Frankfurter Gemeine Zeitung

To be a VIP

Der Drang zu „wirtschaftlicher Freiheit“ in Deutschland und anderswo treibt immer neue Blüten, besser gesagt: bringt wegen der Vielzahl von Sonderrechten für eh schon Begünstigte immer mal wieder Bemerkenswertes an die Öffentlichkeit.

Nun war es Air Berlin, die kurz vor ihrer Pleite eine ganz besondere Begünstigungspraxis einstellen möchte, und deswegen kam sie in die Medien. Es sollen nämlich VIP´s aller Art und ihre Familien künftig nicht mehr kostenlos fliegen dürfen.

Ja, ihr habt recht gehört: die Leute mit guten Posten, hoher Medienbekanntheit oder einem dicken Konto können nicht nur wegen vieler „Miles and More“ durch Geschäftsflüge kostenlos in ihren Urlaub fliegen, sondern einfach unbegrenzt die Airline benutzen. Papa und Tochter dürfen gleich auch noch mit. Kaum zu glauben: die es wirklich nicht nötig haben, bekommen es geschenkt – so funktioniert unsere freie Marktwirtschaft.

Glanz und Gloria

Der Mechanismus arbeitet fast wie im echten Leben: auf den billigen Plätzen Sitzende finanzieren das lustige Treiben der Clans oben mit, und wenn´s zu viel wird mit dem Feiern stürzt die Maschine (hier: die Fluggesellschaft) eben ab. Fallschirme gibt es leider nur für die paar in der First Class. Ein zur Zeit wirklich bekanntes Spiel, wie es auch mit der Finanzwirtschaft, den gesellschaftlichen Infrastrukturen und Staaten funktioniert. “Air Berlin” steht so für das ganze Land.

Dem alten Matthäus-Effekt bereiten wir in Deutschland 2011 einen wirklich guten Nährboden: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat.“ Für unsere „Post-Moderne“ mit ihrer „Post-Demokratie“ scheint dieser altertümliche Spruch aus der Bibel (!) 2011 gerade zeitgemäß.

Sei es drum mit der Fliegerei, Kleinigkeiten dieser Art haben schon Grüne zeitweise ins zweite Glied zurücktreten lassen („Bonusmeilen-Affäre“ mit Cem Özdemir) Tatsächlich durchzieht eine breite Strasse von Vergünstigungen die „Eliten“, und das was sich in ihrem Schatten tummelt. Oder so dünkt. Während die Piefkes von nebenan etwas Selbstgekauftes auf den Grill schmeissen müssen, wird Glanz und Gloria vom Club nach Schloß Johannisberg in den Rheingau eingeladen, auf Kosten des Hauses natürlich, oder einfach nur zum Empfang der Hausbank am Buffet nach der Bilanzkonferenz an der Neuen Mainzer.

Sowieso Banken: während besagter Piefke seine Gebühren für Erspartes löhnen muß, bekommt der Erfolgreiche mit sechstellig aufgeladenem Konto vieles umsonst, muß weniger Gebühren oder gar nichts für seine Deals zahlen – von den zweistelligen Verzugszinsen auf dem Giro mal ganz abgesehen.

war nix

Diese Auswahl der echt Wichtigen funktioniert fast wie ein Perpetuum mobile des Erfolgs: es wird ihnen schön einfach gemacht, zu noch ein bißchen mehr zu kommen – bei so viel Hilfe.

Dabei hilft noch eine Menge anderes, angelegt im ganzen Betrieb der „freien Marktwirtschaft“ und ihrer staatlichen Subvention. Lassen wir solche Tatsachen beiseite, dass Gutverdiener Haushalts- oder Kinderbetreuungshilfen, Reisen oder Abendessen, Geschenke oder Einladungen steuerlich absetzen können, eben viele Dinge des ganz alltäglichen Lebens für sie faktisch steuerfrei sind. Und da komme nicht die ganz Schlaue und sage: „die müssen ja auch höhere Prozente an Einkommenssteuer zahlen“. Die 19 % Mehrwertsteuer zahlt grundsätzlich der Hartz4ler wie der Besitzer der Leiharbeitsfirma. Letzterer kann sie aber nach dem Lunch in der Freßgaß steuerlich absetzen, fast grundsätzlich.

Das sind aber eher Kleinigkeiten. Erstaunlich ist, dass Einkommensmillionäre mit der eigenen Firma letztlich problemlos Dienstleistende in ihrem Laden einstellen können, und dann das machen lassen, für was Piefke selbst Hand angelegen muß. In der Wohnung, im Garten, beim Einkauf und allen anderen Dingen helfen solche Geister für ein schönes Leben, und quasi ohne private Kosten.

Dann lässt sich daraus noch die Story erzählen, dass so schließlich Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch das bellt uns laufend aus den Medien an, für Jobs, welche auch immer, wird alles in Bewegung gesetzt.

Irgend etwas mit der Leistung und dem Erfolg an der ganzen Geschichte scheint mir nicht zu stimmen, und da gibt es noch ganz anderes zu erzählen!


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