nur alles wäre!
Nun geht es beim Aktiengeschäft in hohem Maße um Kursschwankungen und um die Differenzen zwischen Kauf- und Verkaufserwartungen: wenn ich dir ein Papier für mehr verkaufen kann, als ich selbst dafür bezahlt habe, dann bleibt die Differenz auf meinem Konto. Mehr auf dem Konto ist das Ziel aller Transaktionen mit Wertpapieren, was sich auch immer an schönen Gebilden („EuroStoxx Security Plus Zertifikat“) davor aufbaut.
Wie man das besonders lukrativ macht, darum kümmern sich Rechenknechte. Entweder welche aus Fleisch und Blut (“Quants“), oder die aus Silizium. Erstere sind Mathematiker oder Informatiker und sie bauen unter anderem die Algorithmen, einfacher: Rechenvorschriften für letztere. Sie bekommen dafür nur einen Bruchteil der Besoldung von Herrn Jain, aber mit 800 Euro am Tag lässt sich noch leben, wenn auch nicht so wie mit 50.000 (auch am Tag). OK, wenn die Rechenknechte aus Indien kommen, ist es für sie nur ein Drittel, aber Wohnung in Eschersheim inklusive.
Die Computer errechnen aus den Rechenvorschriften oder Programmen möglichst schnell und trickreich, wie man passende Kursdifferenzen so nutzt, dass besagtes Plus auf dem Konto bleibt. Etwa auf dem Konto des Brokers, des Technologie-Traders, des Fonds oder der Bank.
Dazu muß das Maschinchen nur ganz schnell sein, Zeit ist Geld, besonders hier, rund um die Börse. Seit Jahrhunderten ist mein Wissensvorsprung gegenüber anderen Verkäufern und Käufern entscheidend: wenn ich als erster weiß, dass das Schiff aus Ost-Indien untergegangen ist… Heute muß mein Chip-Rechenknecht nur möglichst fix rauskriegen, wo jemand sitzt der (vielleicht) etwas kaufen oder verkaufen will, was ich woanders günstiger verkaufen oder kaufen kann. Und günstiger geht es dann, wenn mein Apparat schneller als der von Käufer oder Verkäufer mitkriegt, was Sache ist, also wo der Preis des gewünschten Wertpapiers aktuell steht.
Das schnellste Maschinchen bringt deshalb am meisten auf dem Konto, was  besonders dann gilt, wenn der Highspeed-Computer in der Nähe der Börse steht: da ist der Weg nicht so lange. Wieso das? Weil es um Millisekunden geht und verdammt viele solcher Deals gemacht werden sollen. Zum Beispiel 1000 die Sekunde. Dann sind 5 Cent pro Aktie interessant, besonders wenn jeder Deal schon 1000 Aktien umfasst. (Stimmt: wären dann 50.000 plus auf dem Konto – die Sekunde, die Stunde hat 3.600 Sekunden, besser: nicht weiter rechnen!) Da zählt wirklich jeder Meter für die Elektro-Wellen mit dem Geld auf dem Weg zwischen Trader-Computer und Börsenplatz.
Vielleicht sind die Handelspartner etwas langsamer, etwas weiter weg, dann klappt das Geschäft mit der Preisdifferenz besonders gut. Die Handelspartner sind eben zunächst auch „nur“ Computer, Algorithmen, die Kauf und Verkauf abwickeln, diesem also zustimmen. Sie berechnen die Bedingungen, unter denen sie sich auf einen Deal einlassen, sie ENTSCHEIDEN buchstäblich darüber.
Nun arbeiten die Algorithmen mit allen möglichen Vorgaben ihrer Firma, und die können jeweils zwischen Käufer und Verkäufer erheblich differieren. So gibt es solche Finanzakteure, die besonders schnell viele solcher automatischen Geschäfte abwickeln sollen, und die gerade darin ihr Geschäftsziel, ihre primäre Profitquelle sehen. Sie arbeiten deshalb zuweilen mit besonders pfiffigen Algorithmen, die anderen Maschinen bestimmte, für sie vorteilhafte Marktsituationen „vorgaukeln“, um dann aus den Preisdifferenzen vieler Käufe und Verkäufe Geld zu schlagen. Damit sind wir bei den blitzschnellen „Raubtiermaschinchen“ angekommen. Sie kaufen und verkaufen etwa in hohen Summen, bloß um andere Maschinen (also Händler) anzustoßen, jetzt zu für sie vorteilhaften Preisen zu handeln, und zwar möglichst oft und möglichst bei vielen Händlern. Um mehr geht es bei diesem Handel tatsächlich nicht, aber auch das ist nichts wirklich Besonderes heutzutage.
Nun leben wir in einer Wettbewerbsgesellschaft und viele Firmen agieren mit den Automaten, wegen des gewissen Vorteils auf dem Konto eben. Entsprechend treffen Raubtiere der einen oder anderen Art in den Glasfaser- und Schnittstellenwelten um die Börsenplätze zusammen (und natürlich sind nicht alle Raubtiere Automaten). Manchmal kaufen und verkaufen sie wie wild, mit- und gegeneinander, ohne sich um die Umwelt zu kümmern. Das beisst sich dann, es kann zu einem kleinen “Algo-Crash” kommen und etwas Geld ist weg, aber fast immer nur Peanuts.
Noch mehr bleibt im Schnitt aber auf dem Konto des Brokers, des Technologie-Traders, des Fonds oder der Bank. Dafür muß dann jemand anderes buchstäblich Leistung erbringen, besonders jene, die selbst wenig Geld haben. Die brauchen es schließlich, aber das geht ja vielen so.

Und alles wegen der Raubtiermaschinchen, oder?


3 Kommentare zu “Finanzfurt: Raubtiermaschinchen”

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