Frankfurter Gemeine Zeitung

Gleichenstein. Ein Schauerroman

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Friedrich von und zu Solz zugleich zu Gleichenstein ist sprachlos. Wie von tausend Teufeln gehetzt ist sein Kammerdiener in das selten geheizte Sarkophagzimmer gestürmt, rufend “Die Straußensteaks sind alle!” Danach: Lähmendes, lastendes Schweigen.
Schließlich murmelt der Graf: “Grade jetzt, da ich Frau von Trotta erwarte, die ihr drittes Bein abholen will…Machen Sie wenigstens ein Feuer an. Oder nein, holen sie mir das Schleudertrauma!” Der Kammerdiener verschwindet. Ein Gewitter zieht auf und mit ihm die angenehme Benommenheit des Schleudertraumas im Frühherbst.
Die Vorhänge der offenstehenden Fenster bauschen sich wie die Röcke der Tänzerinnen des spanischen Hofballets, die Phillip von Anjou vor Jahrhunderten durch die Tapetentür des Gleichensteinschen Schlosses zu beobachten pflegte, um der Öde des Erbfolgekrieges zu entgehen.
Und tatsächlich bemerkt von Gleichenstein, dass Frau von Trotta bereits im Raum ist. Wie hatte er sie nur übersehen können? War sie überhaupt da? Oder war sie nur eine Fata Morgana?

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Er läutet nach seinem Diener:
“Sagen Sie Mayerhofer: Bin ich im Sarkophagzimmer? Sahen Sie mich dort grade? Sprachen wir miteinander? ”
“Jawohl, Herr Graf”
“Und wer ist da sonst noch?”
“Die Fürstin von Trotta.”
“Ah, dacht´ ichs mir. Sie können gehen.”
Er tritt zur Fürstin, die wie er jetzt sieht den Mantel aus sprechenden Hermelinen trägt, den er so an ihr liebt.
“Verzeihen Sie Fürstin, dass ich sie so lange übersehen habe, aber ich bin in letzter Zeit so zerstreut wie ein Ginsterbusch. Die Straußensteaks sind zur Neige gegangen und es wird eine Weile dauern bis der neue Strauß herangewachsen ist. Ich kann ihnen also nur einige Baiserreste der Hochzeitstorte meiner Schwägerin anbieten, die sie mir freundlicherweise überlassen hat. ”
“Das macht doch nichts, Friedrich. Baiser moi! ”

