Frankfurter Gemeine Zeitung

Beten verboten

Keiner der uns je geseh´n hat, hätte das geglaubt/ Beten ist bei uns nicht erlaubt

Ich erinnere mich noch mit Freude an eine Anekdote aus meiner Wehrdienstzeit:
Ein Kamerad aus meiner Batterie (ich war bei der Artillerie) war trotz deutschem familiären Hintergrund Buddhist und folgte einer tibetisch-lamaistischen Ausrichtung des Buddhismus. Er hatte auf seiner Stube mit Zustimmung seiner Stubenkameraden auf dem Stubenspind einen kleinen Schrein errichtet, auf dem er gelegentlich Reis, Räucherstäbchen und andere kleine Gaben als Opfer darbrachte.
Sein vorgesetzter Unteroffizier bekam beim Stubendurchgang fast einen Herzinfarkt und brüllte ihn an, das Teil müsse sofort verschwinden. Der Kamerad ließ sich dies aber nicht gefallen und beschwerte sich beim Batteriechef, auch unter der Ankündigung die Sache gegebenenfalls bis zum Truppendienstgericht und zum Wehrbeauftragten weiterzutragen.

Das Ende vom Lied:
Der Kamerad hatte sich zwar bei seinen Vorgesetzten nicht gerade beliebter gemacht, aber der Unteroffizier bekam die unmissverständliche Anordnung die freie Religionsausübung des Rekruten nicht mehr zu behindern.
Für mich war dieses Erlebnis prägend, denn es zeigte mir, was eine freiheitlich demokratische Grundordnung, die es sich zu verteidigen lohnt, ist.

Scheinbar leben wir heute in einer anderen Bundesrepublik.

Am Mittwoch entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass ein junger Moslem in seiner Schule nicht beten dürfe. Begründet wurde dies mit der Wahrung des Schulfriedens.
An der Schule gäbe es interreligiöse Konflikte, die angeblich durch betende Moslems verstärkt würden. Dies kann ich mir sogar in gewisser Weise noch vorstellen, da eine Gruppe von Personen, die sich mitten auf dem Schulflur gen Mekka verneigt, durchaus dazu geeignet ist einen Massenauflauf unter neugierigen Schülern und eventuell auch Diskussionen auszulösen.
Doch hätte man das nicht anders lösen können als mit einem Verbot?

Das Bundesverwaltungsgericht sprach sich zwar nicht für ein generelles Recht der Schulleitung aus, religiöse Praktiken zu verbieten, gestand der Schule allerdings im vorliegenden Fall zu, dass es organisatorisch unmöglich sei, einen geeigneten Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die Gebete verrichtet werden können.
Dies mag ich einfach nicht glauben, auch wenn dies bereits vorinstanzlich durch das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg festgestellt wurde.

Da spricht einfach der gesunde Menschenverstand dagegen:
Wenn die Schüler bereit waren, unter den neugierigen Augen ihrer Klassenkameraden auf dem Schulflur zu beten, so wären sie sicher auch bereit gewesen, ihr Gebet in einem Pausenraum, einem Lagerraum oder Heizungskeller zu verrichten.
Wenn man gewollt hätte, hätte man einen Raum finden können, der zwar nicht ideal wäre, aber jedenfalls einen Kompromiss für alle Beteiligten dargestellt hätte, so meine Überzeugung.
Aber man wollte wohl nicht und es ist traurig zu sehen, dass deutsche Gerichte sich von dieser doch wohl eher fadenscheinigen Ausrede der Schule blenden ließen.

Ob in einer zunehmend islamfeindlichen Gesellschaft wohl System dahintersteckt?
In einer Pressemeldung hieß es, dem Schüler der die Klage führte, sei das „demonstrative“ Beten Richtung Mekka verboten worden. Auch dieses Wörtchen „demonstrativ“ ist in diesem Fall demonstrativ, denn es zeigt die islamfeindliche Grundhaltung des Verfassers der Meldung.

Zeit ist es, die freiheitlich demokratische Grundordnung, so wie ich sie kenne und liebe, zu verteidigen und dafür zu sorgen, dass dem Denken, das hinter dieser Gerichtsentscheidung und der Haltung der Schule steht, endlich Einhalt geboten wird.


