Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Spiegel: aus dem Medium der Kommandohöhen

Am letzten Wochenende demonstrierten unter der Parole „Occupy…“ weltweit Hunderttausende gegen herrschende Wirtschaftsstrukturen und den damit gekoppelten demokratischen Rückbau. Deutschland blieb davon nicht verschont, auch wenn es hierzulande in weit geringerem Maße als andernorts brodelte. Besonders in Frankfurt und Berlin als Finanz- und Polit-Hauptstädte kamen jeweils 5 bis 10 Tausend Menschen zusammen, um ihren Unmut zu bekunden und erste Schritte in Richtung einer Fokussierung von Protesten zu gehen.
Das erfolgreiche Quotenmagazin „Der Spiegel“ berichtete und kommentierte die Ereignisse in der für das Blatt typischen Weise, und da es sich dabei gut selbst als politischer Akteur in der Wirtschaftspolitik konturiert, möchte ich auf die Beiträge der Autoren Stefan Schultz und Jan Fleischhauer eingehen.

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Schulz berichtet als “Mitglied der Wirtschafts-Redaktion” aus Frankfurt, sozusagen als Augen- und Ohrenzeuge der Protestwelle gegen die hier beheimatete EZB und die vielen anderen Bankzentralen. Der Titel des Stimmungsbildes lautet: „Triumph der Träumer“. Wie der anspruchsvolle Leser aus Kindheitserfahrungen und Zirkus heraus schon fast erwartet, verbindet der Spiegeltext unter dieser Überschrift den Träumer mit dem Spiel, mit den lustigen Seifenblasen, erzeugt von hüpfenden Demonstranten: „Seifenblasen als Sinnbild der Proteste“ heißt es zusammenfassend. Seifenblasen ziehen sich durch Schulzes Text, von den lustigen Protestierern mit bunt blinkenden Plastikpistolen bis zu den Hochhäusern, an denen sie schließlich abprallen.
Das ganze Geschehen zwischen Hauptwache und EZB wird so unter der Brille von Eventcharakter abgehandelt: “Menschen tanzen zu Sir-Taki-Klängen gegen die Hellas-Krise. Andere schwärmen aus und verteilen falsche Zehn-Euro-Scheine auf den Straßen um den Platz. Immer wenn sich ein Passant nach einem der Scheine bückt, freuen sie sich diebisch.” Wie sollte es auch anders sein bei einem “Anführer”, der als Jungspund “mit der Selbstüberschätzung eines 20-Jährigen“ daher redet. Was will der gebildete Leser da ausser dem Vergnügen um die Blasen noch erwarten: “der Protest ist eine Goa-Party geworden, rund 200 überwiegend junge Menschen tanzen auf dem Platz.” Wie schön und naiv auch.
Das sind nette Bilder, und der Spiegel-Redaktion werden die Metaphern zu den 20jährigen Träumern und ihren so kleinen Blasen vor mächtigen Hochhäusern sicher gefallen. Der 30jährige “Wirtschaftsredakteur” Schulz, der anders als die ahnungslosen Finanz-Feinde auf der Strasse nach der Ausbildung in “Medienkultur” immerhin auf berufliche Erfahrungen beim Werbeblatt “Prinz” und Eventblättern des Axel Springer Konzerns zurückblicken kann, erwärmt damit vermutlich wirtschaftsgebildetes Leserpublikum. Zusammen fühlen sie sich den glänzenden Hochhausfassaden so nah, fast alles kann daran abprallen, nicht nur kleine Seifenblasen.

Schulz bereitet gleichzeitig das Podium für den Chef vor, der am nächsten Tag im Spiegel nachlegte und erst richtig gegen die linken Spinner ausholte.

