Frankfurter Gemeine Zeitung

Streiflichter Indien

Der FGZ-Korrespondent in Indien möchte mit “Streiflichtern” unsere Perspektive ein Stück aufweiten. Dort gibt es ausser billigen Programmierern und vielen Menschen eine Menge anderes. Zum Beispiel viele neue Atomkraftwerke. Die gefallen nicht allen.

Bewegungen – und auch keine

Landnahmen seitens Verwertungsinteressen sind hier in Indien an der Tagesordnung – bis hin zu veritablen Buergerkriegen. Lange waren Landnahmen fuer AKW lediglich ein Teil davon, ohne dass sich die Proteste explizit gegen die Atomkraft richtete. Auch in Jaitapur, Mharashtra war dies zunaechst nicht anders. Mittlerweile formiert sich allerdings landesweit die gegen AKW gerichtete Bewegung .

jaitapur

Hier gab es in den letzten Jahren die groesste Protestbewegung mit ueber 250,000 Teilnehmern und vielen Toten. Das liegt sicher an den gigantischen Ausmassen ( 6 x 1,600 MW) dieses Vorhabens, dem mehrere tausend Familien zu weichen haben. Der Standort ist knapp 200 km suedlich von Bombay (ueber 20 Mio Bewohner) und noch naeher am boomenden Puna (ueber 5 Mio), um nur die beiden goessten Ansiedlungen zu nennen. Und mittlerweile dehnt sich die Bewegung aus, so wurde im suedlichen Tamil Nadu die Inbetriebnahme eines Meilers von der Bevoelkerung verhindert. Auch im benachbarten Kerala (im indischen Suedwesten) formiert sich der Protest gegen ein geplantes Kraftwerk in der Naehe der regionalen Hauptstadt.

Schuetzenhilfe für die Initiativen kam von der franzoesischen Aufsichtbehoerde, die dem Jaitapurerbauer AREVA Schlampigkeit bis zur kriminellen Aktion vorhielt. Dies stiess auf offene Ohren hier, zumal dabei bekannt wurde, dass diese Technik noch nirgendwo erprobt wurde und die Inder auf die Fertigstellung des ersten chinesichen Meilers dieser Firma warten.

Die Veroeffentlichung dieser Tatsachen hat bei der Atomlobby einige hektische Betriebsamkeit ausgeloest.

Zudem hat sich ein Klub zu Wort gemeldet und seine schweren Bedenken angemeldet, der nicht so ohne weiteres uebergangen werden kann: die Riege der serioesen Sicherheitsberater. Nicht Gegnerschaft zur Kernkraft zeichnet diese Herren aus, sondern ihre tiefe Sorge um das Vaterland. Dazu muss man den Standort Jaitapur kennen. Der liegt innerhalb der Reichweite pakistanischer Mittelstreckenraketen und die sind mehrheitlich nach Osten gerichtet – auf indische Ziele halt. Ausserdem befuerchten die Herren, dass die Kosten eines moeglichen Unfalls dem indischen Staat aufgebuerdet werden sollen, was sie nun ueberhaupt nicht gut finden koennen (s. Fukushima).

Nun musste eine gross angelegte Kampagne gestartet werden. Zum einen ist da noch das geltende Enteignungsgesetz, und das muss sofort weg. Die Leute von Jaitapur haben entdeckt, dass es da eine Schwachstelle gibt und sie auch prompt genutzt.

Bei Enteignungen muss der Entschaedigungsscheck gegen Quittung bei der zustaendigen Behoerde abgeholt werden, damit diese Rechtsgueltigkeit erlangt. Und genau dies tun die Menschen einfach nicht. Wie blöd fuer die Administration.

Zum anderen steht ein neues Entschaedigungsgesetz vor seiner Verabschiedung. Das darf das Parlament nicht passieren.

Der Entwurf sieht zwei wesentliche Punkte vor: einmal muesen 80 % der Betroffenen dem Projekt zustimmen und zum anderen wird die Entschaedigung auf das Sechsfache des aktuellen Marktwertes angehoben. Tja, Geschaeft im Arsch.

Auf diesem Hintergrund wurden Propaganda-Artikel in den grossen Zeitschriften lanciert, die das bekannte wieder aufbereiteten, die Technologie sei insgesamt sicherer geworden, die Endlagerung sei nicht mehr das grosse Problem, ueberhaupt habe es bislang nur vier nennenswerte Unfaelle gegeben. Dies alles verbunden mit der versteckten Drohung an die zunehmend wohlhabenden Mittelschichten, ihr muehsam erreichter Lebensstil koenne leider ohne AKW nicht aufrecht erhalten werden.

Ueberhaupt: die Prosperitaet des Vaterlandes entschiede sich mit dieser Frage. Der Premierminister bangt um die Nation und hat Obama schon mal erklaert, das seien alles keine Hindernisse. Und mehr als 40 Milliarden stehen auf dem Spiel fuer die franzoesische AREVA.

Kein Interesse an “Occupy”

Jetzt noch dazu, was hier keinen sonderlich bewegt, ausser kritischen intellektuellen Kreisen: die >Occupy-Bewegung< sie findet hier überhaupt nicht nicht statt. Wenn eine Menschenansammlung vor den Objekten gegen die sich Occupy richtet zu sehen ist (etwa Banken), dann kann man sicher sein, dass ein Vorstellungsgespraech abgehalten wird (open interview).
Hier heisst es jeder gegen jeden – und das im Wortsinne und um jeden Preis. Man will da rein und den entsprechenden Sessel besetzen, schliesslich hat man einen oft betraechtlichen Kredit zurueck zu zahlen. Aber das geht 20, 30, 40 % in Deutschland wohl auch nicht anders. Die nicht so Begueterten haben in Indien alle Haende voll zu tun, den Tag irgendwie zu ueberstehen, damit sie sich die kleinen Symbole der modernen Zeiten leisten koennen, oder noch nicht mal diese.

Beim naechsten Mal ueber eine Bewegung, die nur oberflaechlich apolitisch ist und ein sauberes, nicht korruptes Indien zum Ziel zu haben vorgibt.


Ein Kommentar zu “Streiflichter Indien”

  1. Daria

    Ich wollte egetnilich nur mal Hallo sagen. Euren Blog finde ich fundiert geschrieben und interessant. Auch wenn Ihr im Moment keine Themen behandelt, die mich interessieren. Ich betreibe selbst einen Blog zum Thema Weltmusik. Im Moment interessiere ich mich ffcr kurdische Musik vielleicht gibt es ja mal dcberschneidungen zwischen Eurer und meiner Arbeit.Bis dahin Mirjam

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