Frankfurter Gemeine Zeitung

“Straßenabitur”- Leistungskurs Verschwörungstheorie

Annuit Coeptis

Wer einmal in letzter Zeit mit Leuten gechilled hat, die mehr “streetwise” als “schoolwise” sind, die zwar ihre Realschule mit Ach und Krach geschafft haben, aber dafür das „Staßenabitur“ mit einer glänzenden Eins bestanden haben, dem fällt folgendes auf:

Diese Jungs und Mädels entwickeln eine ungeheure Affinität zu Verschwörungstheorien bis zu dem Punkt, dass sie ihr „Wissen“ über die „Weltverschwörung“ ernsthaft für Bildung halten.

Ich mache mir in Diskussionen mit diesen Leuten gerne einmal den Spaß, mich diesen Theorien parodistisch-analytisch zu widmen und bin inzwischen so weit darin fortgeschritten, dass es mir nun möglich ist, diese unter Verwendung einfacher Schemata in quasi beliebiger Varianz zu reproduzieren.

Da ich ja bereits an anderer Stelle massiv für die freie Verbreitung von Gedanken und Wissen argumentiert habe, möchte ich nun meinen Worten auch Taten folgen lassen und stelle deshalb mein persönliches Wissen über die einfache Massenproduktion von Verschwörungstheorien kostenlos der Öffentlichkeit zur Verfügung, anstatt sie lukrativ zu vermarkten, wie das beispielsweise ein Jan Udo Holey (a.k.a. Jan van Hellsing) tut.

Hier also Florian K.´s Tips zur Erstellung eigener Verschwörungstheorien:

Wenn man nicht gerade Bill Gates ist, gibt es immer einen der mehr hat als man selbst und Personen, die mehr Geld und Macht haben, sind irgendwie suspekt.
Man kann also vor einem Publikum schnell Beifall finden, wenn man von „denen da oben“ spricht. Dies kommt immer gut an, denn der Zuhörer weiß sofort, dass er nicht gemeint sein kann, denn „die da“ sind ohnehin immer die Anderen.
Auf diese Weise schafft man eine gemeinsame Basis mit den Adressaten der eigenen Verschwörungstheorie auf der man sich nachher solidarisieren kann.

Wenn man erst den Schritt zur Solidarisierung seiner Zuhörer gegen „die da“ geschafft hat, kann man leicht mit einer wahren Behauptung Punkten:
„Die da oben sind vernetzt“

Das ist natürlich eine Binsenweisheit. Natürlich sind „die da oben“ vernetzt, denn welches Individuum ist nicht in irgendeiner Form innerhalb seiner sozialen Schicht vernetzt?

Da lassen sich naturgemäß schnell Beispiele finden à la „Politiker XY war auf der Soundso-Konferenz, auf der auch der Wirtschaftsboss YZ war“.

Hiervon leben Verschwörungstheorien, denn wo es keinen Beweis für eine Verschwörung gibt, kann man ihn einfach durch eine Glaubhaftmachung durch Einzelbeispiele ersetzen. Den meisten Diskutanten fällt dies irgendwann nicht mehr auf.

Nur was besprechen „die da oben“ eigentlich?

Bekanntlich ist die Welt ja schlecht, wofür es eine ganze Menge treffender Einzelbeispiele gibt.

Üben wir uns doch ein Wenig im „logischen Schlussfolgern“. Nehmen wir einmal an, der Satz „die Welt ist schlecht“ trifft zu. Wenn dieser Satz zutrifft, muss es dafür doch auch bestimmt eine Ursache geben, weil schließlich alles eine Ursache hat (weiß doch jedes Kind).
„Die da oben“ haben mehr Macht als wir, sonst könnten sie ja nicht „die da oben“ sein. Wenn „die da oben“ allerdings Macht haben, so können sie die Dinge auch ändern.
Da die Dinge aber sind wie sie sind, machen sich „die da oben“ schuldig, entweder durch ihr Handeln oder durch ihr Unterlassen.

Ganz klar also ist, dass das allgemeine Schlechtsein der Welt von „denen da oben“ verursacht wird und da ihnen, wie wir ja bereits untersucht haben, nicht die Mittel fehlen die Welt gut zu machen (schließlich sind sie mächtig), muss es an ihrem bösen Willen liegen.

