Frankfurter Gemeine Zeitung

Eine ästhetische Analyse von “KulturCampusFrankfurt” anhand einiger Elemente dieses einzigartigen Gesamtkunstwerks. Teil 1: Print.

Vorwort (statt eines Vorwortes)

Entwicklung eines jeden Kunstwerks braucht seine Zeit. Goethe schrieb an seinem Faust sein Leben lang. Kurt Schwitters arbeitete an seinen MERZ-Bauten ebenso bis zu seinen letzten Tagen. KulturCampusFrankfurt, ein multimediales Kunstprojekt der Stadt Frankfurt, mit freundlicher Unterstützung des Mäzens ABG Frankfurt Holding, geht auch gut voran: die Stadt ist noch da und ABG Holding ebenso!

Gesamtkunstwerk des XX. Jahrhunderts könnte man nach der Beschreibung von Schwitters so definieren:

“Die Beschäftigung mit verschiedenen Kunstarten war mir ein künstlerisches Bedürfnis. [...] Mein Ziel ist das Merzgesamtkunstwerk, das alle Kunstarten zusammenfasst zur künstlerischen Einheit” (Merz, 1921)

Das neue Jahrtausend bedarf jedoch neuer Visionen, Fusionen, Vereinnahmungen und merge points zu einer künstlerischen Einheit. So verbindet Petra Roth, die Schöpferin des Gesamtkunstwerks KulturCampusFrankfurt Kultur, Wirtschaft, Ökologie, Ergonomie, Normen, Print, Web und alle anderen Medien und Aspekte:

Wir wollen dort ein Modell entwickeln: Als vorbildlicher Stadtteil, als entwicklungsfähiger Standort für Künstler, als ökologisch wertvolles Quartier. (KulturCampusFrankfurt.de)

Des Weiteren ist es wichtig,  anhand einiger Beispiele die Einzigartigkeit dieses Projektes zu betonen – heute nehmen wir unter die Lupe die symbolische SelbstDarstellung als Print. Morgen ist die gesellschaftliche SelbstDarstellung als Web dran.

Print.

plakat

Die Bürger Frankfurts [...] sind über insgesamt 40000 Flyer, die an private Haushalte vor allem in Bockenheim und im Westend verteilt worden sind, dazu aufgerufen, ihre Expertise in die Planungswerkstätten einzubringen. (KulturCampusFrankfurt)

Der Flyer der Einladung zu den Planungswerkstätten besteht aus einer allegorischen Darstellung des KulturCampusFrankfurt.

Im Vordergrund steht die sonnenumflutete Figur einer Violinistin, die wohl die erste oder die letzte (je nach der Interpretation) Geige spielt. Diese Figur ist jedoch keineswegs zentral, sie wirkt angenehm atmosphärisch, sie steht nicht im Mittelpunkt, so dass man die Ansätze einer Fluchtperspektive in Richtung Hintergrund erkennen kann. Unmittelbar vor diesem Hintergrund endet die Fluchtperspektive jedoch abrupt.

Dort nämlich, im Hintergrund sehr unscharf und dezent, kaum noch erkennbar, befindet sich das Jügelhaus. Die Wiedererkennbarkeit ist durch den überlagernden serifenlosen Schriftzug “Kulturcampus Frankfurt”  erschwert. Doch scheint diese Wiedererkennbarkeit auch nicht intendiert zu sein, denn es geht ja nicht um das Vergangene, sondern um das Künftige.

In zwei rothen Textkästen befinden sich zwei  Veranstaltungshinweise:

“Wir bauen ein Modellquartier -
gemütlich, CO2-frei, mobil”

sowie

“Vom Universitätscampus zum Kulturquartier -
gemütlich, CO2-frei, mobil”.

Der anfangs jambische Versmass – vierfüssig in der ersten Zeile – weist auf die griechischen Vorbilder einerseits, andererseits auf die von Goethe bevorzugte Metrik hin. (Vgl. “Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor“). Die allmählich in Erscheinung tretenden Störungen der Metrik sowie der unreine Reim (quartier - mobil) symbolisieren die Erneuerung und Dynamik, die zwar nicht das ästhetisches Empfinden eines jeden Menschen  anspricht, doch “das ist der Lauf der Welt“.

Interessant ist in diesem Kontext auch die refrain-artige Wiederholung des kongenialen Slogans “gemütlich, CO2-frei, mobil“, der in sich alle relevanten Komponenten beinhaltet, die einen Kulturcampus ausmachen. Gemütliche und CO2-freie Mobilität wird ein wichtiger Begleiter des künftigen Kulturcampus sein: vor allem bei den Mietpreisen der geplanten Büros, Wohnräume und Galerien. Diese Mobilität bringt Frische nach Bockenheim – so wird es vermieden, dass in gleichen Räumlichkeiten das gleiche Milieu jahrelang vor sich hinmuffelt.

Das Symbolische wird in diesem Print-Objekt auf das Kontextuelle durch eine visuell gelungene Kumulation extrapoliert, so dass die Bürger nun die Werkstätten besuchen müssen, sonst wird es nichts mit der Bürgerpartizipation (dazu mehr im nächsten Teil).

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(Quelle: kulturcampusfrankfurt)

Im zweiten Teil werden die Online-Aspekte des Gesamtkunstwerks KulturCampusFrankfurt beleuchtet.


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