Der echte konservative „Hauptstadt-Wirtschaftler“ Jan Fleischhauer zeigt immer gerne wo der Hammer hängt: „Liebe Autonome, wo bleibt der Aufstand?“ beginnt sarkastisch sein Artikel, und er kommt schnell auf den Punkt des ganzen: das „Problem des linken Aufbegehrens ist sein eklatanter Mangel an Originalität“. Eine „große Empörungskoalition gegen die Finanzwelt“, die bloß Seifenblasen, Sir-Taki und Goa zustande bringt, ist nun wirklich nicht mehr originell.
Aber da Fleischhauer in der Hauptstadt sitzt, und bei Spiegel-Wirtschaft wohl tatsächlich einen Posten deutlich oberhalb von Jung-Schulz einnimmt, wird noch mehr aufgefahren. Also in etwa wie Merkel im Verhältnis zu Jung-Rösler, der als Wirtschaftsminister vermutlich auf ähnlich viel Wirtschaftskompetenz wie Wirtschaftsredakteur Schulz zurückgreifen kann. Der eklatante Mangel an wirtschaftspolitischer Originalität zeigt sich für Fleischhauer darin, dass das affige Protestiere nicht „einen Gedanken enthielte, der nicht schon bei jedem Anti-Globalisierungsgipfel rauf- und runtergebetet wurde.“ Die Leutchen haben eben überhaupt keine Ahnung von Wirtschaft, so der gelernte Literaturwissenschaftler: „alles, was sich in den Erklärungen zur aktuellen Krise findet, sind Grundsatzreden gegen den “Raubtierkapitalismus”, also ziemlich genau das, was sich in zwei, drei Tagen ohne tiefere Kenntnis der Materie zusammenschreiben lässt“. Soso, da habt ihr es.
Dann zeigt uns der Spiegel-Berliner, was gutes wirtschaftliches Hauptstadt-Wissen heißt: „An dieser Krise sind nicht die Banken schuld“, wie doch jeder weiß. So viel Wissen raubt den Lesern fast den Atem, aber die allgemeine Kompetenz von Wirtschaftsjournalisten entspricht leider genau solchen Statements, sie nähert sich inzwischen gar dem Status von Versicherungsvertretern oder Anlage-Beratern. Untersuchungen konstatieren , dass in der Arbeit von Wirtschaftsredaktionen oft nicht viel mehr übrig bleibt als die nette erzählerische Aufbereitung der Presseverlautbarungen von DAX-Konzernen: sie recyclen die Sinnarmut solcher Texte solange, bis beim Publikum noch ein Hauch von Sinn aufscheint. Am besten mit soviel “Infotainment” aufgepäppelt, dass der belesene Finanzberater im Büro sie gleich für Verkaufsgespräche mit seinen besseren Kunden verwenden kann. Nun weiß Leser auch, warum Literaturausbildung in der Wirtschaftsredaktion viel zählt: zum Schweigen der Profis an den Finanzplätzen gehören die passenden Journalisten, die von ihren Kommandohöhen herunter fabulieren, was sich hinter dem Schweigen verbirgt.
Hinter dieser professionellen Nähe zum Finanzgeschäft scheint allerdings ein Moment von Wahrheit in Fleischauers Story auf. Sie betrifft den Vorwurf der immergleichen Geschichten bei linken Protestlern: ihre Grundlage bilden aber die traurigen Zustände der wirtschaftswissenschaftlichen Kommandohöhen und ihrer Institute, ihre lächerlichen und empirisch irrelevanten Theorien und Diagnosen gerade in den gegenwärtigen „Krisen-Zeiten“. Dazu kommt noch der ganze Kehraus, den die politisch Wohlbestallten daraus machen. Leider sind die Kritiker nämlich gezwungen, gegen den uns auch in den Medien – ala Spiegel – mitunter als „Wissenschaft“ verkauften Blödsinn  immer wieder mit einander ähnelnden, zugkräftigen Argumenten ins Felde zu ziehen. Bei soviel Starrsinn muß die Ansage eben wiederholt werden.

Und wenn deren Verständnis inzwischen sogar in 2 bis 3 Tagen erlernbar ist, wie es uns Fleischhauer eindringlich beibringt, dann zeichnet das doch eher ein trauriges Bild: und zwar von ihm, der Berliner Wirtschaftslobby und tölpelhaften Politikern drum herum, die das trotzdem nicht kapieren wollen.


2 Kommentare zu “Der Spiegel: aus dem Medium der Kommandohöhen”

  1. Bert Bresgen

    Jens Berger hat sich in seinem Spiegelfechter Blog u. den Nachdenkseiten mit ähnlichen Ergebnissen die Berichterstattung im Stern, der SZ und dem Tagespiegel mit Ausflügen zur WELT u. focus angeschaut. Sehr lesenswert. Die Welt forderte allen Ernstes von den demonstranten “mehr Demut”.
    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/7049/die-occupy-bewegung-und-die-scheuklappenmentalitat-der-leitartikler

  2. Bert Bresgen

    P.S. er stellt einen FR-Artikel positiv heraus;in der Tat erscheint mir die FR in der Berichterstattung zur Finanzkrise inzwischen recht gut.
    .http://www.fr-online.de/meinung/leitartikel-zu-den-occupy-demonstrationen-gebildet–arm–protestierend,1472602,11016334.html#init

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