Jetzt wissen wir also auch, was „die da oben“ auf ihren Konferenzen besprechen, nämlich, wie man „uns“ weiter ausbeuten, unterdrücken u.s.w. kann.

Aber natürlich müssen sich die da oben auch immer brav in ihrem Bösesein bestätigen und sich gegenseitig darauf hinweisen, dass sie zum eingeweihten Kreis gehören. Dies tun sie durch den regen Austausch von Geheimzeichen, die sie unter den arglosen Augen der Öffentlichkeit in versteckter Form überallhin platzieren.

Doch zum Glück gibt es noch aufgeweckte Geister, „truther“ und „Infokrieger“, die diese Zeichen ausfindig machen.
Zwar weiß von diesen ganzen klugen Köpfen niemand genau was die einzelnen Zeichen nun tatsächlich bedeuten sollen, aber das ist ja ohnehin mystisch, esoterisch und nur dem eingeweihten Kreis „derer da oben“ bekannt.

Wenn man es schafft, sein Publikum dazu zu bringen auch zum „truther“ oder „Infokrieger“ zu werden, dann gibt man ihm eine Möglichkeit sich aus der eigenen Bedeutungslosigkeit zu lösen und zu einem „Wissenden“ aufzusteigen, zu jemandem der kapiert hat, wie der Hase läuft.

Außerdem macht es einen Riesenspaß nach geheimen Zeichen zu suchen und das Tollste daran ist: Jeder wird leicht fündig!

Ein Beispiel dafür sind Pyramiden und Augen. Ist Euch schon mal aufgefallen, wie viele Pyramiden und Augen ein Mensch an einem Tag so sieht?
Die Dinger sind überall!

Und wo keine Pyramiden sind, sind zumindest Dreiecke. Das kann ich Euch auch ganz einfach beweisen:

Nehmt Euch eine Karte der USA und markiert darauf den Ort des Kennedy-Attentates, die Yale-Universität (home of the skulls and bones) und das Pentagon.
Jetzt müsst Ihr diese Punkte mit drei geraden Linien verbinden und schon habt Ihr was? Genau ein Dreieck!

Dies klappt übrigens immer, wenn Ihr drei irgendwie bedeutsame Orte auf einer Karte einzeichnet und mit drei geraden Linien verbindet. Erstaunlich, oder?
Sieht man daran nicht, welchen Einfluss die Verschwörung auf das ganze Weltgeschehen hatte?

Übrigens gibt es auch geheime Zahlenzeichen. Sehr verdächtig sind beispielsweise die 2 und die 3, da sie zusammen die Illuminatenzahl 23 ergeben.
Auch die 5 ist höchst bedenklich, denn sie bildet immerhin die Quersumme der 23.
Die 6 hingegen bildet die Grundlage der Zahl des Teufels 666 während die 9 als umgedrehte 6 gedeutet werden kann.
Eine hingelegte 8 steht für Unendlichkeit.

Werkzeuge wie Hammer, Meißel oder Zirkel sind in Wirklichkeit Freimaurersymbole und dass rechte Winkel böse sind, wusste schon Rudolf Steiner.

Auch Tiere können solche Symbole sein: Eine Eule steht für die Illuminaten und den Kopf eines Ziegenbockes kann man mit etwas Phantasie auch auf der Rückseite seines Personalausweises entdecken.

WidderkopfPerso

Klar! Wenn ich ein finsterer Verschwörer wäre, würde ich schließlich auch überall meine streng geheimen Zeichen hinterlassen.

Wer also auf diese Zeichen achtet, kann sich schnell eigene nützliche Erklärungsmuster für die Ungerechtigkeit der Welt zurechtlegen und sich diese selbst immer wieder bestätigen und das praktischerweise sogar OHNE sich dafür die Bücher von Jan van Hellsing kaufen zu müssen oder seine Zeit auf Infokrieg.tv zu verschwenden.

Aber weil sich das alles bei den Jungs und Mädels mit „Straßenabitur“ so gut verkauft, reiten auch die Rapper Sido und Bushido kräftig auf der Welle mit und bauen ein paar Freimaurersymbole in die Promo für ihr neues gemeinsames Album ein.

Ob ihr Album “23″ wohl ein Bestseller wird? Ich würde darauf wetten… schließlich macht ja sogar Peter Maffay mit.


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