Frankfurter Gemeine Zeitung

Das ist der Virus

BKA
I.
Dies ist der Virus. Er sieht aus wie man sich in einem überkorrektem Traum eine Seite des Bundeskriminalamtes vorstellt. Tatsächlich behauptet er dies von sich selbst. Er taucht plötzlich auf wie ein Terrorist oder ein flüchtiger Bekannter. Hier, in meinem Zimmer auf meinem Bildschirm. Er sagt: “Es ist die ungesetzliche Tätigkeit enthüllt!” Illegale Software: Kinderpornographie, Sodomie, E-Mails terroristischen Inhalts. Die Sperre meines Computers dient dazu, meine illegale Tätigkeit zu unterbinden. Aber ich bräuchte nur 100 Euro zu überweisen, dann würde mein PC wieder freigeschaltet. Nur 100 Euro. Das ist das verlockende, die metaphysische Dimension: Zahle 100 Euro und alles, alles ist vergeben und Du kannst weiter machen.. Ob es Leute gibt, die darauf reagieren? Die Geld überweisen, weil sie sich schuldig fühlen? Für etwas, dass sie nicht begangen haben? Oder für etwas, dass sie begangen haben? Glauben sie, sie bräuchten nur 100 Euro zu zahlen, und das echte Bundeskriminalamt würde sich von ihnen, den Entdeckten zurück ziehen. Oder glauben Sie an das unechte Bundeskriminalamt? Wissen Sie, närrische Verbrecher, dass sie betrogen werden und zahlen trotzdem?
II.
Man kann stattdessen auch seinen PC in einen der kleinen PC-Läden tragen und bitten: Entferne den Virus! Befreie mich von ihm! Doch der Betreiber ist in Urlaub, gerade in diesem kritischen Moment. Grade diese Woche. Da ist ein Anderer, nicht nerdgesichtig wie er, sondern schwarzgelockt. Er verspricht den Virus in 3 bis 6 Stunden zu entfernen. Nach drei Stunden ist der Virus immer noch da, auch nach 6, nach 12, nach 24 Stunden. Ich harre in dem kleinen Laden aus, was sollte ich anderes tun, wo sollte ich sonst hin gehen? Es ist ein unüberschaubarer Betrieb: dauernd treten Leute herein, ihre Computer auf den Armen wie das verwundete Lamm Gottes. Alle haben einen Virus oder eine Beschädigung vor zu weisen, viele sind alt oder Ausländer. Einige haben ihre PCs in fette Decken gewickelt. Ein Familienvater sagt, seine Tochter habe nur kurz auf dem Computer der Nachbarin gespielt, jetzt sei er kaputt und die Nachbarin fordere Ersatz. Der Schwarzgelockte sagt: „Da ist keine äußere Beschädigung, der Computer hat sich selbst vernichtet. Deine Tochter trägt keine Schuld. Sag das der Nachbarin.“ Der Vater sagt: „Der Nachbarin? Die will ihren Laptop zurück. So wie sie ihn kannte. Sie fragt nicht danach, ob es wirklich meine Tochter war. Ich habe eine Haftpflicht, aber für die brauche ich ein Gutachten. Meine Tochter ist erst Neun.“ Der Schwarzgelockte sagt: „Besser sie wäre erst Acht, die Zahl der Unendlichkeit. Ich kann Dir ein Gutachten machen, aber dann wird die Versicherung sagen, schick das Gerät ein und dann werden sie sehen, dass deine Tochter nichts gemacht hat und nicht zahlen.“ „Schreib das Gutachten.“
Der Bittsteller verschwindet. Der Schwarzgelockte sagt zu mir: „Ich weiß nicht, wie mein Kompagnon das aushält. Es tut mir leid, dass Du schon so lange wartest…alle diese Leute mit ihren kaputten PCs und Laptops den ganzen Tag und dann die Eisblumen an den Fenstern den ganzen Tag. Der Virus ist noch da. Solle ich Dir die wichtigsten Dateien auf einen Stick kopieren?“
Ich sage: „Ich habe schon zwei Tage verloren wegen dem Virus. Hat der Stick dann auch den Virus?
Er lächelt: „Das ist eine interessante Frage. Ich habe nichts erreicht. Wer weiß“?
III.
Ich nehme den Laptop wieder mit und setze mich zu Hause an den Schreibtisch. Ich fahre ihn hoch. Die Seite des Bundeskriminalamtes ist weg. Stattdessen eine leere blaue Seite ohne jedes Icon. Rotes Blut sickert aus meinem Mund in einer schmalen Linie auf die Tastatur und bedeckt die Buchstaben. Es ist November draußen, aber noch gar nicht so kühl. Ich bin nicht ohne Zuversicht.


3 Kommentare zu “Das ist der Virus”

  1. Merzmensch

    Der Laden der PC-Retter hat etwas transzendentales in sich. Die Meta-Ebene des Alltags wird plötzlich aufgehoben – man bleibt in der Zeitstarre stecken.

  2. Bert Bresgen

    Genau das ist es und it was exactly like this, Merzmensch. Die Leute, die diesen Laden besuchten waren Jahrhunderte weit entfernt von dem, was man unter “Usern” verbucht. Der Besitzer schien ein merkwürdiges Interesse daran zu haben, dass ich bei ihm bleibe. Auch die Dialoge fanden genau so statt; ich habe nur den Satz “Die Acht ist die Zahl der Unendlichkeit” eingefügt; in Wirklichkeit sagte er : “Mit Acht ist man noch nicht verantwortlich für irgendetwas.” Sein Lieblingssatz war: “Ich weiss nicht, wann ich es machen kann. Lassen Sie mir die Nummer da. Ich rufe sie dann an.” Das sagte er zu jedem, der Verzweifelten, die hineinkamen. und mehr begehrten sie auch nicht zu wissen.

  3. Florian K.

    Auf Deine Fragen zu I. muss ich Dir antworten: Ja, ganz offensichtlich gibt es Leute, die die “Strafe” tatsächlich zahlen.

    Ganz sicher gibt es auch Leute, die tatsächlich das Viagra kaufen und schlucken, das ihnen mit den Worten “Dear freind, Viagra bestprice safemoney” angeboten wird.

    Und es gibt auch immer wieder Leute, die der Witwe des afrikanischen Multimillionärs XYZ ihr Konto zur Verfügung stellen um die vielen Millionen aus dem Land zu schaffen und sogar mit einer großzügigen Anzahlung für angebliche Anwaltskosten der Witwe in Vorleistung treten.

    Es sollen auch Leute beim Call-In-TV ihren ganzen Monatslohn vertelefoniert haben.

    Scheinbar kann keine Idee zu dumm sein, um nicht wenigstens ein paar Opfer zu finden, die tatsächlich zahlen.

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