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Ihre Stimme klingt dunkel und kehlig, aber von Gleichenstein weiss, dass das nur daran liegt, dass die sprechenden Hermeline ihres Mantels jedes Mal in ihre Worte einstimmen. Ihr eigene Stimme ist eher unangenehm piepsig, was man hören kann, wenn die Hermeline schlafen.
“Sagen Sie mir nur eins, Friedrich: Haben Sie es? Das Bein?”
” Aber natürlich, meine Liebe, es liegt in einem der Sarkophag und wartet auf sie.”
“Kann ich es sehen? Jetzt gleich? Heute Nacht?”
Von Gleichenstein runzelt die Stirn und betrachtet die Wandtapisserie. Ist es nicht verständlich? Nur zu verständlich? Nur ALLZU verständlich? Frau von Trottas Gemahl war vor zwei Jahren verstorben. Testamentarisch hatte er verfügt, dass seine sieben Beine in alle Winde verstreut werden sollten, was auch geschehen war.
Einige hatte man in den verschiedenen Ländereien beigesetzt, die ihm gehört hatten. Eines war auf See bestattet worden, zwei wurden an unbekannte Orte in den Orient und die hintere Mongolei verschickt und ein weiteres im Lieblinspub seines alten Besitzer als Türstopper aufgestellt. Nachdem ihr Gemahl sie und die irdische Welt verlassen hatte, hatte Frau von Trotta den Schwur getan, nie wieder einen anderen Mann zu lieben. Aber kann der Bettpfosten des verwaisten ehelichen Schlafzimmers einer so leidenschaftlichen Frau auf Dauer genügen? Sie hatte sich deshalb überlegt: wenn es ihr gelänge, alle Beine ihres Gatten wieder in ihren Besitz zu bringen, wäre dies ein göttliches Zeichen. Sie würde sie alle nebeneinander in die große Glasvitrine des Salons aufstellen und sich dann neben der Glavitrine befreit ihrem Stahlknecht hingeben. Aber bis dahin, war es noch ein langer Weg. Von Gleichenstein räuspert sich. “Folgen Sie mir, Fürstin. Es ist der Sarkophag ganz hinten rechts. Ich glaube, dieses Bein ist das Geschenk des Tasmanischen Gesandten.”
Der dahingeschiedene Fürst von Trotta hatte sein ursprüngliches Bein bei der Schlacht um Braunschweig verloren. War dies geschehen, als er Braunschweig feurig erstürmte oder als er Braunschweig erbittert verteidigte? Von Gleichenstein weiss es nicht mehr ; zumal seitdem ein Mantel des Schweigens über Braunschweig liegt, ganz im Gegensatz zu dem Mantel der Fürstin, der sich auch jetzt wieder äußerst beredt zeigt. “Zum Bein, zum Bein!” rufen die Hermeline ungeduldig, und da liegt es: das prachtvolle dritte Bein. Von Gleichenstein dreht es vorsichtig herum, um der Fürstin das Siegel” Made in Tasmania” zu zeigen. Am Anfang hatte Fürst von Trotta nur ein einfaches Holzbein sein eigenen genannt. Aber schon bald ist ausländischen Gesandten, sowie der weitläufiger Verwandschaft eingefallen, dass es nun endlich etwas gibt, was sie dem Fürsten, einem Mann, der äußerst wohlhabend war und eigentlich schon alles besaß, guten Gewissens schenken konnten: Ersatzbeine. Seien es solche, die an Bodenunebenheiten oder besondere Feiertage angepasst waren, Beine von äußerster Kunstfertigkeit, regionaler Besonderheit oder eines, das kostbarste, mit einer persönlichen Widmung ihrer Majestät. Sieben Beine besaß der Fürst schließlich. Das letzte Bein hat bislang noch niemand zu Gesicht bekommen; jenes Bein, das er trug, als ein schrecklicher Tod ihn hinweg gerissen hatte. Die Fürstin betrachtet das Bein im Sarkophak mit glitzernden Augen. Ihre verschwenderischen Brüste heben und senken sich abwechselnd, wie von Gleichenstein beobachten kann bis sie schließlich hervorstößt: “Darf ich es… herausnehmen?” “Natürlich, Fürstin. es gehört jetzt ihnen.” Grade, als die Fürstin mit glühenden Fingern das Bein aus dem Sarkophak hebt, ertönt ein grauenhafter Laut. War es ein Schrei? Aber es schien nichts menschliches in ihm zu wohnen. Es kommt vom Fenster her, draußen aus dem Schlossgarten, auf den jetzt ein dichter, schwarzblauer Regen niederfährt. Von Gleichenstein und die Gräfin stürzen zum Fenster. Man kann jetzt deutlich hören: es ist :eine Geige. Jemand spielt im Regen, eine Folge abstruser Töne. “Paganninis vierundzwanzigstes Capriccio”, murmelt der Graf, “was zur Hölle….?”
Ein Blitz enthüllt blitzartig die Szenerie und tatsächlich, dort, dort, eine Gestalt, sorgfältig gegeltes Haar, das dem Regen trotzt, fast vollständig geschlossene Augen, ein eleganter Frack, ein weißes Einstecktuch. Die Gestalt spielt besessen eine Violine.

“Mein Gott…Jascha! Mein Sohn!”, schreit die Gräfin, “er ist aus der Heilanstalt entflohen! Friedrich, ich flehe an, retten Sie mich!”


8 Kommentare zu “Gleichenstein. Ein Schauerroman”

  1. Kai

    Da ist mal wieder ein typischer Bert

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