Frankfurter Gemeine Zeitung

Ich habe das Guttenberginterview nicht gelesen

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Letzten Donnerstag kaufte ich mir die ZEIT. Natürlich: ich hätte schon längst darüber schreiben müssen, weil es ist ja schon fast wieder Donnerstag, die nächste ZEIT steht vor der Tür wie der unausweichliche zweite Advent, aber ich habe es bis jetzt nicht über mich gebracht. Nun: ich brauchte die Zeit für die Trauerarbeit an der ZEIT, sie verstehen. Ich kaufte sie spontan bei einem Zeitungsverkäufer. Eine Caprice gewiss, vielleicht naive Sehnsucht nach dem “Qualitätsjournalismus” früherer Tage, egal, ich sagte zum Zeitungsverkäufer ohne lange nach zu denken: “Geben Sie mir eine ZEIT, bitte.” Er antwortete: “Die kostet aber vier Euro.” Das hätte mich warnen sollen. Schon in den alten Mythen und den modernen Horrorfilmen gibt es ja diese indirekten Wächterfiguren, die die Helden warnen. Nie werden sie verstanden und immer ist es vergebens. Ich gab dem Mann ungerührt das Geld, schlug die dicke Zeitung auf, unbekümmert, und dann sah ich IHN, auf S.1. Er war der Aufmacher, wie die Presseleute das wohl nennen, und was er aufmachte, war: das Grauen. Karl-Theodor ist zurück. Jener, der dereinst das Comeback der Brilliantine als Symbol von Brillanz einleitete, feierte auf vier Seiten sein eigenes: ungerühert, ungegelt, sogar Brillenlos. Brillenlosigkeit is the new brilliance, oder wie?

Die ZEIT entglitt mir, ich las das Interview nicht, verschob es auf “später”. Konsequenterweise vergaß ich die ZEIT in dem Etablissement, in dem ich sie gekauft habe und machte mich auch nicht “auf die Suche nach der verlorenen ZEIT”. Inkonsequenter weise schreibe ich jetzt trotzdem über dieses Interview. Eine journalistische Todsünde, mögen manche meinen: ich schreibe über ein Interview, das ich nicht selbst, “im Original” gelesen habe. Aber man muss auch ein bisschen Verständnis für mich haben. Schließlich muss ich mich auch noch um ein paar andere Dinge kümmern. Um die Finanzkrise und den Euro und das WEB und “Wem gehört die Stadt”? und Occupy und das Theater und Weihnachtsgeschenke. Mal weinen meine Kinder, mal meine Frau, mal die Kinder meiner Frau, mal malt mal jener, mal malt ein anderer etwas. Da kann ich mich nicht noch mit so was belasten: vier Seiten Guttenberg im Originalton. Aber ich  habe viel ÜBER das Guttenberginterview gelesen, “ÜBER” das geht, das halte ich grade noch aus.

 Also, ich habe zum Beispiel gelesen, dass der Karl- Theodor der ZEIT gesagt habe, dass er keine Brilliantine und keine Brille mehr braucht, weil eine “reizende Ärztin” in den USA ihm gesagt habe, er bräuchte keine. Und dass er mit seiner Doktorarbeit durcheinander gekommen sei, weil er ”80  Datenträger” benutzt habe auf vier PCs gleichzeitig , da wusste er nicht mehr, wo ihm der Kopf stand und seine Kinder und seine Familie  und das Amt, und da habe er eben aus Versehen abgeschrieben, was sein “größter Fehler” gewesen wäre. Und so ein Kram steht mitten in einer großen Europäischen Krise auf vier großen Seiten in der großen ZEIT  und alle fragen sich, warum. Aber ich weiß, warum. Das habe ich nämlich auch gelesen:

Giovanni di Lorenzo, das ist der Chefredakteur, war mit dem Guttenberg im Hotel. Drei volle Tage lang! Das müssen Sie sich mal vorstellen! Da kann einen schon mal Stockholmsyndrom überkommen. Überhaupt : die ZEIT hat´s zur Zeit nicht leicht mit ihrem Qualitätsjournalismus: erst kommt der Steinbrück und macht mit dem Enkeltrick und ständigen Schachpartien den alten Haudegen Helmut Schmidt mürbe und jetzt schnappt sich Guttenberg Giovanni di Lorenzo drei Tage lang im Hotel. Aber im Grunde genommen weiß ich: Giovanni di Lorenzo ist gegen so was immun. Er hat ihn bestimmt gefragt: “Warum hören Sie nicht endlich auf zu lügen, Herr Guttenberg? Denn jeder weiss doch, dass sie lügen. Oder lügt vielleicht die Uni Bayreuth, die festgestellt hat, dass ihre Doktorarbeit eine bewußte Fälschung war und kein Versehen?  Und selbst angenommen, es stimmt, was Sie sagen: wenn Sie nicht mal mehr wissen, was sie selbst schreiben, wenn sie mit “vier PCs” nicht zurechtkommen: warum sollte man Ihnen jemals wieder ein wichtiges Amt oder gar die Rettung des Euros anvertrauen, über die sie daher schwadronieren? Stöhnt denn nicht Parteifreund Thomas de Maziere lautstark über die dilettantische Bundeswehrauflösung seines Vorgängers, der gerne zum Wiedergänger würde?”

Wie gesagt: ich bin sicher, dass Giovanni di Lorenzo als kritischer Journalist und Chefredakteur einer journalistischen Institution, wie sie die ZEIT darstellt, diese Fragen gestellt hat. Ich habe sie nur bisher  nicht gelesen. Weil ich das Guttenberginterview nicht gelesen habe.


5 Kommentare zu “Ich habe das Guttenberginterview nicht gelesen”

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