9 Kommentare zu “Beten verboten”

  1. Stephan

    Wenn ich den Fall richtig verstanden habe, wollte der SChüler öffentlich beten, also nicht in einem Nebenraum. Einen “umgewidmeten Computerraum” hat er laut Süddeutsche Zeitung abgelehnt.

    Wenn die SZ hier nicht sinnentstellend berichtet hat, wäre es ihm von der Schule also ermöglicht worden, in den Pausen zu beten. Warum der SChüler den Raum abgelehnt hat wird heir leider nicht weiter berichtet.
    Trotzdem hätte sich die Schule vielleicht großzügiger zeigen können.
    Da der Schüler ja außerhalb der Schulzeiten beten kann (im UNterschied zu deinem Kameraden beim Bund), wäre es für mich eher eine Frage der Gleichberechtigung. Also: Wenn Christen die Möglichkeit haben, in den Pausen zu beten, müssen auch Moslems, Juden, Bhuddisten, … diese Möglichkeit bekommen.

  2. Stephan

    Der Link zum SZ-Bericht

    http://www.sueddeutsche.de/karriere/bundesverwaltungsgericht-entscheidet-schulfrieden-gefaehrdet-muslim-darf-nicht-beten-1.1223181

  3. Florian K.

    Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis.

    Allerdings ist es so, dass die Schule dem muslimischen Schüler den Computerraum erst in Reaktion auf eine einstweilige Anordnung des Verwaltungsgerichtes Berlin zugewiesen hat.
    Dies kann man in der Urteilsbegründung des Oberverwaltungsgerichtes Berlin-Brandenburg nachlesen.

    Zitat aus dem Langtext des vorinstanzlichen Urteils:
    “All dies macht es plausibel, dass sich die Schulleitung des D.-Gymnasiums in Reaktion auf die einstweilige Anordnung des Verwaltungsgerichts dazu entschieden hat, dem Kläger für die Verrichtung seines rituellen Mittagsgebets einen abgeschlossenen Raum zur Verfügung zu stellen, obgleich das Verwaltungsgericht zu einer solchen flankierenden Maßnahme nicht verpflichtet hatte.”

    http://www.gerichtsentscheidungen.berlin-brandenburg.de/jportal/portal/t/20cr/bs/10/page/sammlung.psml;jsessionid=CAD8BB641D5F3EFF5C6608A5B85C18E5.jpc5?pid=Dokumentanzeige&showdoccase=1&js_peid=Trefferliste&documentnumber=1&numberofresults=1&fromdoctodoc=yes&doc.id=MWRE100001916&doc.part=L&doc.price=0.0#focuspoint

    Und in der Entscheidung ging es ja eben auch genau darum, dass die Schule nicht zu organisatorischen Maßnahmen verpflichtet sei, die dem Schüler das Beten nach dem ihm vorgeschriebenen Ritus ermöglichen.

    Zitat (gleiches Urteil):
    “Daraus ergibt sich, dass der Wahrung des Schulfriedens dienende schulorganisatorische Maßnahmen, wie die Gestellung eines Raumes zur Verrichtung des Ritualgebets, von der Ermöglichung dieses Gebets letztlich nicht zu trennen sind. Damit setzt die vom Kläger angestrebte religiöse Betätigung notwendig flankierende organisatorische Maßnahmen der Schulleitung voraus. Das führt dazu, dass es dem Kläger nicht nur darum geht, Eingriffe in seine Religionsfreiheit abzuwehren, sondern dass er notwendigerweise gleichzeitig von dem Beklagten eine sächlich-organisatorische Leistung erstrebt, die in den einfachgesetzlichen Vorschriften des Schulgesetzes, dem die Konzeption des Einsatzes erzieherischer Mittel zugrunde liegt, nicht vorgesehen ist, und auch nicht unmittelbar auf verfassungsrechtliche Schutzpflichten zugunsten der Religionsfreiheit gestützt werden kann.”

    Hier liegt meiner Auffassung nach eine benachteiligend restriktive Interpretation der grundgesetzlichen Religionsfreiheit durch das Oberverwaltungsgericht und auch die Folgeinstanz vor.

    Denn die Ansicht, dass aus einem grundrechtlichen Schutzanspruch keine Verpflichtung einer staatlichen Stelle in Bezug auf zumutbare organisatorische Maßnahmen abzuleiten sei, widerspricht jedem gesunden Rechtsempfinden.

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