Frankfurter Gemeine Zeitung

Plan zur systematischen Wegirrationalisierung des Geistes in 5 Schritten.

Kein Foto vorhandenFangfrage aus dem Bereich Bibliothekswesen:
was tun, wenn man Platz braucht?

Antwort:
alte Bücher wegwerfen. Liest ja eh keiner.

Doch zunächst eine kleine Vorgeschichte: eine nicht näher genannte Hochschule. ZOOM. Irgendwo in Mitteldeutschland. ZOOM. In einer Stadt am Main, in der auch der Namensgeber der Hochschule einst in seine Windeln machte. ZOOM. Institut für Slavische Philologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Naja, zu konkret. Und Konkretsein is the new kitsch. Denn so etwas passiert bundesweit, täglich, jährlich, immer. Nicht  Einzelfall, sondern Regel.

Plan zur systematischen Wegirrationalisierung des Geistes in 5 Schritten.
Zum Ausschneiden und Verteilen bundesweit.

Schritt 1. Euphoria.

Ein geisteswissenschaftliches Institut wird gegründet. Alles floriert. Zahllose Promotionen, Habilitationen, Auszeichnungen, Publikationen, Ruhm und Lorbeerblätter, Beachtung in einem internationalen Maßstab.

Schritt 2. Survival.

Tempora mutantur. Hochschulleiter auch. Institut wird um die Existenz bedroht, und erfährt über die eigene Schliessung aus der Presse oder aus Gesprächen am Nebentisch in der Akademikerkneipe. Hauskommunikation ist so was von overrated. Es wird gekämpft. Lehrkräfte, Studierende, andere Institute, Dekan, alle sind in einer einzigartigen Solidarität verschmolzen. Es wird gekämpft. Es helfen aber keine Artikel in der Presse, keine hier stattfindenden bundesweiten Kongresse, keine außergewöhnliche Medien-Arbeit, keine Umstrukturierungen im Fachbereich, keine der Leitung entgegenkommenden Einsparungen. Und trotzdem: Es wird gekämpft.

Schritt 3. Es wird verloren, oder: Wegirrationalisierung.

Denn anscheinend zählt weder die wissenschaftliche Leistung, noch die Anzahl der Studierenden. Sondern der Drittmittel-Erwerb. Und die Markt-Attraktivität. Und das fehlt wohl bei einem geisteswissenschaftlichen Institut. Wie kann man sonst erklären, dass ein international prominentes Institut schlichtweg gestrichen wird?

Schritt 4. Überreste entsorgen.

Es bleiben noch einige Lehrkräfte da, weil noch Studierende eingeschrieben sind. Es bleibt auch die Institutsbibliothek da, weil die Studierende auch zum Abschluss kommen möchten. Doch keine Sorge, alles ist vergänglich. Der letzte Studierende geht und…

Schritt 5. Ragnarǫk. Apokalypse. Конец света. Oder wie Ihr es nennt.

Institut weg. Studenten weg. Bücher? Weg.

Als ich heute etwas Luft schnappen wollte, habe ich zufälligerweise erfahren, dass der komplette Bibliotheksbestand der Slavistik weggeworfen wird. Einfach so. Autodafé als Platzanschaffungsmassnahme. Heute war der letzte Tag, die Bücher zu retten. Ich war dabei.

Im Keller fand ich Tausende von Büchern. Bereit zum Abtransport auf die Müllhalde. Oder zum Recyclen, um in die umweltfreundliche Tabula rasa für BILD-Zeitung verwandelt zu werden. Universitätsbibliothek mistet aus.

Gemeinnützige Spende? Nada!
Hilfe bei der Aufbau einer öffentlichen Bibliothek? Niet.
Unterstützung der öffentlichen Einrichtungen? Keine, von der ich weiss. Und ich hoffe sehr auf eine Dementierung, ich hoffe sehr auf eine beruhigende Antwort (“Aber nein doch, diese Bücher gehen in die sicheren Hände, sie werden weiter wirken, sie werden weiter gelesen werden“), immernoch, sehnlichst, doch…

Komplette Werke von Tolstoj/Dostoevskij/Čechov/etc./etc. in Dutzenden von Bändern? (In Originalsprache, wohlgemerkt)
Weg damit.
Samizdat-Ausgaben aus NY und Paris, Unikate, wegen dessen Leute in Gefängnis gingen, weil sie sie lasen?
Weg damit.
Unzählige Zeitungen und Zeitschriften, Zeitzeugen aus dem XX. Jahrhundert?
Weg damit.
Erstausgaben aus dem XIX. Jahrhundert?
Weg damit.
Sekundärlektüre, unerlässlich für die Wissenschaft?
Weg damit.

Alles weg. Und ich stehe da mit zwei lächerlichen Umzugskartons vor den Regalen voller Bücher. Nur heute. Nächste Woche kommen Arbeiter, packen alles zusammen und – weg. Wieso erfahre ich darüber zu spät?

Ich habe das erste mal in meinem Leben keine Fotos gemacht. Ich konnte es nicht. War mir zu grausam.

Keine Sorge, liebe Bücher, die heute gerettet wurden. Ihr seid in guten Händen. Euch wird es gut gehen. Ihr werdet weder verkauft, noch geschreddert. What about andere Tausende von Büchern? Wechseln wird lieber das Thema. Ich kann’s nicht mehr.


Ein Kommentar zu “Plan zur systematischen Wegirrationalisierung des Geistes in 5 Schritten.”

  1. Archivar

    Schrecklich, was anderes zu sagen!

    Es ist wie die Verbrennung der Bücher…

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